Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 34 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 34. gräbt man ihn nicht in Kleidern, sondern hüllt ihn in ein Stück Leinen. Den im Kriege gefallenen Juden begräbt man obligatorisch in dem Kostüm, das er im Moment des Todes trug. Nach unserem Gesetz soll der Mann mit dem Blute begraben werden, das seine Kleider durchtränkte. Das bezieht sich nicht auf die Inden, die in Friedenszeilen erstochen wurden oder ihr Leben durch Selbstmord endeten. Es versteht sich von selbst, daß, wenn irgend ein jüdischer Soldat stirbt, selbst im Kriege, aber dessen Blut nicht vergossen wurde, so wird er wie in gewöhnlicher Zeit begraben. Uebrigens gelten bei uns in Kriegszeiten nicht so strenge Regeln und mit Rücksicht ans die Verhältnisse läßt mau Ausnahmen zu. Auf dem Marsche, bei zeitweise schweren, anstrengenden Vorgängen wäre es nicht möglich, ganze Ballen Leinen für die getöteten jüdischen Soldaten mitzuschleppen und begräbt sie daher, wie es gerade kommt." .Haben Sie Nachricht darüber erhalten, daß die Warschauer Juden Schritte zuständigen Ortes eingeleitet haben, um einen Entscheid zu erwirken, daß auf das Kriegstheater Rabbiner und einige für ihre Ritualzwecke nötige Gegenstände geschickt werden? Haben Sie hierüber irgend welche Daten? „Solche und ähnliche Fragen werden gewöhnlich von Juden angeregt, die sich an Orten mit sehr dichter jüdischer Bevölkerung befinden. In Warschau z. B. zählt man bis zu 250.000 Juden. Die hiesigen Petersburger Juden bilden nur einen geringen Prozentsatz dieser ungeheuren Zahl, so daß wir selbständig selten etwas unternehmen lind meistens nur die Schritte unserer Brüder in der Provinz unterstützen und uns ihnen anschließeu. Was nun das Aussenden von Rabbinern ans den Kriegsschauplatz betrifft, so ist es fast gänzlich überflüssig, wie ich Ihnen schon oben erklärte. Was aber Gedrauchsgegenstünde für den jüdischen Ritus betrifft, so kann ich Ihnen sagen, daß diese Frage schon in bejahendem Sinne entschieden ist. Wir aus Petersburg schickten verschiedenes in den Krieg schon zu Ostern, d. h. im Vorfrühling. Und jetzt trifft man Vorbereitungen, um nach dem fernen Osten eine neue Partie derartiger Artikel zu den im Herbst bevorstehenden großen jüdischen Feiertagen zu schicken (Neujahr, Laubhüttensest, Versöhnungssest).' „Werden viele Spenden unter den Juden gesammelt?" „Wieder muß ich Ihnen sagen, daß man die Petersburger Juden nicht mit denen in der Provinz vergleichen kann. Erstens sind die letzteren zahlreicher, zweitens reicher, schließlich verfügen sie über bedeutende Summen zu Wohltäligkeitszwecken aus der sogenannten Körbchensteuer. Diese Abgabe, die von Fleischessern erhoben wird (in der Höhe von 1 bis 2 Kopeken pro Pfund) kommt nur in großen jüdischen Ansiedlungen vor, in Petersburg z. B. nicht. In einigen Städten ergibt die Körbchensteuer bedeutende Summen, z. B. in Odessa sammelt man jährlich bis zu 250.000 Rubel. Solche Ziffern von Kriegsspenden kann ich Ihnen allerdings nicht nennen, aber auf jeden Fall opfern die Juden für die Kriegsnöte nicht wenig." „Spenden Sie zugunsten der Juden, die in den Krieg ziehen, oder im allgemeinen für Kriegsbedürfnisse?" „Die Juden bringen ihr Geld wie andere russische Bürger für allgemeine Zwecke. Neben den direkten Steuern opfern die Juden nicht wenig Geld an anderen Stellen. So opfern die Kaufleute in der kaufmännischen Gesellschaft, die Unternehmer in ihren Kreisen, wo sie Aufträge und Arbeit haben u. s. w." „Und ist es wahr, daß nach Ihrem Neligionsgesetz es den Juden verboten ist, am Sabbat zu kämpfen, und daß in früheren Zeiten deshalb mit den Juden Abmachungen bestanden?" „Dem ist durchaus nicht so. Das Gesetz untersagt durchaus nicht, am Sonnabend zu kämpfen, wenn es nötig ist, aber es gebietet, nach Möglichkeit an diesem Tage den Streit zu vermeiden und im übrigen jederzeit, wenn das Heer dem Feinde Stirn an Stirn gegenübersteht, sich zu bemühen, die Sache friedlich zu begleichen. Allerdings gab es in alter Zeit, reich an Kriegen, unter den Juden wirkliche Fanatiker, die sogenannten Zeloten, die für nichts an einem uns heiligen Tage, dem Sonnabend, in den Kampf zogen. Wahrscheinlich, dank ihnen hat sich eine solche Ansicht gebildet. Möglich, daß aus dem bestimmten Wunschenicht zu kämpfen, unter den Soldaten ein Aufruhr entstand und eine Art Panik, die die Ursache dieser Bestimmung war. Aber jetzt, Gott sei Dank, gehört der Fanatismus zu den überwundenen Dingen und der heutige jüdische Soldat kennt solche Gedanken nicht. Zum Schluß muß ich Ihnen sagen, daß wir Juden alle heiß zu Gott beten, daß er dem tapferen russischen Heere den. Sieg schenke und daß dieser für uns alle russische Untertanen so schwere Krieg bald ende. Zu diesem Zwecke haben wir ein besonderes Gebet, das allwöchentlich beim Sabbatgottesdietisi in allen unseren Gotteshäusern gelesen wird. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Des Kaisers Geburtstag.) Am 18. August fanden anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers in sämtlichen Gemeinde- und Vereinssynagogen Wiens feierliche Gottesdienste statt. Auch aus allen Gemeinden in der Provinz werden Festgottesdienste aus diesem Anlasse gemeldet. Wien. Samstag, den 20. d. M., ist der Vizepräsident des Verwaltungsrates der niederösterreichischen Eskomptegesellschast, Hofrat Moriz Ritter von Borken au, gestorben. Der Verblichene, der vermöge seiner hervorragenden kommerziellen Tätigkeit in den weitesten Kreisen hohes Ansehen genoß, war vor Jahren auch Präsident der Wiener Kultnsgemeinde und widmete während seiner diesbezüglichen Amtstätigkeit namentlich den humanitären Institutionen der Gemeinde besonderes Interesse. Auch den Gemeindebeamten war er ein jederzeit wohlwollender Chef und Gönner. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, den 23. d. M., vom Trauerhause, 1., Landesgerichtsstraße 13, statt. Unter den zahlreichen Trauergästen, die nur zum Teile in den Gemächern Platz fanden, waren außer der Familie des Verstorbenen zu sehen: der Präsident des Verwaltungsrates der Eskompregesellschaft Sektionschef Freiherr v. Schwegel mit dem Vizepräsidenten Max Feilchenfeld, den Berwaltuugsräten Gustav Fidgor und Emil Freiherru v. Kubinsky, dem Direktor Gustav Bnnzl und den Oberbeamten dieses Bankinstituts, Generaldirektor Palmer, Ministerialräte' Dr. Wladimir Globocnik Edler v. Sorodolski, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern mit den beiden Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und kaiserlichem Rate Hirsch, zahlreichen Vorstandsmitgliedern, sowie dem Sekretär kaiserlichen Rate Dr. Lieben, der Vorstand der Chewra Kadischa, der Präsident der Börsekammer Miller v. Aichholz, Generalrat kaiserlicher Rar Friedrich Sueß, die Bankdirektoreu Herz, Dr. Mikosch, Wilhelm Kux, Kuranda und Mayerhofer, der Vizepräsident der Advokatenkammer Freiherr v. Mayr, Dr. Adolf Stein, Regierungsrat Dr. Werner, kaiserlicher Rat Neuber, Baurat Stiaßny, kaiserlicher Rat I. Weil, Gemeinderat Zifferer, Dr. Wahrmaun, Börsenrat König, Hoflithograph Engel, Polizeikommissär Dr. Pollak und viele andere. Nach der Zeremonie im Hause wurde der Sarg auf die israelitische Abteilung des Zentralfriedhofes gebracht. Ein Blumenwagen konnte die zahllosen Kränze kaum fassen. In der Zeremonieuhalle hielt nach den rituellen Gebeten und Gesängen, die Oberkantor Singer unter Assistenz des Chores vortrug, Oberrabbiner Dr. Güdemann dem Verblichenen einen Nachruf. Hieraus erfolgte die Beisetzung. Wien. Sonntag, den 21. d. M., ist eine der edelsten und hochsinnigsten Frauen Wiens, Frau Negine W e r t h e i m b e r, aus dem Leben geschieden. Vereint mit ihrem bereits vor Jahren verstorbenen Gatten, dem Banquier Philipp Wertheimber, stand sie unermüdlich im Dienste der Wohltätigkeit und nahm hervorragenden Anteil an den zahlreichen wohltätigen Institutionen, die hochherziger Gemeinsinn vor Jahrzehnten in der Wiener Kultusgemeinde geschaffen hat. Besondere Fürsorge wandte sie jenen Instituten zu, die die Förderung der Jugenderziehung der ärmeren Klassen bezweckten. Das Andenken dieser wahrhaft edlen Frau wird für ewige Zeiten gesegnet sein. Wien. Am 15. d. M. ist in Wildbad Gastein. die Gattin des Reichsratsabgeordneten Dr. Arnold Rappaport von Porada, Frau Laura von Rappaport, gestorben. Das Hinscheiden der Dame hat in allen Kreisen tiefste Teilnahme hervorgrrufen. Wien. In Kreuzlingen in der Schweiz ist am 15. d. M. Herr- Gustav Przibram aus Wien gestorben. Er war mit Charlotte geborenen Baronin Schey vermählt Seine Söhne sind Universitäts-Dozent'Dr. Karl Przibram und Dr. Hans Przibram. Baden. (F e st g o tt e s d i e n st.) In Anwesenheit des Kultusvorstandes mit dem Präses Herrn Moriz Leitner an der Spitze, wie einiger Herren der Behörden und eines zahlreichen Publikums, fand Donnerstag, den 18. d. M., um l/2ll Uhr vormittags, im Tempel der israelitischen Kultusgemeinde anläßlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers ein solenner Festgottesdienst statt. Derselbe wurde vom Oberkantor M. Seifert unter Assistenz des tüchtig geschulten Tempelchores mit Ma towu11 eingeleitet, worauf Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Wilhelm Reich die Kanzel bestieg und in einer erhebenden, schön durchdachten und von patriotischer Gesinnung hochgehaltenen Rede die Weihe des Tages zum Ausdrucke brachte, und schloß dieselbe mit dem Kaisergebete vor offener Bundeslade. Mit der Exekutierung der Bolkshymne schloß würdig und weihevoll die Kaiserfeier.