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Die Wahrheit · 1904-08-19 · Heft 33 (19.8.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 33 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit Lette 5. des Judentums hervorholten. Wird in einigen Schulen ausnahmsweise auch der Originaltext zum Unterrichte herangezogen, so geschieht dies ohne Methode, ohne stufenweises Weiterarbeiten auf Elementarkenntnissen, die schon in der Volksschule gelehrt und angeeiguet werden müßten, und so herrscht in diesem Teile des Religionsunterrichtes, wie auch in der von manchen Lehrern katechismusartig dozierten sogenannten „Zeremoniallehre" — ein wirres Aufzählen der verschiedensten religiösen Vorschriften und Gebräuche — ein öder, toter Mechanismus, der zumeist in krassem Widerspruche steht mit dem wirklichen Leben des Schülers und der Familie. So kommt es, daß ein solcher, oft von selbst Ungläubigen oder nur einseitig gebildeten Talmudisten geleiteter Asterreligionsunterricht beim Schüler Langweile und Ueberdruß, wenn nicht gar Spott und Verachtung hervorruft. Und könnte es auch anders sein, wenn beispielsweise in vielen Staatsschulen die Knaben barhäuptig dem Religionsunterricht anwohnen müssen, oder ein Lehrer der Religion — der Fall wurde mir von glaubwürdigster Seite mitgeteilt — am Sabbath die Schüler zum Nachschreiben seines Diktates aufforderte, mit dem Bemerken, Gott habe am Sinai das Ruhegebot ja sicherlich nicht auf die geringfügige Arbeit des Schreibens bezogen, weshalb sie es mit ruhigem Gewissen tun könnten. Wo die Bekrittelung itnd Verhöhnung der Religion sich bei deren berufenen Vertretern, wo die Persiflage des eigenen Berufes sich in solch unverhüllter, den Stand beschämender Weise zeigt, da kann nicht Judentum, nicht Glauben, nicht Stammesliebe in den Herzen der Jugend Wurzel fassen. Wenn der, in dessen Innerem Unglaube und Heuchelei nisten, die Religion lehren, die Jugend zum Judentum erziehen soll, daun führt dies notgedrungen zu solch perversen Uebertretungen und würdelosem Verletzen selbst der äußeren Formen des selbstgewählten, erhabenen Berufes und der Standesehre — und alle Bande eines nationalen und religiösen Verwaudtschafts- und Solidaritätsgefühles müssen sich bei Jugend und Volk lockern und lösen. So sieht die jüdische Schule der Gegenwart aus, so das Judentum, das in den interkonfessionellen Mittelschulen im Rahmen des Religionsunterrichtes gelehrt und geübt wird. Und da träumen bereits einige Zionisten von der jüdischen Hochschule, wollen das Dach bauen, ohne Haus und Grundfesten errichtet zu haben. Oder sollen wir warten, bis der jüdische Staat gegründet sein wird, um datiu das Ideal der jüdischen Schule — die national-jüdische Mittel- und Hochschule mit hebräischer Unterrichtssprache — zu verwirklichen? Gewiß wäre es schön, wenn wir unseren theokratischen Nationalstaat bereits auf irgend einem Fleckchen Erde errichtet und sichergestellt hätten, die nationale Sprache und national-religiöse Sitten in patriarchalischer Reinheit wieder aufleben würden — doch wie weit liegt das noch und wie viel neue Schwierigkeiten türmen sich der Verwirklichung dieses schönen Ideals entgegen! Sollen wir bis dahin als müssige Zuschauer warten, tatenlos die Hände in den Schoß legen, während der geistige Schatz unserer Nation in kleine Münzen fremder Währung ausgewechselt und entwertet wird? Sollen inzwischen diejenigen, die es nicht können, oder selbst die prinzipiellen Assimilanten mangels einer jüdischen Schule uns seelisch noch mehr entfremdet und für immer und gänzlich verloren gehen? Genügt es blos für das materielle Land der Zukunft Gelder zu sammeln, Jung und Alt in Bewegung zu setzen, während das geistige Feld der Gegenwart und das zu bebauende der Zukunft brach liegt? Wo gibt es Fonde für national-jüdische Schulzwecke, geschah es des Oefteren, oder in neuester Zeit überhaupt jemals, daß jemand für das national-jüdische Gymnasium und selbst für irgendwelche jüdischkonfessionelle Mittelschule Geld und Opfer aufgebracht Hütte?! Der schüchterne Versuch eines mir bekannten opfermutigen aber nicht opferfähigen Mannes endete bereits einmal mit einem Fiasko und auch sein zweiter Versuch, seine kleine Schule auch am Leben zu erhalten, kämpft umsonst gegen den pekuniären Mißerfolg und gegen das soziale Grundübel — die eingewurzelten Vorurteile indolenter Assimilanten — an. Wie beschämen uns da kleinere, doch rührigere und selbstbewußtere Volksftämme! Die Czechen haben ihren Mittelschulen mit czechischer Unterrichtssprache prächtige Paläste errichtet und kämpfen mit eiserner Entschlossenheit für die czechische Hochschule, die Polen stehen ihnen in ihrem Feuereifer, die Rechte ihrer nationalen Sprache auf allen Gebieten ihres Geisteslebens zur Geltung zu bringen, nicht nach und verstehen, es, den Entnationalisierungsversuchen des mächtigen deutschen Reiches standhaft zu trotzen. Haben wir in dieser Richtung auch nur eine Tat zu verzeichnen, können wir auch nur auf e i n achtklassiges öffentliches Gymnasium oder auf irgendwelche jüdisch - konfessionelle Mittelschulen privaten Charakters Hinweisen? Und trotzdem fabeln zionistische Schwärmer schon stolz von der jüdischen Hochschule — natürlich im eigenen Lande. H^en wir nur erst die jüdische Schule, sei nur erst unser Volk im jüdischen Geine erzogen, um die Hochschule, ja auch um ihr Land der Zukunft wird uns nicht bange sein. Schaffet diesem Land ohne Volk vorerst ein würdiges, jüdisch denkendes, religiös empfindendes, mutiges Jngendvotk, und sie werden sich als Israeliten, als Gottesstreiter bewähren und wo und wann immer als „jüdisches Volk'" für Leben und Erdscholle zu kämpfen wissen. Dieses Volk wird vielleicht auch dereinst das Ideal der national-jüdischen Schule mit hebräischer Unterrichtssprache im eigenen Lande verwirklichen können, wir können dies für nufere Zeit höchstens bei den theologischen Fachanstalten anstreben: was wir jedoch unbedingt fordern, ist das jüdische Gymnasium auf n a t r o n a l - religiöser Grundlage, das Gymnasiuin, in welchem der jüdische Geist seine Fittige entfalten, die Begeisterung der Jugend für Volk und Religion genährt und rege erhalten werden soll, ein Gymnasium, in welchem diejüdische Sprache und Literatur zumindest in solchem Umfange und mit derselben wissenschaftlichen Gründlichkeit gelehrt und gepflegt werden muß, wie die griechisch -römischen Klassiker in den humanistischen Gymnasien. Diese selbst hatten ja doch viele Jahrhunderte hindurch die hebräischen Studien in ihre Lehrpläne ausgenommen und ihnen neben den Klassikern den gebührenden Rang eingerüumt. Um wie viel wichtiger ist nun der hebräische Unterricht als Nationalunterricht für uns selbst, für uns, für die nationale Literatur, Kultur und Religion in eins zusammenschmelzen! Gleichwie der nationale Literaturunterricht in den Lehrplänen der Völker, muß in den jüdischen Gymnasien der hebräische Sprach- und Literaturunterricht den Mittelpunkt des Gesamtunterrichtes bilden. Nicht nur nominell als „Religionsunterricht" an die Spitze der weltlichen Gegenstände gestellt, soll er auch fürderhin sein Scheindasein fristen, sondern er muß in der Tat in die erste Reihe rücken, damit er als vorzüglichster Erziehunterri ch t unter allen nationalen Literaturen der Welt das Gefühls- und Willensleben unserer Jugend mit unverg ä n g l i ch e n Werten erfülle, ihnen Lehre, E rztehung, Religion in einem zugleich sei. Dann nur dann können wir hoffen, daß mit der geistigen Erhebung die Zeit eines politisch-nationalen Erwachens herangedämmert sei, können wir Zukunftspläne einer staatlichen Regeneration ersinnen und hoffen, daß die einig latenten Gegensätze in unserem eigenen Lager sich mildern und die extremen Parteiungen, die verschiedenen Spaltungen in Israel aufhören werden.. Orthodoxer und Assimilant, der national-ökonomische Rassenzionist und der relegiös begeisterte Palästinaschwürmer, sie alle werden als Juden sich auf dem neutralen Boden der gemeinschaftlichen geistigen Arbeit für ein zionistisches Judentum und den jüdischen Zionismus zusammeusinden. Nicht mehr wird Zionismus gegen Religion, Religion gegen Zionismus als Trumpf ausgespielt werden können, sondern alle Faktoren werden zusammenwirken in deni Bestreben, eine neue Generation heranzuziehen. die nicht nur religiös-sittliches Menschentum, sondern nationale Begeisterung für ihr Volk, ihre Religion und Sitte in die Welt hinaustragen soll, die da in der jüdischen Schule lernen soll ihr Volk mit seiner nationalen Vergangenheit, mit

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