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Die Wahrheit · 1904-08-05 · Heft 31 (5.8.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 31 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 31. Ihm Speise, dürstet ihn, so reiche ihm Trank; denn glühende Kohlen sammelst du auf sein Haupt und der Ewige wird es dir vergelten." (Sprüche Salomos 25, v. 21—2^.) Die Sprüche. Salomos, sind auf jüdischem Boden entstanden und in Hebräischer Sprache geschrieben. Das hebräische Wort, welches „Haupt" bedeutet, ist nicht mit dem zu verwechseln, welches „Herd" bedeatet; und auch Paulus hat, wenn er auch griechisch sprach und schrieb, die.Bibelstellen unverändert zitiert, nur daß er sie zum Zwecke seiner christologischen Theorien und der Lehre -von der nunmehrigen Außerkraftsetzung des Gesetzes noch mit weit größerer Phantasie und weit weniger Beachtung des einfachen Wortlautes und Wortsinnes gedeutet, als dies Pharisäer und rabbinische Gesetzeslehrer, die deswegen so oft getadelt und verspottet wurden, zum Zwecke ihrer agadischen Schrifterklärungen mnd halachischen Gesetzesdednktionen je getan haben. Rabb. Stark. Jüdische Kantoren in Deutschland «nd in Oesterreich-Ungarn. Die beiden letzten Nummern dieser Blätter brachten unter der Devise „Die Heranbildung jüdischer Kantoren" eine treffliche meritorische Darlegung, welche im großen und ganzen zwar nichts Neues, jedenfalls aber die Situation vorführt. in welch erfreulich sachlicher Weise die maßgebenden Kreise in Deutschland die Kantorfrage zu würdigen und zu behandeln verstehen. Der deutsch-israelitische Gemeiudebuud beschäftigt sich seit Jahren mit der fachmännischen und sozialen Verbesserung der jüdisch-kantoralen Verhältnisse, läßt zuvörderst gewiegte und erfahrene Fachmänner zu Worte kommen, um dann auf Grund dieser Auseinandersetzungen Mittel und Wege zur Verbesserung der bestehenden. jüdisch-kantoralen Unzulänglichkeiten zu finden und festzustellen. Denn was nützen uns all die sicherlich wohlgemeinten, aber auf Schritt und Tritt die Spuren des Laienhaften aufweifenden Kundgebungen, die aus Wiener Kreisen in die Oeffentlichkeit drangen, wenn uns schon die nichtüblichen und an ungeeigneten Stellen, angewendeten termini teclmici Zu der begründeten Anschauung führen, daß hier kein Fachmann das Wort führt; daß demnach all die übrigen, wenn auch wohlgemeinten Darlegungen nicht ernst zu nehmen seien. Wir gelangen alsbald zur sicheren Ueberzeugung, daß es für die Besserung der obwaltenden Schäden vorteilhafter gewesen wäre, die sicherlich edlen Herzensregungen zurückzudrängen, anstatt ein sogenanntes kantoral-kritisches Zerrbild durch den Druck zu verewigen. Deshalb preisen wir das Vorgehen des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, der erprobten und auf der Höhe ihrer Aufgabe stehenden Fachmännern (nicht einseitigen Musikern) die Sichtung des vorhandenen Stoffes und das Referat zur Verbesserung vorhandener Mängel übertrug, um erst dann bezüglich der einzuleitenden Maßnahmen schlüssig zu werden. Und der deutsch-israelitische Gemeindebund hat auch bereits bezüglich der Vrrbessernng der jüdisch-kantoralen Verhältnisse die ihm gutdünkenden Schritte getan, indem er den Fortbildungskursus für jüdische Kantoren ins Leben rief. Das ist eine Tat, die zur baldigen Nachahmung auch in anderen Staaten geradezu drängt, wenn die Bedeutung des jüdischen Kautorates durch die Macht der bestehenden Verhältnisse und Zustände nicht geradezu untergraben, ja sogar dem Untergange zugeführt werden soll. Forschen wir nun nach den Ursachen dieser bei uns in Oesterreich-Ungarn platzgegriffenen unglückseligen Erscheinung auf jüdisch-kantoralem Gebiete, so gelangen wir leichthin zur Ueberzeugung, daß hier vornehmlich der Mangel eines geregelten Stndienganges und selbstredend der Mangel eines Befähigungsnachweises bei unseren sogenannten Kantoratseleven, oder besser gesagt -Kandidaten ln die Wagschale fällt. Jeglichem Gebiete, selbst der alltäglichsten Lebensbetätigung müssen sogenannte Lehrnnd Wanderjahre vorausgehen. Auch dem Handwerker wird die gesetzliche Pflicht auferlegt, zuvörderst seine Lehrlingsjahre nachzuweisen, bevor er zum Gesellen ernannt werden kann — und welche Fülle von Obliegenheiten wird erst demjenigen vorgeschrieben, der die Berechtigung erlangen soll, sich endlich Meister nennen zu dürfen! Die schier endlosen Studienjahre eines Jüngers der Wissenschaft bevor er zum Doktor graduiert, der unabsehbare Werdegang eines Kunsteleven, bevor er eine bedeutungsvolle Stufe der Künstlerschaft erreicht, ist ja hinlänglich bekannt, um ausdrücklich angeführt werden zu müssen. Selbst der Organist und Kantor der nichtjüdischen Kirchengemeinden ist gesetzlich verpflichtet, den Befähigungsnachweis für sein Können durch Urkunden über das in vielen Studienjahren gewonnene Wissensmaterial zu erhärten, bevor er zu einem Probevortrag oder -Spiel zugelassen werden darf. Nur das verantwortungsreiche Gebiet des jüdischen Kautorates bildet eine unbegreifliche Ausnahme inmitten all der aufgezählten Situationen. Der jüdische Kantorkandidat bedarf keines Studien- und Befähigungsnachweises und ist in der glücklichen Lage, jedweder Prüfungskommission auf Meilen weit aus dem Wege zu gehen. Besitzt er ausschließlich den Geleitsbrief irgend einer einflußreichen Laienpersönlichkeit, so gelaugt er alsbald, wenn auch durchdrungen von der Größe der fachlichen Unzulänglichkeit, ausschließlich mit dem Mute der Unwissenheit ausgerüstet, zu der uns allerdings unbegreiflichen, jedoch ihm leichtfertig geläufigen Behauptung: ..Ich bin ein jüdischer Kantor." Dieses vordem Tribunal der eigenen Unwissenheit ausgestellte Dokument überhebt ihn aller Schwierigkeiten, die der Bewerber auf jedem anderen Gebiete zu überwinden hat- und er selber lacht sich in stillen beschaulichen Stunden, wenn er mit seiner lieben Persönlichkeit allein ist, ins Fäustchen über den ungeahnten Erfolg, den er durch seine Kühnheit errungen. — — Nunmehr ins Amt eingeführt und mit der Machtvollkommenheit zur heiligen Handlung ausgerüstet, werden all die äußerlichen Behelfe sogenannter Pseudokünstlerschaft ins Treffen geführt, die dem Publikum imponieren sollen und — leider auch imponieren. Guckt auch allen Ortes das Gespenst der Unzulänglichkeit heraus, zeigen sich auf Schritt und Tritt in der amtlichen Betätigung allenthalben auch Mängel und Lücken, unser Glücksritter bleibt von denselben ganz unberührt, teils weil er ein eno jodea saheeno jodea, d. h. weil er nicht einmal die Fähigkeit zur Beurteilung der eigenen Ignoranz besitzt, teils aber auch, weil er aus jahrelang gewohnter Untätigkeit in der Untätigkeit sein Lebeusidealfindet. Wir müssen es uns aus naheliegenden Gründen versagen, das häßliche Bild unseres jüdischen kantoralen Kandidatentums, welches nach der Natur gezeichnet ist, weiter zu malen, müssen jedoch konstatieren, daß diese allenthalben platzgreifenden Vorkommnisse die schwerwiegenden Ursachen des Niederganges unserer einst so bemerkenswerten und allgemein geachteten Stellung sind und es bleiben müssen, insolange nicht nach der angedeuteten Richtung dadurch Wandel geschaffen wird, daß auch — gleich anderen Berufskreisen — die Ausbildung jüdischer Kantoratseleven bewährten Fachmännern, die auch Pädagogen sein müssen, anheim gestellt wird, und daß auch von dem sich bewerbenden jüdischen Kantoratskandidaten vor allem der Befähigungsnachweis zur Ausübung seines Amtes durch ein Frequentationszeugnis einer staatlich anerkannten Anstalt verlangt wird — einer Anstalt, deren Aufgabe es nicht allein sein darf, die wissenschaftlichen Lücken ihrer Lehrbefohlenen, sondern auch das moralische Niveau derselben nach Kräften zu heben. Insolange die Unwissenheit jüdischer Kantoratskandidaten nicht als schweres Gebreste erachtet.insolange ein moralisches Defizit bei den Trägern eines heiligen Amtes von maßgebender Seite mit liebenswürdiger Gleichgiltigkeit geduldet wird — solange ist für uns jüdische Kantoren leider keine Besserung in Sicht. Und diese Besserung muß errungen werden, indem die klaffenden Wunden rücksichtslos bloßgelegt werden und nach Mitteln zur Heilung derselben geforscht wird. (Fortsetzung folgt.)

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