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Die Wahrheit · 1904-08-26 · Heft 34 (26.8.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 34 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Die Wahrheit Sekte 5. Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Srods. (Fortsetzung.) Unter Kaunitz' Herrschaft. Kaum war die blutige Metzelei vorüber, als der niedergehaltene Groll der Bevölkerung gegen die wie durch ein Wunder geretteten Juden von neuem erwachte. Während die Bürger ihre Zeit bald durch Kämpfe mit der Herrschaft, bald durch Hader mit dem Konsistorium vergeudeten und Wirtschaft und Gewerbe ob der vielen Klagen und Streitigkeiten vernachlässigten, arbeiteten die Juden emsig und fleißig mit ererbter Zähigkeit und gewohnter Beharrlichkeit und errichteten aus den Trümmern ihres Wohlstandes neue Unternehmungen. Das Gedeihen derselben stach den böswilligen Müssiggängern in die Augen. Neid und Schelsucht ließen sie dort, wo die Juden durch ihre Erwerbstätigkeit allein Erfolge erzielten, Uebervorteilung und Unredlichkeit erblicken und sie machten die denkbarsten Anstrengungen, um die Herrschaft gegen die Juden zu reizen und zu hetzen. So enthält eine von ihnen im Jahre 1684 eingebrachte Beschwerde an die fürstliche Regierung, welche nebenbei der Begünstigung der Juden angeklagt wird, folgende Forderung: „Das Volk sei durch die heidnischen Juden, die mit den armen Händlern stark konkurrieren, in seinem Lebensunterhalt bedroht. Dieses wolle die Gemeinde nicht dulden und bestimme deshalb, daß den Juden, wie es in alter Zeit Sitte war, die Vorstadt eingeräumt wurde, da sie doch ohnehin ihren Tempel dort erbaut hätten." Der Herrschaftsinspektor wies jedoch dieses Verlangen zurück. Nach vielen Verhandlungen kam 1686 ein Ausgleich zustande, bei dem die Juden ganz in die Untertänigkeit des Fürsten Kaunitz übergingen. Punkt 4 dieses Ausgleiches lautet: ..Die Juden können sich ob multas rationes nicht vor der Stadt aufhalten, sondern sollen in einem bestimmten Stadtbezirke, ivelcher ihnen von der Herrschaft angewiesen wird, miteinander wohnen und blos aus der Nivintzergasse. falls ein Christ irgendein Haus gegen gebührliche Bezahlung kaufen wollte, sich loskaufen, und zwar auf die Weise, daß sie sich um das Geld in dem genannten Judenbezirke wieder andere Häuser ankaufen oder aufbauen, ihren Vorteilen ohne Hindernis nachgehen und der Obrigkeit die schuldigen Gebühren entrichten können." Eine große Veränderung ist durch diesen Ausgleich in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung der Juden eingetreten. Während sie bis zum Jahre 1686 der Jurisdiktion des Stadtrates und der Obrigkeit unterlagen, wo sie ihre Klagen einbrachten, Zeugnis ablegten und den Schwur leisteten, Schutzgeld und Steuern zahlten, in allen übrigen aber unabhängig und selbständig waren, büßten sie, seitdem sie sich unter dem Schutz der Herrschaft stellten, ihre persönlichen Rechte, oie Freizügigkeit ein. Allein sie verzichteten gerne auf diese, denn sie gewannen dadurch Sicherheit, einen festen Boden, auf dem die streitsüchtigen Bürger ihnen nichts anhaben konnten. Andreas Kaunitz hegte Wohlwollen für die Juden, wenn er sie auch strenge behandelte, die kleinsten Vergehen mit großen Strafen ahndete und ihnen viele Gebühren auferlegte. Durch drückende Steuern wurde dem jüdischen Handwerker, dem es verboten war, für Christen zu arbeiten, die Ausübung seines Gewerbes erschwert und die Konkurrenzfähigkeit genommen. Der Schneider mußte jährlich 24 Gulden, der Fleischer 20 Gulden zahlen. Für den Handel mit Honig, Wachs und Vieh, für das Leihen auf Pfänder mußten sie große Abgaben entrichten. Als die Juden beim Regierungsantritte Maximilian Ulrichs (1707) die Huldigungstaxe von 6 Dukaten beim herrschaftlichen Rentamte zu erlegen vergaßen, mußte der jüdische Gemeinderat strafweise 24 Dukaten zahlen. Die Juden Pinkus und Löbl mußten (1715) für ihre Kinder, welche sich gegen das sechste Gebot vergingen, je 100 Dukaten Strafe zahlen. Als David Bock den Wein teurer verkaufte, als die Herrschaft bestimmte, legte ihm diese eine Strafe von 10 Dukaten auf. (1722.) Die Juden mußten zu den Kosten der Nachtwächter, Musketiere und zur Ausbesserung der städtischen Schanzen beitragen. Der Fürst legte ihnen auch eine Taxe für die Enthebung von der Frohnarbeit auf, die ihre körperliche Beschaffenheit nicht zuließ. Fast unerschwinglich waren die Abgaben fremder Ansiedler und der Auswanderer nach Ungarn, welche dort das ganze Jahr hindurch Geschäfte betrieben. Wenn sich ein fremder Jude in Brod niederließ, war er verpflichtet einen Taler zu entrichten. Der neu eingesetzte Rabbiner, dessen Wahl der fürstlichen Bestätigung bedurfte, mußte bei der Vorstellung ein Ehrengeschenk von 24 Dukaten entrichten. Die nach Ungarn abreisenden Juden mußten sich beim Herrschaftshauptmann melden und eine Abreisegebühr, nach der Wiederkehr eine „Willkommgebühr" geben. Einigen Juden erlaubte die Obrigkeit, die Frauen nach Ungarn mitzunehmen. Dieselben mußten außer anderen Gebühren jährlich 2 Dukaten sogenannte „Fraueugebühr' entrichten. Vermählungen von Juden, welche der Obrigkeit von Brod untergeben waren, hatten keine Giltigkeit, wenn dieselben anderswo als in Brod ftattfanden und wurden mit einer Strafe von 50 Dukaten belegt. Die hohen Feiertage, das Neujahrs-, Versöhnungs- und Laubhüttenfest, durften die Broder Juden nur in Brod selbst feiern. Aus diesem Grunde wandelten vor diesen Feiertagen die Juden massenhaft heim. 'Fortsetzung folgt.) Uom rnslrschjapanischett Kriege. Der Korrespondent der Petersburger Börseunachrichten hatte jüngst mit dem Rabbiner der Petersburger Gemeinde, Herrn Dr. A. N. Drabkin, das folgende Interview, das manche interessante Mitteilungen über die Juden im russisch-japanischen Kriege enthält: „Kämpfen viele Juden im fernen Osten in den Reihen des russischen Heeres?" fragte der Interviewer Herrn Dr. Drabkin. „Genaue Angaben, versteht sich, kann ich Ihnen nicht machen, um so mehr, als jeden Tag auf dem Kriegstheater neue Truppen eintreffen, aber nach meiner Schätzung sind es nicht weniger als 15.000." „Haben Sie nicht irgend welche Nachrichten über die kämpfenden jüdischen Soldaten und über solche, die sich im Gefecht hervorgetan haben?" „Nein, bis jetzt habe ich keine Mitteilung erhalten, die sich auf die im fernen Osten kämpfenden jüdischen Soldaten bezieht, aber ich habe dorthin schon einige Briefe an verschiedene Personen geschrieben, mit der Bitte, mir alles mitzuteilen, was irgendwie Bezug auf die jüdischen Krieger hat, welches ihre gegenwärtigen Bedürfnisse sind, wer von ihnen getötet oder verwimdet wurde, wer sich besonders auszeichnete und Tapferkeit bewies, wie sie ihre religiösen Pflichten erfüllen rc." „An wen wandten Sie sich mit diesen Fragen?" ..Außer an einige in höheren Stellungen befindliche Personen wandte ich mich an den örtlichen, in Charbin wohnenden Rabbiner. Außerdem versprach mir mein Sohn Korrespondenzen zu schicken. Er zog freiwillig in den Krieg und befinde; sich augenblicklich auf dem Dampfer Mongolia, wo er als Provisor die Hospitalapotheke verwaltet." „Aber auf welche Art können die geistlichen Bedürfnisse der Juden im Kriege befriedigt werden, wenn sich dort im ganzen nur ein Rabbiner findet? Er ist doch nicht imstande allen an ihn herantretenden Ansprüchen der jüdischen Soldaten, die über ein so weites Territorium zerstreut sind, zu entsprechen." „Das geschieht bei uns sehr einfach. Zur Vollziehung irgend welcher jüdisch-religiöser Handlungen, oder kurz des Gottes- „Wie begräbt man die Juden, die im Felde getötet werden?" . Ganz anders, wie in gewöhnlichen, ftiedlichen Zeilen. Wenn ein Jude an Krankheit oder Altersschwäche stirbt, so bedienstes, braucht man nicht unbedingt die Anwesenheit eines Rabbiners. Jeder Jude, wenn er auch noch so wenig mit dem Talmud vertraut ist, kann leicht den Dienst ausfüllen — den Geistlichen ersetzen. Besonders geeignet zum Ersatz des Rabbiners sind die Juden aus dem Weichselgebiet, wo sich viel belesene und in unserer Art geschulte Männer finden."

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