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Die Wahrheit · 1904-08-19 · Heft 33 (19.8.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 33 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 33. Kinder der hohen Regierung bestens zu empfehlen. Die Christlich-Sozialen sollten nicht so stolz gegen Schönerer sein. Noch ist es nicht vergessen, wie das „Deutsche Bolksblatt" in den ersten Jahren seines Bestandes seine Hauptaufgabe darin erblickte, einen Hohenzollern- und Bismarck-Kultus zu pflegen, wie es für die Feste im Hause Habsburg nur ein paar gleichgiltige Zeilen und für deutsche Erinnerungstage ganze Spalten hatte. Der Antisemitismus, mag er sich wie immer drapieren, ist ein gefährliches, destruktives Element: er muß seinem innersten Wesen gemäß, gegen alle staaterbaltenden Faktoren sich wenden, sobald diese sich ihm entgegenstellen; er muß das Rechtsgefnhl in der Bevölkerung, die Achtung vor der Autorität untergraben und unterwühlen. Herr Dr. Lueger kann sich jetzt in seiner Presse leicht als Patrioten und kaisertreuen Antipoden Schönerers feiern lassen: er ist ja das gehätschelte Schoßkind der Regierung, die alle seine Wünsche erfüllt, vor seinen Forderungen sich beugt. Wie benahmen sich aber die Luegerianer, wenn die Regierung und die staatlichen Autoritäten sich ihnen nicht willfährig zeigten? Man hat die Christlich-Sozialen auch schon in einer anderen Pose gesehen, als in der der Patrioten; als Dr. Lueger die Bestätigung als Bürgermeister von Wien nicht fand, da führten er und seine Leute eine Sprache, die wirklich nicht wesentlich von der des Herrn Schönerer sich unterschied. Als der Oberste Gerichtshof eine Entscheidung traf, die den Christlich-Sozialen nicht paßte, wurde von den antisemitischen Wort- und Schriftfübrern eine Hetze gegen österreichische Richter inszeniert, als ob diese durchwegs Juden wären. Ais der Statthalter Graf Kielmansegg noch liberal war, wurde er von den Luegerianern mit Ausdrücken beflegelt, deren Wiedergabe oft aus Schicklichkeirsgründen schwer fiel. . . Nein, nein, Ihr Herren Christlich-Sozialen, gar so selbstbewußt braucht Ihr Euch nicht gegen Schönerer auf Euren Patriotismus zu berufen. Das jüdische Gyrmmstrrm. Bon einem Schulmann. (Schluß.) So lange wir ein jüdisches Gymnasium nicht besitzen, so lange wir blos unfern Kult und die Verwaltung unserer Gemeinden selbst besorgen, die wichtigste Angelegenheit unserer sittlich-geistigen Entwicklung, die Erziehung unserer Kinder, jedoch fremden Händen überantworten, so lange wird Israel höchstens in. membris, in politisch-wirtschaftlicher Beziehung, nicht aber auch in capite, in religiös-sittlicher und geistiger Beziehung gesunden, und die Judenschaft, auch weiterhin in die zwei extremen Lager bildungsseindlicher Orthodoxen und entjudeter Assimilanten gespalten, muß geistig verknöchern und moralisch zu Grunde gehn. Diese rümpfen überlegen die Nase und sprechen bildungsstolz ihr Verdammungsurteil über jedwede Orthodoxie aus; jene weisen mit den Fingern aus ihre hochmütigen Brüder und sprechen: „Erkennet eure gepriesene Bildung an diesen ihren Früchten!" Deshalb auch müßten nun sie als Strenggläubige die terra, incognita weltlicher Bildung mit scheelen Angen betrachten. Läßt es sich nun auch nicht entschuldigen, wenn sie es deshalb vorziehen, nach wie vor im Zwielicht zu leben, und sich scheuen, mit der hellen Lampe exakter Forschung und wissenschaftlicher Methodik hinabzuleuchten in das Halbdunkel ihrer geistigen Exerzitien, so ist hingegen ihr wiederholter Vorwurf gegen das Antijüdische, Antireligiöse unserer heutigen Erziehung und Mittelschulbildung umso gerechtfertigter, schwerwiegender. Wahrlich die nationale und religiöse Korruption so vieler Glieder unseres Volkes läßt sich nicht hinwegleugnen; wollen wir sie verstehen, wollen wir ihrer Entstehung aus den Grund gehen, so müssen wir vor allem bei der Schule Halt machen. Der Mangel jüdischer Schulen, das Fehlen jüdisch-religiöser Erziehungsanstalten hat sie verursacht. Insbesondere tritt der Mangel jüdischer Mittelschulen zutage, also derjenigen jüdischen Erziehungsanstalt, die in der wichtigsten Periode des Entwicklungslebens, vom Knaben-, Jünglings-, bis zum Mannesalter, ihren tiefgehenden, pädagogischen Einfluß auf das Seelenleben des Zöglings geltend zu machen und seine Vollendung zum Manne vorzubereiten hat. In Deutschland gibt es zwar verstreut einige jüdische Realschulen (Frankfurt, Fürth rc.) und vegetierende Privatgymnasien (sogenannte Untergymnasien), wie sieht es aber in Oesterreich- Ungarn aus? Selbst im liberalen Ungarn finden wir nur.eine öffentliche jüdische Unterrealschule und eine höhere Handelsschule. Ja die Assimilation treibt hier so sonderbare Blüten — „Wajiscliman Jeschurun“ — daß man die über eine Million betragende Stiftung des Barons Wahrmann schon an die langen Jahre brach liegen läßt, beziehungsweise „verwaltet", ohne dem Willen des Stifters, ein jüdisches Gymnasium und eine jüdische Realschule zu errichten, bisher nachgekommen zu sein. Jene Hyperpatrioten beschönigen ihre Liebedienerei, indem sie behaupten, sie wollten nicht auch ihrerseits noch größere Schranken zwischen Staatsbürgern jüdischer und christlicher Konfession errichten, sondern sie dadurch zu Nationalpatrioten erziehen, daß es ihnen ganz gleichgiltig werde, welchem Stamme und welcher Religion sie angehören. Nun dieses letztere — jedoch nur dies allein — erreichen sie dann auch in den meisten Fällen. Wie anders dachten und handelten da die übrigen Konfessionen! Wie ausdauernd, ja todesmutig kämpften nicht die Protestanten um ihre Schulen, wie stolz sind noch heute Katholiken und Jesuiten aus ihre alten, in geschichtlichen Kämpfen errungenen Schulen und Gymnasien. Die Reformation konnte nur mit Hilfe der Schule gemacht werden und wir Juden, die wir eine schönere Zukunft unserem Volke vorzubereiten behaupten, legen müssig die Hände in den Schoß, lassen die jüdische Erziehung, die jüdische Schule unseren Händen entwinden, sehen gleichmütig zu, wie jüdischer Geist, jüdische Sitte aus unseren Häusern entschwindet! Denn ist es jüdischer Geist, können wir es nationale Sitte nennen, was in den paar von uns erwähnten jüdischen Halbmittelschulen unter dem Namen jüdische Erziehung gelehrt und geübt wird? Der weltliche Unterricht ist ja sehr gut, manchmal dem der Staatsschulen überlegen, auch wird ja der „Samstag- Feiertag" dem so ipso obligaten Sonntag als zweiter ..Ferialtag" zugegeben; sehr schön, sehr liberal, doch in pädagogischer Beziehung unpraktisch, ja nachteilig; auch die hohe Bedeutung des Sabbaths, als ausschließlichen Ruhetages, wird nicht, genügend hervorgehoben, umsomehr auch die Herren Professoren ihre Privatstunden lieber aus den Samstag als auf den Sonntag verlegen. Viele dieser berufenen Führer der Jugend nehmen es auch sonst nicht immer in Sachen der Religion sehr genau, ja manche sind weder in national-religiöser Beziehung noch in ihrem sozialen Leben mustergiltige Vorbilder. Also solche dem Genutzleben, oder einem materiellen Chauvinismus ergebene Lehrer, die gerade in den von jüdischem Gelde erhaltenen Schulen auf die Seele des Zöglings demoralisierend wirken müssen, oder vielleicht der formelle „Sabbathferialtag" sollten allein im Stande sein, in unsere n Schulen den jüdischen Geist zu erwecken, wenigstens unsere Schulen zu echt jüdischen zu machen! Tut dies vielleicht der nicht nur in den Staatsschulen, sondern auch in den jüdischen Schulen auf zwei Stundeu beschränkte wöchentliche Religionsunterricht? Am allerwenigsten! Das, was an diesen Mittelschulen unter dem Namen Religionsunterricht vorgetragen wird, ist vielmehr die Farce eines nationalen Literatur- und Religionsunterrichtes. Die hebräische Sprache wird weder systematisch gelehrt, noch ihre Kenntnis als Unterrichtsziel hingestellt; anstatt die erhabene Naivetät und schlichte Größe der Bibel und Propheten im Original auf das kindliche Gemüt wirken zu lassen, die Jugend zur Begeisterung für Volk und Religion zu entflammen, wird ihr aus seichten geschichtlichen Kompilationen immer wieder „Rekigionsgeschichte" aufgetischt, trocken Daten memorierend, leblos Namen an Namen reihend, ohne jedoch, daß Lehrer und Schüler tiefer in das Wesen der Sache eindrängen und aus Religion und nationaler Geschichte den wahren Geist

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