Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit 'Jfri. 3y. sein und das ihnen auf neuem Heimatsboden zugeteilte Stück kultureller Arbeit fürs Vaterland nicht als egyptische Frohn betrachten, sondern, obwohl als Fremde und Utopisten eines Weltbürgerstaates angesehen, in ungeschmälerter Pflichterfüllung sich dem Dienste dieser ihrer gegenwärtigen, einzigen Heimat mit ganzer Seele widmen. Wollen wir also dem Staate pflichtbewußte und von aufrichtiger, nicht geheuchelter Vaterlandsliebe erfüllte Bürger, den Gemeinden begeisterte Kämpfer für nationale Sitte uud geheiligte Kahal-Traditionen, unseren Familien glaubensstarke, lebensmutige Ernährer erziehen, unserem Volke — die Juden, so räumen wir vor allem mit der bisherigen, Herz und Gemüt mit fremden Göttern, falschen Idealen erfüllenden Mittelschulerziehung auf und setzen wir an ihre Stelle die national-religiöse Erziehung unserer Jugend — das jüdische Gymn asium. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers finden Donnerstag, den 18. August d. I., in den israelitischen Gemeindebethäusen feierliche Gottesdienste statt, und zwar im Stadttempel, I., Seitenstettengaffe 4, um 9 Uhr, und im Leopoldstädter Tempel um 10 Uhr vormittags. Wien. Donnerstag den 18. August l. I., 10 Uhr vormittags, findet in der Synagoge des Vereines „Beth Israel", II., Leopoldsgasse 29, anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers ein feierlicher Gottesdienst statt. Wie«. (Grabsteinfunde in der Wieuer Hofburg.) Wer jetzt vom Schweizerhofe aus den Josefsplatz betritt, wird eines ansehnlichen Hügels gewahr, bestehend aus weißen Sandsteinen, welche in den Grundfesten undWölbungen jenes Teiles des Schweizerhofes, der sich unter der Burgkapelle befindet, eingemauert waren. Eine Neukonstruierung der unterirdischen Räume dieses ältesten Teiles der Hofburg förderte sie zu Tage. Hofingenieur Architekt P e r i s i c, der die diesbezüglichen Arbeiten leitet, fand an einigen der Steine hebräische Schriftzüge und setzte sofort den Direktor der Hofbibliothek und namhaften Orientalisten Hofrat v. Karabacek in Kenntnis, und schon ein flüchtiger Augenschein ließ hebräische Grabsteine erkennen, die ein wohl 600jähriges Alter Nachweisen. Es kann kein Zweifel bestehen, daß man Reliquien des ältesten jüdischen Wiener Friedhofes gefunden hat. Der älteste „Judenfreithof" lag zwischen dem Kärntner- und Widmer(Burg-)tore, damals eine öde Gegend, die in die ,,Laim(Lehm-) grübe" auslief. Der Schutz, den die Babenberger deu Juden als „herzoglichen Kammerknechten" angedeihen ließen, erstreckte sich auch auf den Friedhof derselben, und in der Satzung Herzogs F r i e d r i ch H. des Streitbaren über die Rechtsverhältnisse der Juden heißt es: „Item si christianus cimiterium judeorum quacumque temeritate dissipaverit aut invaserit, in forma judicii moriatur, et omnia sua proveniant camerde ducis. quocumque nomine nuncupentur.“ (Wenn ein Christ den Friedhof der Juden aus was immer für einer bösen Absicht zerstört oder gewalttätig anfällt, soll er von gerichtswegen mit dem Tode bestraft werden, und all das Seinige, mag es wie immer heißen, ist der herzoglichen Kammer verfallen.) Diese Urkunde allein, da sie nur die Bestätigung wohlbegründeter Rechte und Verhältnisse ist, beweist, da fie vom 1. Juli 1244 datiert, das hohe Alter des Judenfriedhofes, wenn nicht auch in anderen Dokumenten die Ortsbestimmungen: „penes cimiterium Judeorum, retro cymiterium J., zenest (zunächst) der Juden Freythos, vorn Kerntnertor hinder den Judenfreithof" enthalten wären. Im XIV. Jahrhundert wurde der Judenfriedhof erweitert, im Buche der Käufe, actum St. Blasius tag 1385, findet sich die Stelle: „Ulrich, pader vor dem Kärntnerthor zu Wien und seine Erben verkaufen ihre Badstube, gelegen vor dem Kärntnerthor zunächst dem Judenfreithofe um 4M Pfund und ein fünf Pfund (zur Errichtung eines Judenbades) Wiener Pfennige der Judengemeinde zu Wien und allen ihren Erben und Nachkommen, was der Kaufbrief sagt." Bald begannen, wie fast überall, auch in Wien die Zeiten der Judenverfolgungen, die hier mit der Verbrennung der reichen Juden auf der Gäuseweide, 12. März 1421, endeten. Kein Jude sollte mehr den Boden der Stadt betreten, ihr Besitztum war herrenlos geworden. Herzog Albrecht V. schenkte den Grund des Judenftiedhofes dem Dorotheerkloster, die zahlreichen Grabsteine dienten zum Häuserbaue und jedenfalls die besterhaltenen wurden nach der „neuen Burg" gebracht. Hier hatte der Babenberger Herzog Leopold VH zu Anfang des XIII. Jahrhundertes den später unter Maria Theresia „Schweizerhof" genannten Burgteil gebaut, der im Laufe der Zeiten viele Umgestaltungen erfuhr; eine der wichtigsten war der Bau der Burgkapelle, deren Einweihung am 29 April 1449 stattfand und zu deren Fundamentierung und Ueberwölbung diese Judengrabsteine dienten. Die übrigen wurden zum Häuserbau der nahen Vorstädte verschleppt; einige derselben kamen nach Gumpendorf und beim Umbau kleinerer Häuser wieder ans Tageslicht, wobei der Historiograph L a z i u s, dem sie falsch entziffert wurden, aus ihnen eine Fabel ableitete von uralten Ansiedlungen der Juden in Wien, die auch der biedere Fuhrmann als wahr annahm und in seiner Geschichte Wiens weiter ausschmückte. Diese von ihm ausführlich beschriebenen Grabsteine gehören, wie die jetzt aufgefundenen, dem Friedhofe vor dem Kärntnertor au, und das hohe Alter entstand durch den Irrtum der Datierung, da auf allen Steinen nach dem Kalender der Juden von der Erschaffung der Welt (1411 v. Chr.) an gerechnet wurde und die Tausende der Jahre ausgelassen wurden. Als die Juden wieder nach Wien zurückkehren durften, bezogen sie den mittlerweile verbauten Friedhof vor dem Kärntnertor nicht wieder^ sondern legten einen provisorischen in der Leopoldstadt „Auf der Haide" an, und anfangs des XVI. Jahrhunderts entstand der berühmte, noch jetzt erhaltene Roßauer Friedhof. Die jetzt ausgefundenen Grabsteine, wohlgeborgen im Gebäude der Hofbibliothek, verlangen eine mühsame Reinigung von Mörtel, der einen Teil der Schrift verklebt. So viel kann schon heute gesagt werden, daß es einer der interessantesten Funde zur ältesten. Geschichte Wiens ist, ein Beitrag zur Geschichte jenes Volkes, von dem schon Byron sagt: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda — nur die Gruft!" Dr. F. 8. Wie«. Der israelitische Tempelverein Brigittenau hat Herrn Josef Baffer aus Neusatz, dem ein ausgezeichneter Ruf vorangeht, als Oberkantor engagiert und hat derselbe bereits Freitag, den 5. d. M., beim Abendgottesdienst zum ersten Male fungiert. Gleichwie beim Probevortrage fand Oberkantor Baffer auch bei seiner Antrittsfunktion durch seine herrliche Tenorstimme und den überaus sympathischen Vortrag allgemeinen Beifall und wird der Tempelvorstand zu seiner Requisition allgemein beglückwünscht. Oberhollabrunn. Samstag, den 6. d. M., fand im hiesigen Tempel die Barmizwah-Feier des Konfirmanden Richard Müller, Sohn des Herrn Julius Müller, k. k. Offizials und dessen Gattin Charlotte geb. Basch statt, aus welchem Anlasse. dessen Vater samt Bruder und Familie aus Wien dem Gottesdienste anwohnten. Der Konfirmand las mit großer Präzision die Haftorah und nach Beendigung derselben legte er feierlichst vor der aufgerollten Thora das Glaubeusbekenntnis in deutscher Sprache ab. Hierauf hielt Herr Kantor und Religionslehrer S. Je llinek an den Konfirmanden eine der Feier entsprechende wirkungsvolle Ansprache, welche auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Vöslau. (E im wer h u n g eines neuen B e t h a u s e s.) In. feierlicher Weise urid in Gegenwart eines sehr zahlreichen, distinguierten Publikums fand am 31. Juli die Einweihung des vor kurzem neu gegründeten Bethauses in Böslau statt. Unter den Anwesenden beinerkten wir viele hochangesehene Bürger der Stadt, sowie den Gesamtvorstand der israelitischen Kultusgemeinde Baden mit dem Präses Herrn Lettner an der Spitze. Eingeleitet wurde die Feier durch den Oberkantor von Baden Herrn Seifert, der mit seinem wohlgeschulten Chor in wahrhaft meisterhafter Weise das „ma towu" zu Gehör brachte. Hierauf hielt der Obmann des Vereines, Herr Dr. Brösler, in schwungvollen Worten eine mit großem.Beifalle aufgenommene Begrüßungsrede, in welcher er zunächst der Vöslauer Stadtgemeinde für deren humanes Entgegenkommen bei diesem Werke, wie namentlich dem Bürgermeister Reiter, welcher die Einleitung des elektrischen Lichtes in das neue Bethaus, sowie die Beistellung der Gasluster gratis vcranlaßte, namens des Bethausvereines besonderen Dank zum Ausdrucke brachte. Ferner sprach Redner der edlen Wohltäterin Frau Rosa Marmorek, welche die wahrhaft schöne, innere Einrichtung des Gotteshauses, wie auch eine prachtvolle Schulchandecke spendete, sowie den. Herren Witrofsky und Restaurateur Schwarz für deren besondere Opferwilligkeit und Strebsamkeit im Interesse des Vereines besonderen Dank aus. Sodann hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Reich aus Baden in der ihm eigenen, meisterhaften Weise die Einweihungsrede, worauf derselbe das Anzünden des ewigen Lichtes vornahm. Mit dem Absingen des Kaiserliedes, schloß diese überaus würdige Feierlichkeit. Zum Schluffe müssen wir noch erwähnen, daß das ganze Verdienst, dieses schöne, echt religiöse Werk ins Leben gerufen zu haben, der Initiative des Herrn Aron Weil, Hausbesitzers in Vöslau, zuzuschreiben ist, welcher mit der ihm auszeichnenden Tatkraft und mit seiner beispielgebenden Opferwilligkeit im Interesse dieser edlen und heiligen Sache zum größten Teile zur Entstehung dieses Gotteshauses beigetragen hat. Ein solches Beispiel edler Begeisterung für eine heilige Sache würde wahrlich Nachahmung, verdienen. D. H. Oe—r. Essegg. Der vorige Woche hier stattgehabte Zionistenkongreß wurde unter Teilnahme von Delegierten aus Kroatien und Slavonien, Dalmatien, Bosnien, Serbien und Bulgarien eröffnet. Nach Konstituierung des Bureaus wurden an den Kaiser und den Banus Huldigungstelegramme abgesendet. Der Kongreßpräsident widmete dem verstorbenen Dr. Theodor Herz! einen warmen Nachruf. Kurz vor Schluß der ersten meritorischen Sitzung kam es zwischen den Zionisten und den sogenannten Assimilanten zu so heftigen Auftritten, daß der anwesende Stadthauptmann die Auflösung des Kongreßes aussprach. Es unterblieb daher die für den nächsten Tag anberaumte Fortsetzung des Kongresses. O.-Tura. Am l. August wurde unter zahlreicher Beteiligung Frau Witwe Grünbaum zur ewigen Ruhe bestattet. Zum Leichenbegängnis wurde Herr. Bezirksrabbiner Marmorstein aus Szenicz berufen, der die Verdienste der Verblichenen in trefflichen Worten schilderte. na