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Die Wahrheit · 1904-08-05 · Heft 31 (5.8.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 31 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 31: ferner auf die Vergebührung der Sitze in den Gemeinde- und Privat-Bethäusern, vorzüglich aber auf die Spekulation auf das an großen Feiertagen rege Zuströmen' in den Ort des Sitzes des Kultusgemeinde Vorstandes und des Rabbinates der außer diesem Orte, quasi in der Diaspora wohnenden Glaube n s g e n o s s e n u. s. w. Diesen Schwierigkeiten darf aber nicht mit Passivität ausgewichen werden; denn das Nichtstun, das in den Schoßlegen der Hände ist nicht gleichbedeutend mit Umsicht u n d V orsi ch t. Ein Pfli ch tv ersäumni s kann niemals ganz entschuldigt werden; zumal eine humanitäre Stiftung für Hebung der Kultur durch Erziehung der Jugend soll für ihren;Zweck wirken und tätig sein. _ (Schlußfolgt.) Parallele«. Die Antisemiten wollen bekanntlich Heine nicht als deutschen Dichter gelten lassen, obgleich er die Taufe empfangen hat und wie in diesen Blättern erst neulich zu lesen war, kein Geringerer als Wilhelm Jordan ihm das Zeugnis gab, daß er, der Jude Heine, der germanischen Urdichtung am nächsten gekommen ist. Nun denn, wir können es uns schon gefallen lassen, daß man uns Heine beläßt, denn trotz der Taufe war er nie Christ. Schrieb er doch an Moser: „Wer aus Ueberzeugung sich laufen läßt, ist ein Narr, und tut er es aus Gleißnerei, so ist er ein Schuft"; und in seinem letzten Buche „Geständnisse" bekundet er öffentlich seine innere Angehörigkeit zum Judentume, wenn er auch äußerlich das blieb, wozu ihn ein unbesonnener, von ihm selbst am meisten getadelter und bespöttelter Schritt gemacht hatte. Ja, wir sind nicht so engherzig und Möchten uns sogar Lessing, Schiller und Goethe, die nicht von jüdischer Abstammung waren, sehr gerne als „Juden" gefallen lassen. Wenn biblischer Geist und biblische Sprache und Redeweise zum Juden machen, dann haben wir auch znm Teile ein Anrecht auf sie. Den Lessing will man uns auch in der Tat geben. Weil er auf die Juden nicht schimpft, weil er, „der Jude", den „Nathan" schrieb, und ein intimer Freund Mendelssohns war, wird er von den Antisemiten als Jude bezeichnet. Wir danken innigst für diese kostbare Gabe, für diese hohe Anerkennung und Auszeichnung des Judentums. Aber auch den Schiller und den Goethe möchten wir gerne haben. Haben doch beide Dichterfürsten, wie aus unzähligen Stellen ihrer Werke (in dem Jugenddrama Schillers „Die Räuber" finden sich mehr als 60 Stellen und Redensarten aus der Bibel) hervorgeht, das alte Testament fleißig studiert und sich in dasselbe so eingelesen, daß Gedanken, Bilder und Redeweise der Bibel bei ihnen nicht selten zu treffen sind, aber freilich nur vom Bibelkenner bemerkt werden. Trotz seiner Universalität und seiner Beschäftigung mit den verschiedensten Wissenschaften dürfte indes Goethe doch keinen Talmud studiert haben, und dennoch finden wir in seinen Werken sogar Gedanken und Urteile, welche an fast gleichlautende talmudische Aussprüche erinnern. Besonders fällt diesbezüglich sein Urteil über den Weingenuß auf. Man vergleiche nur folgende Stelle im „Götz von Berlichingen" (erster Akt, Herberge im Walde). Martin (Martin Luther): Für mich einen Trunk Wasser. Ich darf keinen Wein trinken. Götz: Ist das euer Gelübde? Martin: Nein, gnädiger Herr, es ist nicht wider mein Gelübde, Wein zu trinken; weil aber der Wein wider mein Gelübde ist, so trinke ich keinen Wein. Götz: Wie versteht Ihr das?" Martin: Wohl Euch, daß Jhrs nicht versteht. Essen und Trinken, meine ich, ist des Menschen Leben. Götz: Wohl! Martin: Wenn Ihr gegessen und getrunken habt, seid Ihr wie neu geboren; seid stärker, mutiger und geschickter zu Eurem Geschäft. Der Wein erfreut des Menschen Herz, und die Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden. Wenn Ihr Wein getrunken habt, seid Ihr alles doppelt, was Ihr sein sollt, noch einmal so leicht denkend, noch einmal so unternehmend, noch einmal so schnell ausführend, mit nachstehenden talmudischen Aussprüchen: R. Abdina lehrt: Bevor der Mensch mit Speise und. Trank sich stärkt, hat er zwei Herzen (d. h. schwanken seine Gedanken hin und her, kann er über nichts zu eiyem festen Entschlüsse kommen), erst wenn er gegessen und getrunken, wird aus den, zwei Herzen ein Herz (erlangen seine Gedanken Klarheit und Festigkeit und erfüllt ihn Mut> Entschlossenheit und Willenskraft). (Baba-Bathra 10 a.) Raba lehrt: Wein und.Wohlgerüche schürfen den Verstand, machen .klug und scharfsinnig (Joma 76 b). R. Nachman sagte: Erst nach dem Genüsse eines Viertels Wein vermag ich klar und scharf zu denken und ein richtiges Urteilzu fällen. R. Huna macht die Bemerkung: Auch ein beschränkter Verstand erweitert sich durch .mäßigen, regelmäßigen Weingenuß, denn der Wein stärkt die Denk- und Tatkraft. (Erubim 64 a.) Auch für die weitere Bemerkung Martins, daß Wein bei Personen, die untätig sind, leicht Begierden erregt und zur Unkeuschheit führt, finden sich mehrere Parallelstellen im Talmud. (Siehe S. 12 meiner Schrift: Der Wein im jüdischen Schrifttum und Kultus.) Dieser Tage wurde von vielen in- und ausländischen Blättern eine Notiz der .Frankfurter Zeitung" reproduziert,'in welcher gesagt wurde, daß es in der Redensart: Eher wirk) ein Kamee! durch ein Nadelöhr gehen u. s. w. statt Kameel Schiffstau heißen soll, und in der Redensart: Glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln, statt auf sein Haupt, auf seinen Herd. Auch das „Prager Tagblatt" brachte diese Notiz, ohne daß angegeben worden wäre,, warum es statt Kameel Schiffstau heißen solle. Schreiber dieses hat infolgedessen nachfolgende Bemerkung im genannten Blatte veröffentlicht: Die Redensart: Ein Kameel durch ein Nadelöhr gehen, ist aus dem Evangelium Matthäi 19, 24. Dort heißt es: ..Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in das Reich der Himmel eingeht." Dieses Evangelium liegt uns jetzt in griechischer Sprache vor, war aber ursprünglich in aramäischer Sprache geschrieben; und auch Jesus, dem dieser Spruch in den Mund gelegt wird, hat aramäisch — die damalige Volkssprache der Juden — gesprochen. Wenn nun auch das griechische Wort kämilos Schiffstau leicht mit kamölos Kameel verwechselt werden konnte, so konnte ja das nicht so leicht im Aramäischen geschehen. Ueberdies findet sich dieses Bild des Unmöglichen auch im Talmud, u. zw. zweimal, nur heißt es dort beidemal statt Kameel — Elefant. Zn Berochst wird gesagt, daß man auch im Traume nur Bilder von wirklich vorhandenen Dingen sehe, darum habe auch noch jemand im Traume einen Elefanten durch ein Nadelöhr gehen sehen. In Baba-Mezia 38 b wird von den Gesetzeslehrein Pumbaditas, eine Stadt mit einer talmudischen Hochschule in Babylon, wegen ihrer sophistischen Lehrweise gesagt, daß sie mit ihrer Sophistik einen Elefanten durch ein Nadelöhr zwängen. In Palästina, wo das Kameel dys größte Landtier war und häufig vorkam, drückte man das Unmögliche bildlich dadurch aus, daß man sagte, ein Kameel durch ein Nadelöhr gehen. Elefanten, waren in Palästina nicht vorhanden. In der ganzen Bibel ist vom Elefanten nicht die Rede und das Wort Pil Elefant kommt erst in der Mischnah vor. Auch dürften die Elefanten wahrscheinlich erst in den Makkabäerkriegen — Lysias, der syrische Feldherr führte auch 32 Kriegselefanten mit sich (Makkabäer le 6) — zum erstenmale nach Palästina gekommen sein. In Babylon hingegen, wo Elefanten wegen der größeren Nähe von Indien öfter zu sehen waren, sagte man, weil der Elefant noch größer ist als das Kameel, ein Elefaut durch ein Nadelöhr gehen. Beide Redensarten haben denselben Ursprung, sind jüdisch und und drücken dasselbe ans. Hätte man in Palästina und hätte Jesus gesagt, ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, so hätte dieser Spruch gewiß auch im Munde der babylonischen Juden also gelautet. Es muß also bei Kameel bleiben. Ebenso kann und darf an der Redensart: „Glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln' nichts geändert werden. Denn diese vom Apostel Paulus gebrauchte Redensart ist nichts weiter als ein Teil aus einem Spruche Salomos. Dieser Spruch lautet in seiner Vollständigkeit: „Wenn dein Hasser hungert, so reiche

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