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Die Wahrheit · 1904-08-26 · Heft 34 (26.8.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 34 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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♦ Die Vorlesung ans der Thora. Bon Dr. M. H. Friedländer. Die Institution der Thora-Vorlesung minn na-np soll nach talmudischer Behauptung eine uralte sein. Es heißt nämlich im jerus. Talmud Megilla IV. 15. b. Moses habe angeordnet, daß an Sabbath-, Feier- und Neumondtagen ein Abschnitt aus der heil. Schrift in Gegenwart der Gottesversammlung verlesen werde. Der Schriftgelehrte Esra ging dann einen Schritt weiter, indem er die herrliche, zweckentsprechende Anordnung auch auf Sabbath abends, Mischno, wie auf den zweiten und fünften Tag der Woche ausdehnte. Esra hatte damit nichts anderes beabsichtigt, als die Kenntnis der Thora verbreiten und die Begeisterung für dieselbe im Volke, welches er,, als es ans dem babylonischen Exile befreit wurde, in die alte Heimat zurückgeführt, wachzurufen. In Babylonien, wo die Juden nach der Zerstörung des ersten Tempels ungefähr siebzig Jahre im Exile weilten, war die Kenntnis der Thora aus ihrer Mitte geschwunden. Die "Exulanten suchten sich mit den Babyloniern, später mit den Persern, zu amalgamieren, zu assimilieren, buhlten sklavenmäßig um deren Gunst und glaubten sich dieselbe dadurch zu erwerben, Indem sie ihre eigene Religion, ihre Traditionen, Sitten und Bräuche verleugneten, babylonische und persische Sitten und Bräuche aber sich aneigneten. Was Wunder also, daß die herrlichen, erhabenen Lehren der Thora gänzlich vergessen wurden. Als nun später die Exulanten die Erlaubnis erhielten-, in ihr Vaterland wieder zurückzukehren, war Esra vor allem bestrebt, sie für den Glauben der Väter, für die Thora zu -erwärmen, zu begeistern. Er hielt in Gegenwart des ganzen I Volkes eine Vorlesung aus der Thora, trug ihnen nicht nur bie Glaubens- und Sittenlehren, nicht nur die Gesetze der allgemeinen Menschenliebe, sondern auch die auf die Hygiene der Wohnung, Kleidung, Nahrung, Reinheit und auf die ganze Lebensweise des Menschen Bezug habenden Vorschriften und Satzungen vor. Bei dieser Gelegenheit erfuhr das Volk, daß die Thora, deren Inhalt sie nicht mehr kannten, Gesetze enthalte, welche geeignet sind, das geistige und leibliche Heil und Wohl der Menschen zu fördern, und daß sie diese kostbaren Schätze der Religion auf fremdem Boden in so leichtsinniger Weise preisgegeben haben. Diese Wahrnehmungen verhehlten nicht einen solch tieferschütternden Eindruck auf die Gemüter zu machen, daß das ganze Volk in Tränen ausbrach. Da riefen ihnen Esra und Nehemia Iröstend zu: „Seid nicht so betrübt, denn die Freude in Gott, das beste Verttauen auf Gott ist Euere Kraft, Euere Macht und Schutzwehr! Die Reue, welche Ihr heute bekundet, beweist, daß Ihr Euch für den Glauben der Väter begeistert, daß Ihr für die Verbreitung der Kenntnis der Thora nunmehr Sorge tragen und somit auch Euerer hohen Aufgabe, als „Reich von Priestern", als die Träger der Gotteslehre, als Förderer der Humanität aus das glänzendste entledigen werdet." Man wird also jetzt leicht begreiflich finden, warum Esra auf das oftmalige Vorlesen der Thora ein so großes Gewicht gelegt. Uebrigens wird ja schon im fünften Buche Moses, der Behörde zur Pflicht gemacht, am Hüttenfeste des Erlaßjahres der versammelten Gemeinde, in der auch Frauen und Kinder anwesend sein mußten, das Gesetz der Thora vorzulesen. (5. M. 31.) Als sich das jüdische Volk in der nachexilischen Periode nicht mehr der hebräischen, sondern der aramäischen Sprache als Umgangssprache bediente, und es viele Idioten gab, denen das Hebräische ein Terra incognita war, so sah man sich genötigt, einen Uebersetzer (Meturgarncrn) anzustellen, der jedesmal den vom „Lore" in hebräischer Sprache verlesenen Abschnitt in der aramäischen Sprache verdolmetschen und erklären mußte. R. Jacob b. Ascher schreibt (O. Ch. 145): In der talmudischen Zeit war es Usus, den vorgelesenen Vers jedesmal durch einen Uebersetzer der der hebräischen Sprache unkundigen Masse zn verdolmetschen und zu interpretieren". Nach der Behauptung des Talmuds soll die Thora in Esra's Zeiten in aramäischer Sprache dem Volke gegeben worden sein. (Sanheär. 21 b.) Daß die Institution des Meturgamon eine allgemein beliebte war, bewerft der Umstand, daß selbst, die nicht aramäisch redenden Gemeinden dieselbe auftecht zu erhalten eiftigst bemüht waren, so die griechisch redenden Gemeinden im achten Jahrhundert. Im byzantinischen Reiche entstand im sechsten Jahrhundert unter den Juden ein heftiger Streit. Ein Teil derselben wünschte sehnlichst, daß der Vorlesung aus der Thora und den Propheten eine griechische Uebersetzung der Abschnitte für die Unkundigen und für das weibliche Geschlecht vorhergehen sollte. Die Frommen aber, vorzugsweise die Gelehrten, opponierten . dagegen, da sie sich durchaus nicht entschließen konnten, sich beim Gottesdienste der Sprache ihrer Peiniger zu bedienen. Dieser Streit,*) der später größere Dimensionen angenommen haben mochte, dürfte meines Dafürhaltens auch viel dazu beigetragen haben, daß man die aramäische Uebersetzung gänzlich wegließ. Ursprünglich in der talmudischen Zeit, mußte jeder zur Thora Gerufene selber den betreffenden Abschnitt vorlesen. Dieser Usus wurde aber später alreriert. Es hat nämlich viele gegeben, die wohl zur Thora gerufen zu werden wünschten, aber nicht die Fähigkeit besaßen, aus derselben korrekt den Abschnitt vorleseu zu können. Man sah sich daher genötigt, die Funktton der Thoravorlesung dem Vorbeter zn überttagen. (Tui*. P. Ch. 741.) Nichtsdestoweniger berichtet R. Ephraim b. Jsak, der Große, aus Regensburg, daß in der zweiten Hälfte > des zwölften Jahrhunderts der Usus des Selbstlesens in Griechenland und in der Lombardei noch fortbestanden habe. In Deutschland und Frankreich hingegen hatte zu jener Zeit schon der Vorbeter die Wochen- und Festabschnitte aus der Thora vorgelesen. (Qr Serua h. Sab. Nr. 42.) Nach talmudischer Anordnung mußten die Abschnitte nicht gerade von erwachsenen Männern vorgelesen werden, sondern auch Frauen und Knaben durften sie öffentlich vortragen. Allein die Rabbiner hielten es für unstatthaft, Frauen öffentlich vortragen zu lassen. (Megilla 23.) R. Jerubam aus Frankreich hingegen gestattete in Fällen wo die ganze Gemeinde aus lauter Kohanim besteht, die Zahl der „Schiwu Keruim“, nachdem ein Ko Heu vorgerufen wurde durch Frauen ergänzen zu lassen. (B. Jos. O. Ch. 135.) Bemerkt muß noch werden, daß in der talmudischen Zeit, wo der zur Thora Gerufene den ihm angewiesenen Abschnitt selbst vortragen mußte, bloß der Erste die „Vor-Beracha" und der letzte die „Nach-Beracha' zu sprechen hatten, die übrigen Keruim aber trugen blos die Verse aus dem Abschnitte vor, ohne eine Beracha zu sprechen. (Megilla 21 und Soferim 10.) Was nun den Zeitraum — innerhalb dessen der ganze Pentateuch vorgelesen wurde — betrifft, so war in der talmudischen Zeit in vielen Gemeinden Palästinas der dreijährige, in Babylonien hingegen der einjährige Zyklus üblich. (Megilla 29 b.) Der berühmte Reisende R. Binjamin de Tudela, der im zwölften Jahrhundert blühte, berichtet, daß er in Kairo in Egypten, eine aus palästinensischen Emigranten bestehende Gemeinde gefunden, bei der der dreijährige Zyklus noch üblich war. (Vgl. R. Binjamin de Tudela p. 50.) Auch Maimonides (M.Tefillah 13) erzählt, daß in manchen Gemeinden der dreijährige Zyklus noch Usus sei, jedoch verbreiteter sei der einjährige Zyklus. - (Schluß folgt.) *) R. Nitronal erließ folgendes Gutachten : Diesenigen, welche jdie aramäische Uebersetzung verschmähen und eine Uebersetzung der Umgangssprache verlangen, erfüllen nicht ihre Pflicht. Uebrigens kann es ihnen gestattet werden, von noch Jemandem die Thora auch in ihre Sprache verdolmetschen und interpretieren zu taffen. (O. Eh. 145.)

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