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Die Wahrheit · 1904-08-19 · Heft 33 (19.8.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 33 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 33. und i y seinen relegiösen Vorschriften und Sitten zu verstehen und zu lieben, um dereinst auch selbst zu wahren Juden — zu Gottesstreitern— heranzuwachsen: Ein Volk — ein Gott, ein Gott — ein Volk! erste Begegnung mit Hofrat Dr. Eduard Hanstitr. von L^berkantor I. Singer in Wien.*) Viel mehr als eines Jahres Frist war seit meinem Freitag abends den 21. und Samstag vormittags den 22. November des Jahres 1879 in der Seitenstettensynagoge zu Wien abgehaltenen Probevorträgen nt das Meer der Vergessenheit hinabgesunken und ich gestehe — nach den in Erfahrung gebrachten, mannigfachen Vorkommnissen, hauptsächlich jedoch in Anbetracht der nach Absolvierung meines Probevortrages abgehaltenen Dutzende von anderweitigen Vorträgen und Sängerkriegen — daß ich bei meiner damaligen, allgemein geachteten und mir in reichem Maße künstlerische Gewährung bietenden Nürnberger Stellung wenig mehr daran dachte, zur Wiener Knltusgemeinde nochmals in Beziehung zu treten. Da erhalte ich eines Tages vom Präsidium der Wiener Kultusgemeinde eine Aufforderung, in Wien etnen nochmaligen Probevortrag abzuhalten. So absonderlich mir diese Aufforderung, als nicht der Gepflogenheit entsprechend, auch im ersten Momente erschien, bei reiflicher Ueberlegung dünkte mich das Zurückgreifen auf meine Person, nachdem in Wien so viele erstklassige Bewerber angehört worden waren, immerhin als bemerkenswert und ich beschloß, in Erwägung des mir nach meiner damaligen Vorstellung eventuell vorbehaltenen glücklichen Ereignisses — nochmals nach Wien zu reisen, jedoch mit. dem festen Entschlüsse, einen zweiten Probevortrag dortselbst nicht mehr abzuhalten. So kam ich nach Wien, stellte mich dem weltberühmten Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Ignaz Kuranda, meinem nachmaligen, langjährigen, edlen und liebevollen Gönner vor, dem ich. bedeutete, daß ich seiner für mich so ehrenvollen Einladung Folge geleistet, jedoch in Berücksichtigung mannigfacher Umstände leider nicht in der Lage sei, in Wien ein zweitesmal Probe zu singen. Aus seinen gemachten Einwurf, ob ich ihm diese „mannigfachen Umstände" nicht mitteilen wollte, entgegnete ich, daß ich in meiner Nürnberger Stellung, als Oberkantor einer der größten und geachtetsten Gemeinden Deutschlands, wohl einmal in den Sängerkampf um die Wiener Oberkantorstelle eintreten konnte und in meiner sozialen und gemeindlichen Stellung keine Einbuße erlitte, wenn ich auch nicht aus der Wahlurne als Gewählter hervorginge; daß jedoch meine Stellung in Nürnberg erschüttert wäre, wenn ich selbst nach einem zweimaligen Probesingen mit meiner Kandidatur durchfiele. Nachdrucksvoll ruhte das bekannt liebevolle Auge Doktor Kuranda's einige Minuten auf mich, woraus er mir antwortete: „Ich würdige Ihre Argumente vollauf, allein ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß es sich um die Wiener — also um die erste Kantorstelle der Welt handle und große Ziele auch große Opfer erheischen dürfen. Mit dem Ausdrucke meines Bedauerns, seinem Wunsche nach dieser Richtnng nicht Folge leisten zu können, verabschiedete ich mich, indem mir Herr Dr. Kuranda noch einmal die Worte zurief: ..Junger Mann (damals war ich noch ein junger Mann), überlegen Sie, es handelt sich um die Wiener Stelle!" Mittlerweile war es Abend geworden, und ins Hotel zurückgekehrt, klangen mir die Worte Dr. Kuranda's um so mächtiger im Ohre, als ich in der fremden Stadt keine mir so nahestehende Persönlichkeit kannte, um mit derselben die wichtige Angelegenheit erörtern zu können. Nach einer beinahe schlaflosen *) Diese interessante Rückerinnerung an mein Zusammentreffen mit dem kürzlich (4. August 1904) aus dem Leben geschiedenen edlen Menschen wird nicht aus Ruhmredigkeit der Oeffentlichkeit übergeben, es geschieht vielmehr in der Absicht, daß mein Erlebnis manchem jungen Kantoratskandidaten in gleich ernster Lebenslage von Nutzen sein könnte. Nacht bemächtigte sich meiner der Gedanke, daß der Wiener Kultusvorstand, veranlaßt durch die lauge Zwischenzeit, Zweifel an der Konsistenz., meiner Stimmehegen könnte und ich eigentlich verpflichlet sei, durch eine maßgebende Wiener Kunstpersönlichkeit den wahren Tatbestand konstatieren zu lassen. Als solche erachtete ich Herrn Hofrat Dr. Eduard' Hanslik, den weltberühmten Musikkritiker der ..Neuen Freien Presse", dessen Veröffentlichungen mir ja genügend bekannt und dessen persönliche, wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft ich gelegentlich der ersten Festspiele in Bayreuth zu machen die Ehre hatte. Um ein Vorsprechen bei dem sonst schwer zugänglichen Meister zu ermöglichen, verschaffte ich mir zwei Empfehlungen, und zwar die des damaligen Präsidenten des Wiener Männergesangsvereines, Herrn Dr. Karl Ritter von Olschbauer, und des Vorsitzenden der Gesellschaft der Musikfreunde, Herrn Koch von Langentreu, worauf ich von Herrn Hofrat Hanslik, trotz der Anwesenheit einer stattlichen Anzahl anderer Gäste, sofort empfangen wurde. Aus seine Frage, womit er mir dienen könne, unterbreitete ich ihm ohne jeglichen Kommentar die Bitte, ihm etwas Vorsingen zu dürfen. Ueber diese Zumutung etwas liebenswürdig pikiert, stellte er die weitere Frage, welche Gesangsliteratnr ich mit Vorliebe pflege, und infolge meiner ihn scheinbar befriedigenden Entgegnung, daß ich nur Oratorien, und zwar mit besonderer Hingebung Händel und Bach singe und bereits in Nürnberg und Stuttgart rc. bei Oratorien mitgewirkt, etwas freundlicher gestimmt, verlangte der Herr Hofrat die große O-rnoll-Arie aus dem „Messias". Er setzte sich ans Klavier, schlug die paar charakteristischen Eingangsakkorde an und hörte das Rezitativ zu Ende; dann sprang er jugendlich elastisch vom Instrumente auf, um — mit einem für mich überaus schmeichelhaften Ausrufe an mich die weitere Frage zu stellen, womit er mir dienen könne. Jetzt erst erzählte ich Herrn Dr. Hanslik meine Angelegenheit und eröffnete ihm, daß es von umfassender Bedeutung für dieselbe wäre, wenn er die Güte haben wollte, mir einige empfehlende Zeilen an den Präsidenten Herrn Dr. Kuranda geben zu wollen. Ich erhielt den Brief, welchen ich mir von Herrn Dr. Kuranda erbeten, und der Inhalt desselben war für mein Engagement in Wien ausschlaggebend. Ich darf es wohl sagen, daß ich mich mehr als 25 Jahre der herzlichen Freundschaft des edlen Mannes erfreute, ich genoß die Auszeichnung, daß er mir gelegentlich der Feier meiner Silberhochzeit persönlich gratulierte, und ich besitze mehrere auszeichnende Zuschriften von ihm, unter anderem auch ein mit seiner Widmung versehenes Exemplar seines Buches „Ueber das musikalisch Schöne." Hofrat Hanslik brachte selbst einer ihm entfernt liegenden Musikbestrebung Verständnis und aufrichtige Beachtung entgegen; so schrieb er gelegentlich des Erscheinens meiner Steigertheorie im Abendblatte der „N. Fr. Pr." vom 14. Dezember 1886 wörtlich: „Josef Singer, die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges (Wien, bei M. Wetzler, 1886). Der als vorzüglich klassisch geschulter Sänger bekannte Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde in Wien behandelt in dieser streng wissenschaftlichen Studie die sogenannten „Steiger" (Tonarten des traditionellen Synagogengesanges) und ihr Verhältnis zu den alten Kirchentonarten, sowie zu den Tonarten der vorchristlichen Musikperiode. Sein Bestreben, die Reinheit und Würde der durch moderne Zutaten und Verschnörkelungen vielfach geschädigten altjüdischen Synagogengesänge wieder herzustellen, hat Herrn Singer auf gründliche .Untersuchungen des Prinzips dieser Gesänge geführt. Er entdeckte eine merkwürdige Analogie zwischen den gregorianischen Kirchentonarten und den Skalen, die er uns aus einer Anzahl alter Steiger herauskonstruierte. Das Vorhandensein von Intervallen, welche den modernen Our- und Moll-Skalen widersprechen, bezeichnet Singer mit Recht als einen Beweis für das höhere Alter der Tonsätze, darin sie- Vorkommen. Drei solche Skalen, sie finden sich in den drei Steigern 1. Jischtabacli, 2. Mögen owaus, 3. Adonaj molooh, erklärt Singer als Kennzeichen der wirklich alten und originellen HlficT -h

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