Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-08-19 · Heft 33 (19.8.1904) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 33 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063246--03217-3069957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 33. Die Wahrheit Seite 9. Vangwillin seiner prickelnden Weise „die große Tragödie" charakterisiert, die sich in Herzls Lebensgang spiegelt, gibt Max Nord au (Paris) in -erschütternden Worten dem Schmerz über den Heimgang seines Freundes und Mitkämpfers Ausdruck. Was der bekannte hebräische Publizist, N. S o k o l o w (Warschau) über die nur wenigen Eingeweihten zugänglichen Tagebücher, die Herzl hinterlassen hat, mitzuteilen weiß, ist geeignet, lebhaftes Interesse zu erregen, ebenso wie die Erinnerungen eines der hervorragendsten Führer der deutschen Inden, mit dem Herzl durch die Vermittlung des Oberrabbiners Dr. G ü d e m a n n bekannt wurde, und der wohl der erste war. dem der „Judenstaat" im Manuskript vorgelesen wurde. Dr. M. G a st e r (London) spricht eingehend und mit großer Sachkenntnis über die Zukunft des Zionismus, während Gustav G- Cohen m Hamburg, außer interessanten persönlichen Reminiszenzen drei sehr lesenswerte Briefe Herzls, die als Faksimile wiedergegeben sind, mitteilt. Heinrich Pork-Steiner (Wien) entwirft ein anziehendes Bild des .Zionistenführers im Kreise seiner Familie und seiner Freunde und schildert ferner die letzten Tage des Verblichenen. Einen tief empfundenen Nachruf Ividmet die Baronin Bertha von Suttner ihrem verewigten Freunde. Dr. I. E l j a s ch o f f (Warschau) gibt einige in die Tiefe von Herzls Eigenart führende Apercus. Dr. Martin B u b e r (Berlin) behandelt Herzls Verhältnis zur Historie, während Dr. Theodor Z l o c i st i lBerlin» in feinsinniger Weise auf Grund zweier Porträts des Verstorbenen, die -großen Wandlungen zeichnet, die sein Schicksal an seiner äußeren Erscheinung vollzogen hat und wie er allmählich verblutet ist. Nicht ohne tiefe Rührung wird mau die letzte litera>ische Arbeit Herzls (in Faksimile), -ein Aufruf an die jüdische Jugend, lesen. Auch einige der feinsten älteren Arbeiten des feinsinnigen Künstlers Herzl findet man hier wieder, wie: „Salon in Lydien", „Manschet", „Die Menorah". Gegen fünfzig glänzend ausgeführte Illustrationen schmücken das vornehm ausgestattete Heft, von denen die meisten interessante Darstellungen aus dem Leben und Wirken Herzls bringen. Erschütternd wirkt die Reproduktion des neuesten großen Gemäldes „Golus" von dem berühmten Maler Hirszenberg nebst zehn Einzelstudien zu demselben von einem erklärenden Text begleitet. So bildet dieses Heft an Inhalt und Ausstattung ein schönes und würdiges Denkmal der Pietät und der Erinnerung an den großen Toten. Mit Rücksicht auf den beträchtlich erweiterten Umfang des vorliegenden Heftes, wird dasselbe im Einzelverkauf zum Preise von Mk. 1, auf Knnstdruckpapier Mk. 1.50 abgegeben. Der „Union-Kalender". Der neue Jahrgang 5665 (1904/5) des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen „Kalenders für Israeliten" ist soeben erschienen. Die Vorzüge dieses bewährten Hilfs- und Hausbuches sind längst bekannt. Auch der neue Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet und im schematischen Teile war die Redaktion bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeiuden, ihre Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen, zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen V e r e i n s w e s e n die -größte Aufmerksamkeit zugewendet. Neu ausgenommen wurde ein Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen. Der literarische Teil bringt eine fein empftmdene Würdigung der dichterischen Persönlichkeit des im Vorjahre verstorbenen Schriftstellers .Karl Emil Franzos ans der Feder des Rabbiners Dr. Simon Mandl, dann eine interessante Reminiszenz unter dem Titel: „Die Juden und das Jahr 1809", von Dr. Tänzer, ferner eine spannende Erzählung aus dem modernen Wiener Leben, von „Nom de guerre“. Die handliche Form und elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß volle Anerkennung finden. Der billige Preis (X 1 60) ermöglicht auch den Minderbemittelten die Anschaffung. Der „Union-Kalender" ist zu beziehen vom Bureau der „Österreichisch-Israelitischen Union", Wien, IX., Universitätsstraße 8, sowie von allen jüdischen Buchhandlungen. Frnilleto«. Der Iud'. Nach einer wahren Begebenheit erzählt von H. Frenz. (Schluß.) Vergebens zerbrach er sich den Kopf darüber, bis er seinen Weg zum Herzen der Mutter fand. ..Du bist ein Jude, mein Kind," sagte sie ihm, „und das Volk hier haßt uns, weil wir nicht von seinem Stamme sind. Sie verfolgen und knechten uns, weil wir wehrlos sind, mein armer Junge," weinte die Mutter. „Von ihnen kannst Du nie Gutes erwarten. Nur wenn sie Dich fürchten müssen, dann werden sie Dir schmeicheln und Deine Gunst suchen. Darum wehre Dich beizeiten, mein Kind, schlage Wieder, wenn Du geschlagen wirst." „Auch Deinen Vater haben sie hingemordet," fuhr sie nach kurzer Pause fort, und ein Zug des Hasses trat in ihr glühendes Auge, „um ein paar elender Groschen willen. Kind, vergiß nicht, daß das Blut Deines Vaters die verruchte Erde hier getränkt hat! Und keine Hand hat sich gerührt, die Mörder zu fangen." Mit heißen Wangen lauschte der Knabe den Worten der Mutier. Verschwommen nur stand ihm das Bild seines Vaters aus der Kinderzeit vor Augen. Was hatte er ihnen getan, daß sie ihn mordeten, den bleichen, stillen Mann? — Und die Worte der Mutter fielen aus fruchtbaren Boden. Er floh nun nicht mehr vor seinen Peinigern und jeden Schlag gab er wieder. Und gar bald ließen sie nach, die Schmähungen; und die Püffe und Stöße wurden seltener, feit der Jud nichts mehr geduldig hinnahm, sondern Gleiches mit Gleichem vergalt. Nur wenn die rotbäckigen Bauernbürschlein im sicheren Hort des väterlichen Hauses sich befanden, oder wenn der breite Marienaltar am Toreingange des Hofes sie schützte, flogen noch die Steine hinter dem Jud' her, wurden noch die Hunde durch zischende Hetzlaute zur Verfolgung angetrieben. Franzl, der Sohn des reichen Müllers, entwickelte einen besonderen Jagdeifer auf das waidwunde Wild. Stets war er hinter ihm her mit Hunden und Steinen. Der Müller schaute lachend dem Treiben seines Aeltesten zu und streichelte ihm wohl gar lobend den Kopf, wenn er den Jud' mit einem ganz besonders schweren Stein getroffen hatte. Im Winter war's. Die Dorfjugeud tummelt sich auf dem Eise. Einige Vorwitzige wagten sich weit hinaus auf die schwankende Decke des Dorfangers. Da, ein Schrei, ein Krachen und Knirschen des Eises, und zwei Knaben verschwinden in den eisigen Fluten. Entsetzt schreien die Kinder auf; kein Erwachsener ist in der Nähe, und zum Dorfe sinds mindestens fünfzehn Minuten. Doch der eine der Verunglückten klammert sich fest an eine mächtige Scholle und erreicht wirklich nach mühseligem Ringen das rettende Ufer. Der andere dagegen kämpft noch verzweiflungsvoll mit den Wellen — der Franzl ist's. Doch keiner kann ihm helfen.- Immer schwächer wird sein Rufen, immer unbeholfener seine Bewegungen.- Auch Moritz schaut dem aufregenden Schauspiel zu. Dort kämpft fein Feind mit dem Tode. Das ist die kommende Rache für des Vaters Ermordung, fährt es flammend durch seine Seele. Doch herzzerschneidend dringt das letzte verzweifelte Aechzen des Versinkenden an sein Ohr. — Die Stiefeln sind herunter von den Füßen, und schon taucht er, ein gewandter Schwimmer, nach dem Körper des Verunglückten. An den Haaren zieht er ihn empor. Mit schwachen Kräften sucht er den Bewußtlosen ans Ufer zu schleppen. Alles geht gut; nur wenige Meter trennen ihn noch von dem rettenden Strande. Da erwacht der Halbgerettete aus der Umnachtung der Sinne. Verzweiflungsvoll klammert er sich an seinen Retter an und lähmt dessen Bewegungen. Vergebens sucht dieser freie Hand zu bekommen; die Kräfte des anderen, durch die Verzweiflung verzehnfacht, umschlingen ihn Polypenhaft und reißen ihn nieder in den eisigen Strudel. Einige Stunden später brachte man zwei Leichen ins Dorf. Und drei Tage darauf nahm ein Prächtiger Trauerzug von der Mühle aus seinen Weg. Lautes Wehklagen erfüllte die Lüste, die von Weihrauchwolken geschwängert sind. Das ganze Dorf folgte der kranzbedeckten Bahre. Schallend lassen die Glocken ihre metallene Stimme ertönen. Rotröckige Knaben schwingen die Rauchfässer und weißgekleidete Priester schreiten dem Zuge voran. - Ein Berg von Kränzen türmt sich auf dem frischen Hügel unter dem Lindenbaume auf und goldbefranste Seidenschleifen rufen dem Ruhenden Abschiedsgrüße zu. Wenig später ging noch ein anderer Leichenzug der Gräberstätte zu. Doch kein Glockengeläute ertönt; kein Weihrauchdampf erfüllt die Luft. Zwei dürftige Kränze schmücken die Bahre, der eine tiefgebeugte Mutter wankend folgt — sonst schreitet niemand hinter dem schmucklosen Kasten. Es ist ja nur der Jud', der hier zu seiner Ruhestätte am Friedhofszaune geschleppt wird.- Von weitem kriecht mühselig eine blinde Katze kläglich miauend dem düsteren Zuge nach.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.