Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 34 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 34. Der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit der antisemitischen Gesinnung entspricht es auch, daß sie selbst vor dem — Kranken keinen Halt macht. Daß jemand angesichts eines kranken, leidenden Menschen an dessen Konfession denke, daß das Gefühl menschlichen Mitleides auch in diesem Falle nicht alle anderen Regungen unterdrückt, ist kennzeichnend für den Antisemitismus. Das „Deutsche Bolksblatt" hält sich berufen, jedes Jahr einen Beweis seiner antisemitischen Roheit zu liefern, indem es einen Kreuzzug gegen die armen polnischen Juden predigt, die Karls- - bad aufsuchen. Wir sind überzeugt, daß die polnischen Juden s nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und neidlos es sehen j würden, wenn nur die Antisemiten gezwungen wären — Kurj orte aufzusuchen. * * j * I Anläßlich des Sozialistenkongresses in Amsterdam schildert i einer der Teilnehmer an demselben das Judenviertel. Wir entnehmen dem Berichte nachstehende interessante Details: „Das Judenviertel ist eines der interessantesten Stadtteile. Amsterdam hat nach London die größte Judengemeinde West- Europas. Die Glaubensfreiheit, die hier zuerst in ganz Europa gewährt wurde, rief Juden aus Südeuropa und später in größeren Massen jüdische Einwanderer aus Deutschland und Polen herbei. Obwohl nun auch für die Wohnung keinerlei Zwang besteht, ist die Masse der Juden seit Jahrhunderten auf dem alten Platze, in diesem freiwilligen Ghetto wohnen geblieben. Und dies, trotzdem die Wohnungen dort nicht billiger und viel ungesünder sind. So stark ist die Macht der Tradition und des Vorurteils. In der Judenstadt ist das holländische Normalhaus, das wir in den Patrizierstraßen die Züge zurückhaltender Vornehmheit annehmen sehen, zum siechen Krüppel geworden. Wohl gibt es auch noch in diesem trübseligen Quartier deutliche Unterschiede von Besitz und Reinlichkeit. Aus Häuserzeilen, die leidlich gepflegte Stirnseiten zeigen, treffen wir ein Gewirr von Gäßchen, aus deren Fenstern das entsetzlichste, hoffnunglofeste Elend hervorblickt. Und es sitzt auch vor den Türen. Uralte, triefäugige, schon ganz in traumhaftem Dusel versunkene Frauen, neben einem Stand, auf dem Obst oder Gurken zum Verkauf liegen; vor Laden, in denen irgend welche Lumpenware hängt, feilschende Parteien; aus schmierigen Garküchen dringt ein unbeschreiblicher Gestank von Seefischen. Und neben dem in willenlosen Stumpffinn verfallenen Leben ohne Licht und Erwartung gellt neuer Lebenshuuger. Verlumpte, bleiche, oft von Hautkrankheiten angefressene Kinder rennen mit entsetzlichem Gejohl straßauf, straßab. In der Geschlossenheit des Ghettos scheint sich der Rassentypus noch schärfer herausgearbeitet zu haben. Manchmal taucht die echte Physiognomie der Straßenbuben auf, wie sie Murillo gemalt hat. Offenbar Spaniolenabkömmlinge. Aber in der Judenstadt bilden die Nachkommen der ans Portugal vertriebenen Inden nur einen geringen Teil der Bevölkerung. Die Spaniolen sind das patrizische Element unter den Amsterdamer Juden. Bemerkenswert ist, daß ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung von altersher zum Proletariat gehört — eine in Westeuropa einzige Erscheinung. Namentlich die Diamanffchleifer sind zum größten Teil Juden. Sie zählen zu den zuverlässigsten Mitgliedern der holländischen Arbeiterpartei. Von 12.000 Diamantarbeitern stehen mehr als 7000 in der Organisation." Ist die Iudenfrage lösbar? Ein Apostel der Assimilation, der die Zukunft und Bestimmung des Judentums in dem Ausgehen desselben unter den. es umgebenden Kulturvölkern erblickt, versuchte jüngst in der „Wr. allgem. Zeitung" die im obigen Titel gestellte Frage mit nachfolgenden Ausführungen zu beantworten. Wir glauben kaum, daß er heutzutage viele Juden mit seinen Konklusionen überzeugen wird, aber trotzdem wir mit dem Autor nicht übereinstimmen können, sehen wir uns dennoch veranlaßt, den Artikel wiederzugeben, um eine Handhabe für die richtige Beantwortung desselben zu bieten: Wie alle Fragen, die mit dem Leben-ganzer Völker Zusammenhängen, ist auch die Judenfrage nicht ohne Rest lösbar. Soweit sie lösbar ist, ist sie es nur teilweise auf direktem Wege, das heißt durch Bemühungen, die ihre Lösung zum Zwecke haben. Das meiste muß die allgemeine Entwicklung tun, die die Verhältnisse allmälig oder ruckweise ändert, Schwierigkeiten wegschafft, Klüfte ausftillt, Flächen an Stelle von Höhen setzt und umgekehrt; kurz, jene Entwicklung, die, wie in der Natur, so in der Gesellschaft niemals ruht. -Religiöse, wirtschaftliche, kulturelle, politische Aenderungen werden als Nebenwirkung die Lösung der Judenfrage mit sich führen.' Vor einem Vierteljahrhundert wäre dieses Urteil als eine bis zur Banalität selbstverständliche Wahrheit erschienen. Heute vermutlich nicht. Denn heute wird die Judenfrage anders, zum Teil roher, zum Teil viel tiefer aufgefaßt und angefaßt als in der Aera, die vom Anbruch des Ausklärungszeitalters bis zum Durchbruch der nationalisierenden und sozialisierenden Richtungen reichte und die man kurzweg die Aera des Liberalismus nennt. Lessing und Mendelssohn ahnten nichts von Rassenfragen, wußten nichts vom Kapitalismus und Sozialismus und waren in religiöser Hinsicht überzeugte Deisten. Die Bedeutung der Rasse ist erst in unserer Zeit entdeckt worden, und es ist das Schicksal jeder neuen Entdeckung, daß ihr Wert entweder überschätzt oder unterschätzt wird. Rassen gebildet zu haben, ist in der Tat ein Triumph der formenbildenden Kraft der Natur, wie es ein Triumph dieser Kraft ist, Persönlichkeiten zu bilden. Wer die Rassen ignorieren zu können glaubt, ist zum Verständnis der Menschheitsgeschichte nicht vorgedrungen, und das 18. Jahrhundert war allerdings in dieser Hinsicht so weit nicht wie wir; nur dürfen wir uns nicht einbilden, daß etwa. wir schon auf dem Gipfel der Weisheit angelangt sind und daß man über die geistigen Ergebnisse gerade von 1900 oder 1904 nicht hinauskommen werde. Was den Deismus betrifft, so ist in den Kulturländern seine Geltung sehr zurückgegangen, und er hat an den Glauben und an den Unglauben gleich viel Anhänger verloren. Für die Inden war dies unzweifelhaft ein schwerer Schlag; denn was immer man ihnen auch nachsagte, man rechnete es ihnen doch als Verdienst an, daß sie den Monotheismus — auch wenn eine schnellfertige Kritik damals den Egyptern wie heute den Babyloniern die Prioritätdes Gedankens zuschrieb — ansgearbeitet und der Menschheit vermittelt hatten. Sie galten als die bösen Geschäftsleute, die aber doch wenigstens einen für alle Zeit wertvollen Artikel führten. Ja, sogar die Zugehörigkeit von Jesus Christus will man ihnen willkürlich abstreiteu— gerade in dem Augenblicke, in dem sie anfingen, auf diese Zugehörigkeit stolz zu sein. Und um sie ganz zu vernichten, erheben just die modernsten Willensanbeter den Vorwurf, daß die Juden niemals religiös waren, weil sie die Welt nicht verneinten. An der geistigen Judenverfolgung teilnehmen, ist eine. Ein Sieg, den die Aufklärungszeit errungen hat, fft bleibend, eins ihrer Ergebnisse ist aus dem Anschanungskreise der westlichen Menschen nicht mehr zu entfernen und gehört, außerhalb eines Haufens von Fanatikern, zum Bewußtsein Aller. Im Mittelalter galt es nicht als selbstverständlich, daß die Juden das Recht hatten, zu leben; es galt überhaupt nichts als selbstverständlich; nicht nur die Juden, jede Klasse und Gruppe mußte sich mit einer schriftlichen Bestätigung darüber answeisen können, daß sie unter diesen und jenen Bedingungen das Recht habe, auf der Welt zu sein. Ganz besonders aber galt dies von den Juden, i a sie sich durch ihre Religion von den anderen unterschieden. Bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hinein dauerte sogar in Oesterreich stellenweise der mittelalterliche Zustand noch fort, und in Rußland gilt er noch heute; dort dürfen sich die Juden nur in einem bestimmten Rayon aufhalten, ausgenommen selbstverständlich, wenn sie sich taufen lassen. Im übrigen Europa handelt es sich nicht mehr um Gleichberechtigung, sondern um Ebenbürtigkeit. (Schluß folgt.)