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Die Wahrheit · 1904-08-26 · Heft 34 (26.8.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 34 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die antisemitische Presse spielt die harmlose Naive, die es gar nicht begreifen kann, daß ..die jüdischen Blätter" ernstlich verstimmt darüber sind, daß Erzherzog Franz Ferdinand'durch seinen Flügeladjutanten an das fürsterzbischöfliche Ordinat eine Zuschrift richten ließ, die sich mißbilligend darüber äußerte, daß mit kirchlichen Altertümern geschachert werde. Mit Verlaub. Das ist eine Fälschung, und zwar gleich eine dreifache. Die Mißstimmung, der auch wir Ausdruck verliehen, war durch die Tendenz hervorgerusen, die die christlich-soziale Presse in eine Enunziation Sr. k. u. k. Hoheit hineinlegte, gegen die niemand etwas einwenden kann, der frommen Glauben, religiösen Sinn und christliche Pietät zu würdigen weiß. Der Erzherzog fühlt sich verletzt, durch den Umstand, daß die aus den Kirchen stammenden Kunstgegenstände Gegenstand des Schachers bilden. Diese schöne Empfindung entspricht nur dem religiösen Sinne des Erzherzogs und seine Rüge kann nur jene treffen, die durch den Verkauf solcher Kunstgegenstände den Schacher mit denselben ermöglichen. Daß jene, die diese Verkäufe ermöglichen, keine Juden sind, liegt auf der Hand. Ebenso klar und selbstverständlich ist es, daß es für den religiösen Sinn eines glaubenseifrigen Katholiken ganz gleichgiltig sein muß, ob die zum Verkauf gebrauchten Kunstgegenstände in den Buden in- oder ausländischer Christen, Juden oder Heiden anzutreffen sind. Sie sollen eben überhaupt nicht in Trödlerläden anzutreffen sein. Das ist so klar, daß wir mit aller Bestimmtheit es aussprechen, daß nur die ungeschickliche stylistische Einkleidung der erzherzoglichen Mahnung, für die lediglich der Chef seiner Käbinetskanzlei verantwortlich ist, die Möglichkeit einer antijüdischen Tendenz zuließ. Eine Fälschung ist es schließlich, wenn die christlich-soziale Presse den Anschein erregen möchte, daß die Bilden dem Erzherzoge Franz Ferdinand das auch dem einfachen Staatsürger gewährleistete Recht der freien Meinungsäußerung, soweit die Juden in Betracht kommen, absprechen wollten. Diese Impertinenz ist den Juden gewiß ferne. Sie wehren sich nur dagegen und das mit vollem Recht, daß man m einem Erzherzog willkürlich einen unlogischen Gedankengang imnimmt, damit man ihm eine antijüdische Gesinnung unechten könne. * * Wenn jemand den Trägern von Kronen und den höchsten Persönlichkeiten im Staate das Recht der freien Meinungsiußerung, soferne es sich um Juden handelt, verkürzen will, so | ist dies lediglich und ausschließlich die — antisemitische Presse. Zahlreich sind die Fälle, in denen diese Presse Enunziationen Sr. Majestät unseres Kaisers, die durch das offizielle Korrespondenz-Bureau übermittelt wurden, unterschlug. Den Mut, die offiziell beglaubigte Aeußerung zu fälschen, brachten die antisemitischen Blätter nicht auf, und da mußten sie sich begnügen, zu dem — Unterschlagen ihre Zuflucht zu nehmen. Daß diese antisemitische Presse Aeußerungen fremder Souveraine und Staatsmänner, wenn sie eine Brandmarkung des Antisemitismus enthielten, ihren Lesern unterschlugen, ist nach alledem selbstverständlich. Vor einigen Monaten erst wollte der Zufall, daß kurz nacheinander, innerhalb zweier Tage, Aeußerungen des englischen Ministerpräsidenten Balfour und des deutschen Kanzlers Bülow über den Antisemitismus in der ganzen europäischen Presse mitgeteilr wurden. In den Wiener antisemitischen Blättern hat man sie vergeblich gesucht. Freilich, die Herrschaften hätten sich selbst ins Gesicht geschlagen, wenn sie ihren Lesern z. B. mitgeteilt hätten, daß der leitende Minister des großen mächtigen England den Antisemitismus als eine epidemische Krankheit bezeichnete, die er von seinem Lande ferne halten möchte, weil sie nur Verderben und Unglück bringe. * * * Fälschen und Unterschlagen gehören seit jeher zu den vornehmsten Waffen, mit denen die Judenfeinde den Kampf führen. Da darf man auch nicht staunen, daß die antisemitischen Blätter niemals und unter keinen Umständen freiwillig ihren Lesern gestehen würden, daß sie die Hetze gegen die Juden mit einer unwahren Beschuldigung betrieben hätten. Man erinnert sich noch, mit welchem satanischen und gefährlichen Eifer das „Deutsche Volksblatt" die Behauptung ausschrotete, der Mörder Plehwes sei ein Jude, alle Juden wurden für die Bluttat verantwortlich gemacht, gegen alle wurde die rächende und strafende Hand der Machthaber, und nicht allein der russischen, angerusen. Die Lüge, daß Plehwes Mörder ein Jude sei, hatte kurze Beine. Und sie gehörte aus begreiflichen Gründen zu jenen, die nicht gewaltsam aufrechterhalten werden können. Was tat nun das „Deutsche Volksblatt"? Vor zwei Tagen berichtete es, daß der Mörder Plehwes gestorben sein soll. Die Lügnerbande hatte aber selbstverständlich keinen Augenblick daran gedacht, ihren Lesern mitzuteilen, daß die Behauptung, der Mörder sei ein Jude, eine falsche war. * * *

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