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Die Wahrheit · 1904-08-12 · Heft 32 (12.8.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 32 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 32. Die Wahrheit und sind infolgedessen verhindert, am Samstag dem Gemeindegottesdienste in Begleitung ihrer Eltern, wie dies Brauch und Sitte ist, im Tempel beizuwohnen. Ebenso verhält es sich mit den Frequentanten der Mittelschule. Um nun die Jugend dem Gottesdienste nicht ganz zu entfremden, ist von unserer Kultusgemeinde vor 23 Jahren ein eigener Gottesdienst für Volks-, Bürger- und Mittelschüler inauguriert worden, der an jedem Sabbath, und zwar für Volks¬ und Bürgerschüler in 13, für Mittelschüler separat in 5 Bethäusern abgehalten wird. Bei diesem Gottesdienst, der 3/4 Stunden dauert, wird, wenn er Vormittag stattfindet, das Mnssafgebet, wenn er Nachmittag stattfindet, das Minchagebet verrichtet, und werden in dem einen und anderen Falle je drei Schüler, welche das 13. Lebensjahr überschritten haben, zum Vorlesen aus der Thora aufgerufen. Ferner wird jedesmal eine Exhorte gehalten und werden zwei deutsche Lieder gesungen. An Festtagen, dem jüdischen Oster-, Pfingst- und Laubhüttenfeste, sowie am Neujahrs- und Versöhnnngstage, an denen die Kinder schulfrei sind, finden die genannten separaten Jugendgottesdienste nicht statt. Hingegen wurde für jene Bürger- und Mittelschüler, sowie Handelslehrlinge, die aus irgend welcher Ursache mit ihren Ellern oder Angehörigen dem öffentlichen Gottesdienste nicht anwohnen können, ein eigener Gottesdienst in drei Bethäusern eingerichtet, der vom großen Gottesdienste in unseren Synagogen nur durch Eliminierung einiger Gebetstücke abweicht. Der Gottesdienst ist für die Schuljugend nicht obligatorisch, wird aber zahlreich besucht. Das für diesen Gottesdienst in Wien im Gebrauche stehende Büchlein ist beigeschlossen. Bei diesem Anlasse beehrt sich der Vorstand, Euer Hochwohlgeboren, für das warme und rege Interesse, das Sie für die sittlich-religiöse Erziehung unserer Jugend bekunden, den üefgefühlten Dank auszusprechen. Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der vorzüglichsten Hochachtung. Der Sekretär. Der Präsident. B e i l a g e B. Vorschläge: In denjenigen Städten, wo an reinlichen Synagogen Mangel ist, soll es Pflicht der Schulleitung sein, an Sabbathen, sowie an den Feiertagen in der Schule für die Kinder und die Eltern einen anständigen Gottesdienst einzuführen. Falls es möglich, wäre auch ein Kantor zu besorgen. Die Hastora zu sagen, soll immer einem guten Schüler als Auszeichnung zugewiesen werden. Nachmittags 4 Uhr soll ein Kindergottesdienst stattfinden, wobei während des Sommers der ethische Traktat „Sprüche der Väter" und während des Winters „Borchi Nafschi" gelesen und erklärt werden sollen. Dies ist eine alte Sitte der Juden, die aber bei vernünftiger Ausführung immer neu bleiben kann. Das jüdische Gymnasium. Bon einem Schulmann.*) Zionisten, wie Anttzionisten — ich verstehe darunter auch jene, die euphemisüsch Philozionisten genannt werden — sind darüber einig, daß die geistige und naüonale Erstarkung des jüdischen Volksbewußtseins nur dann von dauernder, tiefgehender Wirkung sein kann, wenn dem einzelnen Individuum schon von frühester Jugend an ins Bewußtsein gebracht wird, Lehre und Beispiel es ihm immerdar vor die Seele führen, daß er Jude ist, daß er als Jude leben und sterben muß. *) Unseren Intentionen gemäß, die Diskussion der „Jüdischen Schule" aus dem Laufenden zu erhalten, veröffentlichen wir obigen Artikel eines bekannten jüdischen Schulmannes, der wohl im zionistischen Lager stehend, dennoch diese wichtige Frage nicht von einseitigem sondern vom altzemein jüdischen Standpunkte beurteilt. Die Redaktion. Ueber die Wichtigkeit der nationalen oder auch jedweder nationalen Erziehung Worte zu verlieren, wäre müssig. Betrachten wir nur die Studienpläne und Lehrordnungen der einzelnen Staaten. Wie dominiert da im Stundenplan — und hierin möchte der ileinste Balkanstaat nicht Zurückbleiben — die nationale Literatur und Sprache. Der Rangordnung nach an die zweite Stelle gesetzt — denn auch die „Fortgeschrittenen" anderer Konfessionen müssen das Primat der religiös-sittlichen Erziehung anerkennen, begnügen sich jedoch mit der platonischen Liebesbezeugung eines ganz formellen zweistündigen Religionsunterrichtes — nimmt der nationale Sprach- und Lileraturunterricht in Wirklichkeit den größten Raum ein und füllt fast ein Drittel des Gesamtstundenplanes aus. Er ist der Mittelpunkt des gesamten geistigen Unterrichtes, der intellektuelle Hauptsaktor zur Bildung des Charakters des Zöglings, der Festigung seines werdenden moralischen Willens; aus ihm enthält der Knabe die meisten geistigen Anregungen; erlebt sozusagen im Kleinen die geschichtlichen Kulturstufen seines Volkes durch. Alle übrigen Gegenstände gewinnen durch ihre je engere Verknüpfung mit diesem zentralen Hauptgegenstande an Bedeutung und sie alle werden, den konzentrischen Kreisen gleich, auf diesen einen Mittelpunkt bezogen. Betrachten wir nun aus diesem Gesichtspunkte einer streng national-jüdischen Erziehung unsere Jugend. Genießt sie eine solche Erziehung, die sie dereinst — seien wir optimistisch — befähigen soll einen jüdischen Staat zu erwerben und zu behaupten? Werden jene sich stolz jüdische Nationalbürger nennen, die sich heute fast nicht mehr als Juden fühlen, kaum wissen, was die Worte „jüdisches Volk", „jüdische Religion' bedeuten?! Ja es wird vielleicht manchen erst durch den Zionismus zum Judentum erwachten .. Erst-Juden" geben, für den sich, sein junges Nationaljudentum so völlig im Rassen- und rein wirtschaftlichen Zionismus erschöpft, daß sich vorerst an seiner eigenen Person ein ganzer Rückwandlungsprozeß zum „Volljuden" vollziehen muß, so er den Namen eines wahren Juden, eines wahren Zionisten wirklich verdienen will. So sehr hatte ihn bereits Erziehung und Sitte verderbt, so sehr wurde er schon von frühester Jugend an in den staatlichen und christlichen Schulen entnationalisiert, den väterlichen Familienidealen entfremdet, der Treue zur angestammten Religion abwendig gemacht, kurz — entjudet. Blieb in dem also Erzogenen noch ein Restchen Judentum zurück, so schmolz dies später gar bald in der schwülen Wärme eines unaufrichtigen, gesellschaftlichen Verkehrs und führte zur Mischehe, zur Taufe. Daher die starre Abkehr der Orthodoxen von Bildung und Gesellschaft, daher der leichte und so rasche Siegeszug des Zionismus. Dort das allzu ängstliche Anklammern an das köstlichste ideellste Gut des jüdischen Volkes, an seinen wunderbaren nationalen Glauben, hier frohe Hoffnungen auf nationalen Aufschwung, auf Bessergestaltung des irdischen Loses und die uralte Sehnsucht nach dem nationalen Gemeinwesen der besseren Zukunft. Doch wie viele waren bereits inzwischen abgefallen, wie vielen war inzwischen die reumütige Rückkehr zum alten Volksstamm, zu den trotz äußeren Abfalls heimlich noch immer geliebten nationalen Sitten und erhabenen religiösen Satzungen fiir immer abgeschnitten! Mir selbst beichtete ein getauft gewesener^ jedoch reumütig zum Judentum zurückgekehrter Advokat seine lehrreiche — und wie bei vielen andern mußte sie zum selben traurigen Ausgange geführt haben! — typisch zu nennende Jugendgeschichte, die uns Ziel und Richtung unserer heutigen Jugenderziehung klar genug erkennen lassen. Als Sohn religiöser Eltern sei er nichtsdestoweniger in einem von Geistlichen geleiteten Gymnasium erzogen worden, habe deren Geist und Sitten mit der ganzen Empfänglichkeit des Jünglings in sich aufgesogen, bald den Unfug der Studentenromantik mit ihren Duellen — er zeigte mir eine tiefe Kopfnarbe — mitgemacht und-zuletzt, um seine Studien zu vollenden und die europäische Gesellschaft kennen zu lernen, das europäische Festland sowie England bereist. Alle Wege waren geebnet, um, wie er sagte, gänzlich Europäer zu werden,

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