Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 33 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8. Nr. 33. ich «och hervorhebeu, daß Dr. Straucher auch Präsident des in Czernowitz drehenden „Jüdisch-politischen Volksvereins" ist; neben, ihmist Abg. Wilhelm Tittinger Vizepräsident desselben Vereines. Ungemeininteressant ist die Wahl des Abg. Dr. Weidenfeld, der seiner politischen Gesinnung «ach Sozialdemokrat ist. Er kandidierte in Suczawa jedoch nichtals solcher, sondern als Jude. Seine Wahl ist nur dem Umstande zu verdanken, daß sein Gegenkandidat Fuchs die Aeußerung machte, daß es niemals dazu kommen werde, daß in Suczawa jemals ein jüdischer Abgeordneter gewählt werden wird. Aus diese Beleidigung hin reägicrte die Jüdische Wählerschaft, indem sie ihren Kandidaten, den Bürgermeister des Loges bewog, zugunsten des Dr. Weidenfeld zurückzutreten. Dr. Weidenfelb wurde als Jude gewählt, obzwar wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung die Sympathien der Juden nicht auf seiner Seite waren und er ohne diesen Zwischenfall gewiß nicht gewählt worden wäre. In den Städten Suczawa, Sereth und Radautz haben die Juden die Majorität. Oedenburg. Der hiesige israel. Schulstuhl hat wegen Besetzung Ler hier erledigten Direktorsstelle den Vorschlag gemacht, diese Stelle vorläufig nur provisorisch, d. h. dergestalt zu besetzen, daß sich in den Agenden des Direktors die Lehrer Rosenthal und Biro alternierend in der Weise teilen sollen, daß in jedem Jahr abwechselnd einer von den beiden Genannten die Leitung der israel. Volksschule führt. Wie wir nun von zuständiger Seite erfahren, hat aber der israel. Gemeindevorstand diesen Antrag nickt angenommen, sondern den Schulstuhl angewiesen, einen Vorschlag wegen definitiver Bestellung eines Schuldirektors zu' erstatten, worüber dann der Vorstand schlüssig werden und die Angelegenheit der Repräsentanz zur endgiltigen Entscheidung vorlegen wird. Berlin. Dr. phili M. Frankfurter, Sohn des Stiftsrabbiners David Frankfurter in Holleschau, ist nach abgehaltener Probepredigt einstimmig als Prediger und Religionsprofessor in Banjaluka gewählt worden. Berlin. Durch die Neuorganisation, die der deutsche Zionismus im Juni 1904 auf dem Hamburger Delegiertcntag empfangen hat, ist die gesamte zionistische Agitation in einem Berliner Zentralbureau vereinigt, anderseits sind aber in den neugegründeten Gruppenverbänden Stützpunkte geschaffen worden, von denen aus der Zionismus allmählich alle deutschen Gemeinden ergreifen kann. Das Zentralbureau der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist in Berlin, Friedrichstraße 58, II., Ecke der Leipzigerstraße, also im Mittelpunkt des Verkehres, vor einigen Wochen eröfftiet worden. Es hat Telephonanschluß (Amt I, 2604) und ist wochentäglich von 2—8 Uhr geöffnet. Mit dem Bureau ist eine Lesehalle verbunden, die den ganzen Tag über (auch am Sonnabend) geöffnet ist und nicht nur zionistische Zeitungen enthält. Lesehalle und Zentralbureau sind «nt dem Restaurant Baumann, das sich in demselben Hause befindet, verbunden. Das Restaurant Baumann steht unter der Aufsicht des Rabbinats der jüdischen'Gemeinde zu Berlin (Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher). So wird das Restaurant Baumann mit der Lesehalle der Zionistischen Vereinigung für Deutschland der Mittelpunkt des zionistischen Lebens in Berlin. Durchreisende Zionisten und Freunde jüdischen Lebens werden dort stets Anregung und Aufschluß über jüdische Verhältnisse erhalten. Berlin. Einen bemerkenswerten Beitrag zu dem im preußischen Justizministerium zur Zeit herrschenden Kurs liefert folgende Mitteilung: Ein Berliner Justizrat, der auf ttagische Weise ums Leben kam, hinterließ zwei Söhne, die beide Juristen sind und die Richterlaufbahn eingeschlagen haben. Aber während der ältere etwa 10l/2 Jahre auf seine Anstellung warten mußte, ist der jüngere nach D/a Jahren oder — unter Hinzurechnung seiner Militärdienstzeit — nach 2l/a Jahren als Richter angestellt worden. Und welches ist der Grund dieser so verschiedenarttgen Behandlung zweier übrigens gleichbegabter Brüder? Der ältere Bruder ist noch Jude, während der jüngere getauft ist. Dies ist die berühmte Gleichheit vor dem Gesetz, die den Juden angeblich gewährleistet ist. Frankfurt a. M. Der Tod des Professors Weigert in Frankfurt a. M. ruft wiederum die hohe sittliche Auffassung in Erinnerung, mit welcher man höheren Orts in Deutschland Staat und Gesellschaft zu retten bestrebt ist. W., ein geborener Münsterberger, hatte in Breslau unter dem „getauften" Julius Cohnheim seine medizinischen Studien gemacht und wurde dessen Lieblingsschüler. Als C. nach Leipzig als ordentlicher Profeffor berufen wurde, bestand er darauf, daß W. als sein Assistent an der Leipziger Universität Anstellung fand. W. wurde dann auch außerordentlicher Profeffor. Als C. starb, sollte W. sein Nachfolger werden, man verlangte aber seinen Uebertritt, dies lehnte W. ab, da unterblieb seine Beförderung. Das Senckenberg'sche Institut in Frankfurt a. M., eine der ältesten und vornehmsten wiffenschastlichen Gesellschaften, rechnete es sich zur Ehre an, W. zu berufen. Dort hat W. seine wissenschaftlichen Studien bis zu seinem Lebensende betrieben. Vor kurzem erfolgte seine Ernennung zum Geh. Medizinalrat. W. starb unverheiratet. Er war als Leipziger Professor verlobt mit der ältesten Tochter des Breslauer Rittergutsbesitzers Julius Schottländer, seines Landsmannes, bei dem sein Vater die Stelle eines Prokuristen bekleidete. Seine Neigungen waren nicht bei dieser „glänzenden Partie." und die Verlobung wurde kurz vor der Hochzeit aufgelöst. Er erschien damals vor seinem Vater mit den Worten: „Du hast einen armen, aber glücklichen Sohn." Seine ehemalige Braut heiratete später den inzwischen verstorbenen Leutnant Pringsheim auf Leuthen; sie trat nach seinem Tode über und verheiratete sich von neuem mit einem Maler. Zur Charakteristik der Grundsätze, welche in Universitätskreisen bis auf den heutigen Tag herrschen, mag noch die intereffante Taffache hinzugefügt werden, daß die Breslauer medizinische Fakultät zu einer Zeit in den 60er Jahren fast ausschließlich aus „Getauften" bestand: Cohnheim, Heidenhain, Lebert, Spiegelberg u. s. w. Ateratnr.;■ . Jesu wahres Christentum« Unter diesem Titel ist von eiyer Jüdin, Miß Nadage Doree, eine Schrift*) erschienen, die sich zur Aufgabe macht, zu zeigen, wie wenig die christliche Liebe, die so oft im Munde geführt wird, im Leben zur Anwendung kommt. „Wo ist die erhabene Lehre noch in Wirklichkeit zu finden, welche Moses gelehrt und das Christentum übernommen hat: Liebe Deinen Nächstem wie Dich selbst," ruft die Verfasserin aus (a. a. S. 60). „Wie wenige Christen haben die tiefe sittliche Bedeutung der Vorschrift des alten Testamentes begriffen, daß sie Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt mft allen Kräften^ lieben sollen." „Den Juden gebührt der Ruhm, die Religion der Menschlichkeit geschaffen zu haben." Zum Danke dafür werden sie verfolgt. Doröe ist, wie es nicht anders sein kann, von tiefster Entrüstung gegen die falschen Christen in Rußland erfüllt und ruft aus: „Der Verzweiflungsschrei der verfolgten Juden muß an das Ohr jedes Menschen, in jede Familie, in jede Kirche dringen, und heilige Christenpflicht ist es, solche Verfolgungen unmöglich zu machen." (a. a. O., S. 92 f.) „Alles was zu Jesu Lehre im schroffsten Widerspruch steht, ist hier (in Kischinew) in seinem Namen vollführt worden , . . alle diese gräßlichen und verruchten Taten sind unter den Augen christlicher Behörden von Leuten begangen worden, die sich Christen nennen. Solche Greuel verletzen nicht nur jedes Gefühl moderner Menschlichkeit — sie sind ein häßlicher Schandfleck, für den die christliche Welt direkt verantwortlich ist." (ä. a. O., S. 101 f.) Ist leider gar vieles, was die freimütige und edel denkende Amerikanerin in diesem interessanten Buche fordert, heute noch eine Utopie,, so wird man doch ihr strenges Rechtlichkeitsgesühl und ihre Unerschrockenheit bewundern müssen. Dr. B.. Altneuland Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas, Nr. 8 (August) ist soeben erschienen. Das Heft enthält u. A. einen Bericht von Dr. M. B l.a n k e n h o r n über die kürzlich erfolgte Einrichttmg meteorologischer Stationen auf jüdischen Kolonien in Palästina,, die er im Aufträge der Kommission zur Erforschung Palästinas vorgenommen hatte. Bei der Einrichtung der meteorologischen Stationen gelang es der Kommission, mit dem dentschen Verein zur Erforschung Palästinas Hand in Hand zu gehen und das Zusammenwirken auf diesem Gebiete zu sichern. Die Beobachtungen der jüdischen Stationen mit der Zentrale in Sichron Jacob, ebenso die Beobachtungen der deutschen Stationen mit der Zentrale in Jerusalem werden sowohl in „Altneuland", wie in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereines regelmäßig veröffentlicht werden. Es ist wohl überflüssig darauf zu verweisen, welche Bedeutung diese Einrichtung von meteorologischen Stationen in den jüdischen Kolonien sowohl für die allgemeine Erschließung, wie auch insbesondere für die Landwirtschaft haben wird. Prof. Dr.,O. Marburg fetzt seine Auseinandersetzungen über die Aussichten der jüdischen Kolonisation in Nord-Syrien auf Grundlage der Baumwollkultur im Gebiete der Bagdadbahn fort. Der höchst interessante und für die Kolonisation im Orient bedeutsame Aufsatz wird in der nächsten Nummer abgeschlossen. Prof. Dr. D. Schönfeld, Jena, berichtet auf Grund eigener Untersuchungen über die Halbinsel Sinai, deren Erforschung bekanntlich Gegenstand der zionistischen El-Nrisch-Expedition war. Auch dieser Aufsatz, dessen Behauptungen manchmal zu kühn zu sein scheinen, wird sicherlich mit großem Interesse gelesen werden, da Prof. Schönfeld das Land daraufhin prüfte, ob es das jüdische Volk während seiner 40jährigen Wanderung ernährt haben könnte. Er gelangte zum Schluß, daß dies wohl möglich war. Es muß natürlich noch das Ende seiner Ausführungen in der nächsten Nummer abgewartet werden, bis der Leser ein klares Bild über das in Frage stehende Gebiet erhält. Des weiteren enthält die Nummer den Konsularbericht von Damaskus von 1902, die Angaben über den Regenfall an der Küste Palästinas im vergangenen Winter 1903/4 von Dr. M. B l a n k e n h 0 r n (1. meteorologischer Bericht)^ welche dartun, daß das laufende Jahr ein durchaus wasserarmes ist, eine Besprechung von Arnold Rüegg's Werk „Auf heiligen Spuren — abseits vom Wege" von Dr. S. S 0 s k i n, schließlich Vermischtes und den Marktbericht. Redaktionsadresse: Berlin, W. 50, Regensburgerstraße 20. (Preis der Zeitschrift jährlich 6 Mark, Ausland 6.50 Mark.) Das A u g u st h e f t der illustrierten Monatsschrift für modernes Judentum „Ost und West" (Verlag von „Ost und West" G. m. b. H., Berlin NW. 23, Altonaerstraße 36) ist ganz dem Andenken des verewigten Führers der Zionisten, Dr. Theodor Herzl, gewidmet. Das mehr als das doppelte des gewöhnlichen Umfanges fassende Heft bietet eine reiche Fülle äußerst interessanten literarischen und Illustrations- Materials. Eine Reihe hervorragender Männer aus allen Ländern der Welt, die dem Verewigten im Leben nahe gestanden haben, vereinigten sich, um dem edlen und merkwürdigen Manne ein Denkmal von bleibendem Wert zu setzen. Die Abhandlungen bieten nicht nur höchst wertvolle Beittäge zum besseren Verständnis des Menschen Herzl und den Bestrebungen des Führers Herzl, sondern gewähren auch tiefe Einblicke in die innere Geschichte der zionistischen Bewegung, sowohl nach der intern-organisatorischen, als auch nach der externen diplomatischen Seite hin. Den Reigen eröffnet der berühmte-Orientalist und persönliche Freund des Sultans, Prof. Dr. H. V a m b e r y, Budapest, der in fesselnder Weise über die von ihm eingeleiteten Beziehungen des Zionistenführers zur Hohen Pforte berichtet, wie auch über die Beurteilung, die die Bestrebungen Herzls. am Goldenen Hörn fanden. Der hervorragende Wiener Publizist, Redakteur der „Neuen Freien Presse", Dr. W. Gold bäum, ein langjähriger Freund und Kollege Herzls, zeichnet in feinen Umrissen ein ergreifendes Bisd des Menschen und Schriftstellers. Während Israel *) Berlin 1904. S. Calvary & Co. Preis 1 Mark.