Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063245--03206-3069945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Oesterr.-illigar. Kantoren-Zeitung. Jüdische Kantoren in Deutschland nnd in Oesterreich-Ungarn. (Fortsetzung.) Mit dem Jnslebentreten einer behördlich autorisierten Bildungsanstalt für jüdische Kantoratseleven wäre nicht allein die Gelegenheit für die rationelle Ausbildung unserer Kantoratsjünger geschaffen, sondern gleichzeitig auch ein erschöpfendes Mittel gegen das Eindringen fremdländischer Elemente in unser heimatliches Oesterreich gesunden. Wir können und wollen es nicht in Abrede stellen, daß die Auswanderung russischer junger Männer aus ihrem Heimatslande einen Akt der Notwehr bedeutet, der durch die unerquicklichen dortigen Zustände vollauf begründet erscheint; allein wie kommen unsere österreichischen Kantoratsjünger dazu, sich Lurch den Ansturm fremdländischer Elemente in ihren Lebensbestrebungen gefährdet zu sehen? Gefährdet zu sehen von künstlerisch und wissenschaftlich minderwertigen Individuen, die infolge ihres niedrigen Bildungsniveaus, sowie durch Führung und Lebensweise den schwer errungenen Bedeutungsgrad des jüdischen Kantorates herabmindern und demselben tiefe, schier unheilbare Wunden schlagen. Auch nach dieser Richtung erscheint uns Deutschland als Pfadfinder in der Wüste. Nach reichsdeutscher Verfügung ist ausländischen, jüdischen Kantoren, wie überhaupt Ausländern, die Annahme eines ständigen Amtes in Deutschland nicht gestattet nnd nur bei besonderen Anstrengungen seitens der Gemeinden und ihrer Vorsteher, die einen ganz außerordentlich begabten und nach jeder Richtung tüchtig vorbereiteten ausländischen Kantor gewinnen wollen, wird von der Behörde I zuvörderst ein zeitweiliges Bleiben im Lande bewilligt, welches bei entsprechender weiterer Führung und andauernd ausgezeichneten Leistungen in einen ständigen Aufenthalt umgewandelt werden kann. Durch diese, scheinbar drakonische, für die Bessergestaltung der jüdisch-kantoralen Verhältnisse jedoch unbedingt heilsame Maßregel, ist von staatswegen der Invasion unreifer, ausländischer Eindringlinge ein Ende gemacht, und all die kantoralen — Jndustrieritter, denen durch das Machtgebot des Gesetzes der Eintritt in das deutsche Reich nunmehr unmöglich ist, und die an der deutschen Reichsgrenze kehrt machen müssen, wenden sich in vollem Bewußtsein ihrer Unzulänglichkeit nach Oesterreich-Ungarn, wo sie alsbald zu Stellung und Ehren gelangen.. Man lasse nun die jüdischen Gemeinden Oesterreich- Ungarns Revue passieren und untersuche, wie viel, oder besser gesagt, wie wenig einheimische, hingegen wie erschreckend viel ausländische Kantoren hier Stellungen gefunden haben, und man muß eingestehen, daß dieses ganz abnormale Verhältnis leider eine unverdiente Schädigung zuvörderst unserer fleißigen, sich jahrelang abmühenden, einheimischen Kantoratseleven — hauptsächlich jedoch eine arge Herabminderung des durch viele Jahrzehnte von den Besten unseres Standes mit heißem Bemühen angestrebten und auch zumeist errungenen moralischen Bildungsgrades des jüdischen Kantorates involviere. „Wie unbarmherzig, wie ungerecht gegen die Manen, der einstigen weltberühmten Chasonim, wie ungerecht gegen die noch heute ab und zu vorkommenden, eingewanderten, bedeutenden russischen Kantoren!" hören wir rufen. Nun denn, diesen Vorwurf können wir mit ruhigem Gewissen ertragen. In diesen Blättern ist, ja zu wiederholtemnalen und in herzlichst erschöpfender Weise das Loblied für einen Jtzegel Kanarik, Dowidel Brod, Kaschtan, Srole Hlinik rc., und selbst für die noch heute unter uns lebenden, aus Rußland eingewanderten, anerkannten Kantoren angestimmt worden, daß wir' keine Gefahr laufen, einer Ungerechtigkeit oder Unbarmherzigkeit geziehen zu werden. In welch bescheidenem Kantorstübchen immer wir einem echten, unverfälschten Talente begegneten, warteten wir nicht lässig zu, um ihm die nötigen Fortbildungswege zu ebnen, und ernteten auch nach oftmals langem Bemühen den Segen unserer Arbeit — doch die offenbare Talentlosigkeit, die krasse Unwissenheit, die moralische Gesinnungslosigkeit zu fördern, die sich noch zu alledem das Mäntelchen der Originalität anhüngen und der Mitwelt plausibel machen möchte, daß ihre Unwissenheit — Wissen, ihre Talentlosigkeit — Talent, ihre widernatürliche Tongebung — künstlerischer Tonansatz sei rc. rc. und in diesen Kuriositäten von einer laienhaften und indolenten Zuhörerschaft noch bestärkt wird — dazu werden wir uns niemals hergeben. Wir haben die heilige Aufgabe, über die Fortentwicklung des Synagogengesanges zu wachen und können und werden es nicht gleichgiltig hinnehmen, daß Unberufene und Uneingeweihte in die Speichen des Geschichtsrades mrt eingreifen, um das ohnehin schon schwanke Schifflein des Synagogeugesauges nach ihrem Willen auf fremde Bahnen lenken zu wollen. Auf fremde Bahnen? Das wäre doch wenigstens ein Versuch, der heiligen Sache dienen zu wollen; denn auch der Irrtum ist ein Dienst für die Wahrheit. Allein dieses zweck- und phantasielose Singen und Rezitieren, wie nicht minder das Kokettieren mit moderner Kompositionsweise und das leichtfertige Tändeln mit Tönen ist ein Hinaussteuern ins Ziellose und Unbewußte und das sollen die Wege sein, die unsere Heimgegangenen Meister Snlzer, Lewandowsky, Naumburg, Deutsch rc. uns vorgezeichnet? Es umflort sich der Blick angesichts der obwaltenden Zustände auf dem Gebiete des jüdischen Kantorates, wenn man wahrnimmt, welche unwürdige Elemente sich zum heiligen Tische des Herrn drängen, welch problematische Existenzen von unseren sogenannten Sachwaltern und ihren unehrlichen Handlangern protegiert und künstlich vorwärts gebracht werden, während reich talentierte, tüchtig vorgebildete und moralisch gefestigte junge Kandidaten, die es nicht verstehen, durch falsches Geläute ihrem kühnen Auftreten eine nachdrucksvolle Bedeutung zu verleihen, auf allen Linien zurückgewiesen werden, im besten Falle mit Lückenbüßern sich begnügen müssen. Hier tun rasche und energische Maßnahmen not, wenn die Bedeutung des jüdischen Kantorates nicht immer tiefer und tiefer in den Straßenstaub hinabsinken soll. Wir jüdische Kantoren müssen zur Selbsthilfe greifen und unablässig an der Verbesserung unserer Verhältnisse arbeiten, bis wir maßgebenden Ortes gehört und gewürdigt werden. Um jedoch dieses hehre Ziel zu erreichen, ist es nötig, daß die Besseren unseres Standes sich brüderlich die Hand reichen zu gemeinsamer Arbeit — nicht etwa zum Streik, sondern dazu, daß unsere Kantoratskandidaten eine tüchtige Vor- und Ausbildung erlangen, damit endlich der falschen Münze weniger werde und ehrlich geprägtes Gold in Zirkulation käme; denn bei eingetretener Läuterung unserer Anschauungen auch nach der Richtung hin, daß man nicht auf falsche Propheten höre, sondern den der lebendigen Wirklichkeit abgelauschten Ratschlägen derjenigen unter uns Folge leistet, die unserer wahren, synagogalgesanglichen Kunst dienen — mit einem Worte sich zur wahren, idealen Kunst bekennen. All diese sich mächtig herandrängenden Wünsche und Hoffnungen für Hebung und Verbesserung der jüdisch-kantoralen Verhältnisse werden und müssen Gewährung finden, wenn es uns gelungen, eine Ausbildungsstätte für unsere bildungsbedürstigen Kantoratskandidaten zu schaffen und mit derselben auch dasjenige Forum, welches allein die Machtvollkommenheit besäße, nach vorausgegangenen Studien und Prüflingen seiner Jünger sestzustellen, wer mehr oder minder, oder überhaupt das Recht hat, sich einen jüdischen Kantor nennen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.)