Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 32 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32. Die Wahrheit Seite 7. Las heißt das letzte, nur allzulose hängende Band, das ihn noch äußerlich mit seinem Stamme und den Glaubensbrüdern verknüpfte, resolut von sich abzustreifen. Das tat er denn auch. Jedoch nur allzubald erwachte in ihm ein solcher Ekel vor der innerlich hohlen und kranken Zeitkultur, ein solcher Abscheu vor der übertünchten Fäule konventioneller gleißender Moralität, daß er, gleichwie der durch plötzlichen Fall ans dem Rausche Geschreckte, mit geknicktem Gemüt und belastetem Gewissen den Weg zu seinem Schöpfer wieder zu sinden suchte und mit der inbrünstigen Andacht eines Wiedergewonnenen die Weisheitssätze des „Thorat Emeth" in seine Seele schlürfte. „Eine Weisheit," sagte er, „die man mich nie gelehrt, Sätze, die ich erst jetzt lesen, verstehen und begreifen lernte — als ich wieder, ja als ich in Wirklichkeit erst Jude wurde!" Wollen wir also unsere Kinder zu Zionisten, oder sagen wir einfacher zu Juden erziehen — denn welcher wahre Jude ist nicht von nationalem Swlze erfüllt, von begeisterter Liebe zu Zion durchdrungen — müssen wir sie von Juden zu Juden erziehen lassen, müssen wir ihnen den Wunderquell unserer nationalen Sprache und Literatur erschließen, müssen wir sie von zartester Jugend an erstarken lassen in der Liebe zur Familie, in der Begeisterung fürs eigene Volk und sie hinaufheben in die hohe sittliche Sphäre der mosaischen, religiösen Gesetzgebung. Dieses Ziel jedoch — ein Ziel, dem jede nationale und geistige Entwicklung in Israel zustrebt — kann nur erreicht werden — durch die jüdische Schn l e, durch das j ü d i s ch e Gymnasium. Wenn wir die verschiedenen Gattungen der gegenwärtig bestehenden jüdischen Schulen betrachten, so müssen wir gestehen, daß sie dem von uns gezeichneten Ideal einer national-religiösen Erziehungsanstalt gar nicht oder nur in sehr geringem Maßstabe entsprechen. Bei der Volksschule beginnend, können wir die zwei großen Gruppen der „israelitischen" — das Wörtchen „israeliüsch" natürlich in Klammern — Volksschulen der autonomen jüdischen Gemeinden und der ..Chedarim" unterscheiden. Diese fristen nur mehr noch in Galizien und in einigen kulturfernen Grenzgebieten Ungarns ihr bedauernswertes Dasein und sterben bei ihrer Einseitigkeit und mittelalterlichen Methodik nach und nach aus, obwohl auch diesem von Distelwerk durchwucherten Boden manche schöne Blume nationaler Geistesarbeit entsproß. Unsere Volksschulen sind im allgemeinen recht gute Elementarschulen — man lehrt in ihnen ebensogut das Schreiben, Lesen und Rechnen, wie in den staatlichen — doch ihr nationalreligiöser Charakter manifestiert sich höchstens darin, daß dem Religionsunterricht eine größere Stundenzahl gewidmet wird, ja manchmal sogar Teile der Bibel in der Originalsprache gelesen und erläutert werden. Zeigen auch diese Schulen, was Ausmaß und Geist des religiösen Erziehungsunterrichtes, sowie die darin erreichten Erfolge betrifft, große Differenzen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß selbst die schlechteren dieser Schulen auf das kindliche Gemüt einen von national-religiösem Standpunkte ans ungemein heilsamen und fürs Leben dauernden, tiefgehenden Eindruck ausüben werden. Die großen Vorzüge der konfessionellen Volksschule haben selbst die Verfechter des Verstaatlichungsprinzipes anerkannt. Die Volksschule nicht blos als Drillanstalt zur Erlernung nützlicher Elementarkenntnisse, sondern als natürliche Fortsetzung der Erziehung im Familienhause muß insbesondere im Kindesalter die Harmonie zwischen realer und idealer Welt dem Kinde zu erhalten wissen, damit die Kontiguität zwischen Haus- und Schulerziehung nicht gestört werde und der Knabe an dem Tun und Lassen der Vorgesetzten und Mitschüler Gegensätze nicht wahrnehme, die ihm eine Welt des Zwiespalts eröffnen und notgedrungen die Autorität des einen oder andern Hauptfaktors der Erziehung für immer erschüttern. Bei gesunden Verhältnissen behält die Familie ihren steten, lebendigen Einfluß trotz Schule und Sitte ans das Entwicklungsleben des Kindes ungeschmälert aufrecht. Doch ist auch dann ein solcher frühzeitig dem kindlichen Gemüte aufgezwnngener Seelenkampf lieber zu vermeiden, ja überhaupt eine — Anomalie. Wir Männer haben zu kämpfen; der Kampfpreis, um dessenwillen wir kämpfen, sind eben diese Kinder, die Heranwachsende Jugend unseres Volkes, das künftige Israel, das Judentum — sind wir! Die Waffe, die uns allein zum Siege führen kann, ist die national-religiöse Erziehung unserer Jugend, die Schule, insbesondere die jüdische Mittel schule, das jüdische Gymnasium. Jüdische Volksschulen sind im allgemeinen in genügender Anzahl vorhanden; jede größere Gemeinde hält sich verpflichtet, eine Volksschule und womöglich als deren Erweiterung eine konfessionelle Bürgerschule zu errichten. Der Staat setzt diesen Bestrebungen keine Hindernisse entgegen, einerseits in Anerkennung der in diesen Schulen gerade auf konfessioneller Grundlage erzielten pädagogischen Erfolge, oft jedoch aus rein finanziellen und verwaltungstechnischen Ursachen. Wie sieht es jedoch mit der jüdischen Mittelschule aus, die nicht in erster Linie tüchtige Kauflente, sondern Staatsbeamte, Gelehrte, Techniker heranbilden will — eine Generation, der bei wirklicher nationaler und konfessioneller Gleichberechtigung — ebenso die Leitung des Staates, die Verwaltung seiner geistigen und materiellen Güter anvertraut werden müßte wie jedem andern Bürger irgendwelcher Konfession und Nationalität. Zeigt ihr gegenüber die Staatsverwaltung dieselbe Unparteilichkeit oder gar Entgegenkommen wie gegenüber den Volksschulen? Wir müssen dies bezweifeln. Selbst in sogenannte» liberalen Staaten kommt man über den einen Punkt nicht ganz hinweg, gewisse Vertrauensstellen der Staatsverwaltung, des Richteramtes und der höheren Erziehung den Juden nach wie vor vorzuenthalten. Es geschieht dies nicht etwa infolge des religiösen Gegensatzes — denn jene Hochgestiegenen sind gewöhnlich auch über die eigene Religion hinweggeschritten — sondern weil man den Inden, wie immer er sich auch um die Kultur seines Vaterlandes verdient gemacht haben mag und obwohl er in den st a atlich en Gymnasium und Universitäten nicht blos zum Patrioten, sonder» zum hypernationalen Chauvinisten erzöge» wurde, trotz alldem als nicht genügend nationalisierten und zu wenig assimilierten Fremden betrachtet, dessen Patriotismus das immanente Mißtrauen der Gegner umsonst zu entkräften sucht. Viele wollten dafür durch die Taufe, durch die religiöse Entjndinig und gänzliche Entnationalisierung den vollgiltigen Beweis ihrer vaterländischen Gesinnung und ihres chauvinistischen Patriotentums erbringen, besonders in Fällen, wo es sich um Erlangung jener erwähnten Vertrauensftellen im Staate handelte. Sie krönten daher ihre langjährigen Mittel- und Hochschulstudien, die Jugendperiode einer systematischen national-religiösen Entjudung mit der mannesmutigen Tat des Uebertrittes und brachten also das frühzeitig begonnene Werk der Assimilation konsequent zum Abschluß. Dahin also führt in vielen Fällen die „religiös-sittliche" Erziehung der staatlichen und anderer interkonfessioneller, „nationaler" Schulen, ja es gibt Volksbeglücker, die im Geheimen und, wenn sie es können, mit unverblümter Offenheit die Erreichung eben dieses Zieles anstreben. Ein Staat, ein Volk, eine Religion ist ihre Devise. Als ob die Juden in ihrer bisherigen Geschichte mit Tat oder Wort je separatistische, die Staatseinheit gefährdende Gelüste gezeigt hätten und nur ihre Entjudung und völlige Assimilation von der Wahrhaftigkeit ihres Patriotismus überzeugen könnte! Im Gegenteil. Sie sind es gerade — die vernünftigeren Zionisten abgerechnet — die sich den einzelnen Völkern als Percys ihrer nationalen Rechte aufdrängten, die Germanen teutonisieren, die Arpaden magyarisieren halfen und die Vorkämpfer aller Nationalitäten wurden — blos der eigenen nicht. Wer jedoch die erhabene geschichtliche Vergangenheit des eigenen Volkes vergißt, wer den religiösen Jrealen der Väter und Urväter untreu wird, der wird auch den fremden Göttern des chm Gastrecht und Heim gewährenden Volkes nur mit halbem Herzen dienen. Viel eher werden jene Epigonen, die sich noch immer stolz die Nachkommen des auserwühlten Volkes nennen und mit treuer Liebe ihre uralte Religion Hochhalten, ihrer patriotischen Pflichten gegen Staat und Mitbürger eingedenk