Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 33 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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gtedaktion u. Aduiiiüstratio» : Wi^n, H/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jusertionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar.! Zeitschrift für Mische;ntere^sen. Erscheint jeden Ireitag. ^oiio: „Das LieZel Gotte8 ist Wahrheit!* Rerugspveis: i Ganzjährig . . K. 12.— | Halbjährig . K. 6.— Für Cultusbeanne: Ganzjährig . . . K. >u —! Für Ausland:! Ganzjährig . . . -> Mark. 6 Rubel oder!t> Fcs. Ur. 33. Wien. 19. August 1SV4. Inhalt: Aus der Woche. — Das jüdische Gymnasium. — Meine erste Begegnung mit Hosrar Dr. Eduard Hanslik. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton. Ans der Woche. Die Tagesblätter reproduzierten kürzlich ein Schreiben, welches von der Kanzlei S r. k. n. k. H o h e i t d e s H e r r n E r z h e r z o g s Franz Ferdinand an das fürsterzbischöfliche Gurker Ordinariat gerichtet worden ist. Dasselbe hatte folgenden Wortlaut: „Se. kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand haben die Mitteilung in Nr. 6 des ..Kunstfreund", zwanzigster Jahrgang, von einem neuerlichen Erlasse, welchen das fürstbischöfliche Ordinariat bezüglich Veräußerung kirchlicher Altertümer hinausgegeben hat, mit größter Befriedigung zur Kenntnis genommen. Se. kaiserliche und königliche Hoheit würden auch, hauptsächlich im Interesse der Erhaltung derartiger Kunstgegenstände, wünschen, die Heiren Pfarrer vor eigenmächtigen Restaurierungen zu warnen, da es ewig schade ist, das „schöne Alte", wenn es auch mitunter schon etwas defekt, durch etwas Neues und Unschönes zu ersetzen. Se. kaiserliche und königliche Hoheit hoffen, daß der eingangs erwähnte Erlaß auch allseits sinngemäß gehandhabt werde, dies umsomehr, als es höch st den selben stets sehr unangenehm berührt, bei Juden und ausländischen Antiquitätenhändlern ans Kirchen stammende Kunstgegenstände zu finden. Im höchsten Aufträge der Flügeladjutant Karl v. Gelb, Oberstlieutenant. Puchberg, am 30. Juli 1904." Die christlich-soziale Presse bemächtigt sich dieses Schreibens mit unverhohlenem Entzücken. Nicht aus dem Grunde, weil in demselben ein tiefreligiöser Sinn zum Ausdruck gelangt, sondern weil eine Wendung in dieser Zuschrift ihrer Antipathie gegen die Juden zu schmeicheln scheint. Die Antisemiten befinden sich in einem Irrtum. So zweifellos und erhaben über jedem täppischen Unglauben der gläubige religiöse Sinn des Erzherzogs ist, so zweifellos dünkt es uns, daß die christlich-soziale Presse diesmal in eine ungeschickte stilistische Wendung, an welcher der Erzherzog nicht den geringsten Anteil hat und die lediglich auf das Conto des Chefs seiner Kabinetskanzlei des Oberstleutnants v. Gelb zu setzen ist, eine Tendenz hineinlegen, die ihr ferne liegt, ' Wenn man auch nicht den vornehmen Sinn des Erzherzogs Franz Ferdinand kennen würde, wenn man auch nicht die volle Ueberzeugung hegte, daß er ein tiefes Gefühl für die katholische Religion mit der Achtung für die religiösen Empfindungen Andersgläubiger verbindet, so müßte man, wie wir sofort beweisen werden, aus dem ganzen Inhalt des erwähnten Schreibens erkennen, daß dasselbe unmöglich den Zweck hatte, einer Animosität gegen die Juden Ausdruck zu verleihen. Der Thronfolger, dem der treue patriotische und dynastische Sinn der Juden in Oesterreich bekannt ist, hatte wahrhaftig, als er die Pfarrer vor den eigenmächtigen Restaurierungen warnen wollte, denen so oft das „schöne Alte" zum Opfer fällt, nicht die Absicht, die Juden zu verletzen. Dem religiösen Gefühle wie dem Kunstsinne des Erzherzogs muß es — das können nur bornierte antisemitische Tendenzmacher leugnen — gleich verletzend sein, ob er die aus Kirchen stammenden Kunstgegenstände, die er eben in den Kirchen selbst er h alte n w i ss e n will, bei geschüststreibenden Christen, Juden oder Heiden, bei inländischen oder ausländischen Antiquitätenhändlern antrifft. Das ist so klar und selbstverständlich, daß jeder Versuch, dies zu bestreiten, uns mit der Ehrfurcht vor dem Erzherzoge unvereinbar erschiene. Die stilistische Unzulänglichkeit und Ungeschicklichkeit des erzherzoglichen Cabinetschefs, des Herrn Oberstleutnants v. Gelb, werden wir gewiß nicht bestreiten. Diese leuchtet aus jeder Zeile der Zuschrift an das sürsterzbischösliche Ordinariat. -X* * Die freche, antidynastische und antiösterreichische Kundgebung des Herrn Schönerer wurde von der Stadtrepräsentanz Eger in der gebührenden Weise ignoriert. Der dortige Stadtrat hat unbekümmert um die tollhäuslerische Drohung Schönerers, am Tage des Empfanges des Monarchen aus sein Ehrenbürgerrecht Verzicht leisten zu wollen, die ehrfurchtsvolle Einladung an Se. Majestät gerichtet. Ja, noch mehr. Da der Monarch nicht in der Lage war, der Einladung Folge zu leisten, so stellte der Stadtrat die Bitte, Se. Majestät möge eine Abordnung des Egerer Stadtrates in Karlsbad empfangen. Schönerers ebenso plumpes als freches Manöver hat aber wieder einmal gezeigt, daß die radikalen deutschnationalen Antisemiten ein ebenso destruktives als gefährliches Element bilden. * * * Die christlich-sozialen Antisemiten spielen sich seil längerem als Patent-Oesterreicher aus, die sich speziell auch mit ihrer Kaisertreue brüsten. Sie haben daher auch Schönerers Eger- Brief zum Anlaß genommen, um sich als die guten braven