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Die Wahrheit · 1904-08-05 · Heft 31 (5.8.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 31 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 31. Die Wahrheit Diese infame Hetze wurde fortgesetzt, auch als es längst feststand, daß der Mörder Plehwes kein Jude sei. Die Leser des „Deutschen Volksblattes" wurden weiter in dem Glauben bestärkt, daß Plehwe ein Opfer der Juden sei und daß in Rußland die Juden allein die Seele aller staatsgefährlichen verbrecherischen Umtriebe seien. Diese systematische Aufreizung gegen die Juden kann einmal zu furchtbaren Folgen führen. Die fanatischen und urteilslosen Leser des „Deutschen Volksblattes" merken sich nur die aufhetzenden bösen Beschuldigungen, die von dem „Deutschen Volksblatte' gegen die Juden ausgestreut werden; sie sind unfähig zu erkennen, daß das ..Deutsche Volksblatt' selbst sich das Brandmal der Lügenhaftigkeit auf die freche Stirne gedrückt hat. da es vor kurzem erst, anläßlich des Attentates auf Bobrikow Ansichten zum Besten gab, die ihre Lügenkampagne in der Plehwe-Affaire gründlich desavouieren. * * ¥ Das Attentat auf Bobrikow. von dem Abkömmling einer deutschen christlichen Familie wegen der Greuel verübt, die der grausame Mann an — Christen beging, konnte zu keiner Judenhetze ausgebentet werden. Damals schreibt das „Deutsche Volksblatt": „Allenthalben wurde in den letzten Monaten nicht etwa in jenen Kreisen des russischen Reiches, welche die militärischen Mißerfolge gern als das Signal für die Realisierung ihrer revolutionären Pläne betrachten möchten, sondern in jenen, welche eine ruhige Entwicklung des Staates aus gesunder Grundlage wünschen, der Ruf nach einer Reform der Verwaltung laut, weil man aus den letzten Ereignissen gelernt hat, daß das bisher geltende System gerade diejenigen Faktoren schwächt und geradezu wehrlos macht, die man durch dasselbe zu stärken und zu schützen wähnte. Wenn also die bitteren Erfahrungen, die der ostasiatische Krieg gezeitigt hat, in Zukunft nicht wieder und immer wieder gemacht werden sollen, dann wird man sich in den maßgebenden russischen Kreisen dazu entschließen müssen, den Mahnungen und Ratschlägen derjenigen Gehör zu schenken, die es mit dem Staate und der Dynastie ehrlich meinen und daher in deren Interesse eine vernünftige Reform der Verwaltung wünschen. Das Attentat ist ein ernster Fingerzeig für den Zaren und seine Umgebung, daß es im russischen Reiche Zu st än de gibt, die einfach unhaltbar sind und mit denen daher endlich gebrochen werden muß. ... Es konnte nichts Unklugeres geschehen, als die Bewohner des russischen Reiches zur Unzufriedenheit zu reizen. Von diesem Gesichtspunkte aus muß das Attentat beurteilt werden.... Es ist nun Sache des Zaren und jener, die zunächst seinem Throne stehen, diese Ereignisse richtig zu deuten und dann jene Entschlüsse zu fassen, welche geeignet sind, Rußland vor schwerer Schädigung von außen und vor Katastrophen im Innern zu bewahren." So vernünftig und der Wahrheit gemäß schrieb das „Deutsche Volksblatt" anläßlich des Attentates aus Bobrikow. Aus der Ermordung Plehwes würde das Blatt auch keine anderen Folgerungen gezogen haben, wenn es nicht geglaubt hätte, aus diesem Falle erfolgreich — ein politisches Attentat auf die Juden verüben zu können. Zur Hebung des Kulturrustuudes der galstischen Juden. II. Beneficia non obtruduntur. (Röm. Recht.) Das Aufdrängen der Wohltaten gereicht denjenigen zum Nachteil, denen wir die Wohltaten angedeihen lassen. (Talmud.) Wir haben vorige Woche in unserem ersten Aufsatze, welcher dasselbe Thema behandelt, die Meinmig eines ausgezeichneten Mannes über die Aufgabe der Baron Hirsch-Schulen den Lesern bekanntgegeben. In derselben Nummer ist auch ein Aufruf unter dem Titel „Hilfe für Galizien" abgedruckr. Die Lage der galizischen Juden wird in demselben in den schwärzesten Farben geschildert und um Beiträge, zur Linderung derselben gebeten. Dieser Ausruf ist von verschiedenen Vertretern der jüdischen Gesellschaft gefertigt. Da aber, bevor man zu neuen Aktionen greift, vonnöten ist, sich umznsehen, wie wir mit den alten Mitteln, die wir schon für diese Zwecke besitzen, umgehen, haben wir uns entschlossen, zu untersuchen, ob uns wirklich nur Geld fehlt, um weitere Hilfsveranstaltungen zu treffen, oder ob es uns nicht vielmehr an guten Menschen mangelt, die-ihre ehrenvolle Aufgabe ernst nehmen und bereit sind, sich für die gute Sache auszuovfern und alles aufzubieten, um Ersprießliches zu leisten. Wir glauben aber, daß das letztere der Fall ist, und daß es daher mehr am Platze wäre, nach edlen Menschen zu rufen, als um kleine Beiträge anzusuchen. Tolstoi schreibt einmal: „Was heißt es: für die Armen arbeiten? fragt man mich. Ihnen Gutes tun, nicht Geld ihnen geben, aber ihnen Gutes tun. Unter diesen Worten Gutes tun versteht man gewöhnlich nur Geld geben, für mich sind Gutes tun und Geld geben nicht nur nicht dasselbe, sondern sogar zwei absolute Widersprüche. Das Geld an sich ist ein Uebel, darum tut der, der Geld gibt, nichts Gutes, sondern Böses. Dieser allgemeine Fehler zu glauben, , daß Geldgeben Gutestun ist, erfolgt daraus, daß in den meisten Fällen, wenn der Mensch etwas Gutes tun will, er sich von etwas Bösem befreit, unter Anderem vom Gelde. Darum ist das einfache Geldgeben vorerst nichts anderes als ein Anzeichen, daß der Mensch anfängt, das Böse von sich zu werfen. Gutes tun, heißt aber etwas tun, das für die Menschen gut ist, muß mit ihm in enge freundschaftliche Beziehungen treten. Daher ist, um Gutes zu tun, das Geld überflüssig. Was man tun muß, ist, dahin zu kommen, sich für einige Zeit wenigstens von den üblichen Gewohnheiten seines Lebens zu befreien. Man muß nicht fürchten, sich zu beschmutzen oder sich ansteckenden Krankheiten anszusetzen, man muß den Mut haben, sich auf das schmutzige Bett des elenden Lumpen zu setzen, zu ihm aus vollem Herzen reden und ihm zu zeigen, daß man auch ihn liebt und achtet. Das muß man tun, wenn man Gutes tun will, aber das eben ist sehr schwer." Das sagt der größte Mensch und Dichter des Ostens: Tolstoi. ' Für unsere Juden in Galizien sind diese Worte von besonderer Wichtigkeit, weil wir von jeher gewohnt sind, den schmutzigen galizischen Juden als niedrig stehend zu betrachten, und unsere westlichen Juden nichts gemeinsames mit ihnen besitzen, weder im Geiste noch in den Lebensgewohnheiten. Unsere Wohltätigkeitsinstitute werden gewöhnlich von Sekretären geleitet, die ihrem Berufe nicht gewachsen sind und die zumeist durch Protektion — zu Wohltätern ernannt wurden. Schreiber dieser Zeilen hat einmal Gelegenheit gehabt, mit dem großen jüdischen Gelehrten in Krakau Eh. M. Dembizer zu sprechen, als er gerade zu einem solchen von den „Verwaltungsräten" ernannten „Wohltäter" durch einen Dienstmann eingeladen wurde, ins Hotel Saski zu kommen, um denselben über die Lage der Juden dort zu informieren. Da sagte mir Demb'zer: „Früher war ich dumm, und glaubte, solchen Einladungen Folge leisten zu müssen. Ich habe mich aber überzeugt, daß uns Juden vom Hotel Saski die Hilfe nicht kommen wird. Ich will daher nicht vergebens die prächtigen Hotelzimmer mit meinen zerrissenen Stiefeln betreten." Und so handeln alle edlen Menschen, die etwas Charakter und Selbstgefühl haben. Die Wohltäter sind von Menschen umgeben, die — Kriecher — Nutzen. ziehen wollen, oder von Reichen, die beim Kaffee debattieren. Das sollen unsere Wohltäter sein!" Das sagte mir vor ungefähr 15 Jahren Dembizer. Ist es seit dieser Zeit besser geworden? Leider nicht. Wir glauben daher der guten Sache zu dienen, wenn wir Dokumente, welche von aufrichtigen, edlen Wohltätern geschrieben wurden, der Oeffentlichkeit übergeben. Wir haben deshalb unsere Aufmerksamkeit in erster Linie I der Baron Hirsch-Stiftung zugewendet, weil sie die erste In-

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