Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 31 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Administration: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei I53V2. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Wahrheit Unabhängige Hertfchrist für jüöische Interessen. Erscheint jeden Ireitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig . . K. is.— Halbjährig . . K. 6 — Für Cttltusbeaiute: Ganzjährig . . . K. it) — Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS. Ur. 31 Wien, 3. August 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Zur Hebung des Kulturzustandes der galizischeu Juden. — Parallelen. — Jüdische Kantoren in Deutschland und in Oesterreich-Ungarn. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Wir ersuchen um Einsendung der restlichen Abonnemeytsbeträge. Die Administration. Ans der Woche. Das Attentat auf P l e h w e und die Rückwirkung desselben auf den Kurs der russischen Politik stehen noch immer im Vordergründe der Diskussion. Die gesamte europäische Presse, soferne sie nicht von spezifisch antisemitischen Tendenzen geleitet ist, begegnet sich in der Auffassung, daß, so verwerflich auch der politische Mord sei, die Ermordung Plehwes doch vollauf begreiflich erscheine. Dieser Mann, den die Intelligenz Rußlands als den Inbegriff von kalter Grausamkeit und blutdürstiger Verfolgungssucht haßte, hat das traurige Kunststück zuwege gebracht, daß die öffentliche Meinung seine Ermordung als einen Akt der -Notwehr auffaßte. Und auch in der Betrachtung begegnet sich die öffentliche Meinung, daß Plehwes Tyrannei, sich in gleichem Maße und in gleicher Weise gegen Finnländer, Armenier. Juten und — Russen anstobte. Die blutigen Verfolgungen d e r I u d e n bildeten nureinKap i t e l in dem System Plehwes, welches in seiner Gänze darauf basierte, durch Unterdrückung und Ausrottung jeder freien geistigen Regung, die russische Autokratie zu erhalten und zu befestigen. * . * Wie unsäglich grauenhaft Plehwe in Rußland auch gewütet habe» mag, so darf darüber doch nicht vergessen werden, daß dieser Tyrann keine neue und vereinzelte Erscheinung in dem Czarenreiche war, sondern, daß er nur als einer der Repräsentanten eines Systemes galt, die in Rußland den Tyrannenmord zu einer Art ständigen Institution machten. Charakteristisch sind da die Ausführungen eines freisinnigen Blattes, die folgendermaßen lauten: „Nichts wäre sinnloser, als die politischen Attentate in Rußland den- Untaten gleichznstellen, die von wahnwitzigen Leuten innerhalb der Kultnrwelt begangen werden. Wenn harmlose oder gleichgiltige Menschen in Europa die Beute von Attentaten werden, so ist die Tat immer das Produkt einzelner Menschen, deren Vernunft aus der Bahn geschlendert ward und zu verrucht sinnlosen Ausartungen gelangt. Der politische Mord in Rußland ist aber eine fürchterlich alte Sache: er ist nichts anderes als der Tyrannenmord, der in der gesamten Geschichte der Menschheit überall dort auftritt, wo ein Volk von frevler! Willkür bedrängt, nm sein unveräußerliches Anrecht aus Freiheit und Menschlichkeit betrogen wird." I In der Tat: Die logische Rechnung der Terroristen, die dahin geht, durch Erzeugung von Furcht und Schrecken den unmenschlichen Sinn der Gewalthaber zu wenden, mag man verwerfen; aber begreifen muß man ihre Taten als die blutige Ernte einer blutigen Aussaat, als die unerbittliche Wirkung der Gewalt von oben, der die Gewalt von unten antwortend und abwehrend nachfolgt. Ter Mann, der die Bombe warf, der wußte, daß er damit auch sich mordet, daß sein Leben in dem Augenblick vollendet ist, wo er das Todesgeschoß gegen den Tyrannen schleudert. Kann man aber jenen Mörder nennen, der sein eigenes Leben in die Schanze wirst? Aber wie der Mörder wußte, daß er mit der blutigen Tat auch sein eigenes Dasein verwirkt, so wissen nun auch die Machthaber, daß ihr fluchwürdiges Schandwerk den Mord auf sie hetzt, daß sie der in den Tiefen gärenden Empörung nur entrinnen können, wenn sie den Weg der Einkehr und Umkehr einschlagen. Wenn der politische Mord in Rußland aushören soll, so müssen die Regierenden mit ihm aufhören — so müssen sie aus das System von Gewalt, Unmenschlichkeit, Willkür und Grausamkeit verzichten, das in keinem Manne in Rußland so barbarisch verkörpert war wie in dem, dessen Leib vor kurzem aus den Petersburger Straßen in Fetzen zerrissen. * * * Die Wiener antisemitische Presse — allen voran das „Deutsche Volksblatt" — hatte sich allerdings in dieser Attentatsaffaire einen ganz anderen Standpunkt zurechtgelegt. Da der Name und die Konfession des Mörders nicht von allem Anfang an bekannt waren, wurde von dem Verganiblatt sofort die Lüge in die Welt geschlendert: Der Attentäter ist ein Jude! Und mit einer ebenso blödsinnigen als fanatischen Wut wurde von da an der Versuch gemacht, die Ermordung Plehwes einzig und allein als eine — jüdische Angelegenheit darzustellen. Mit bodenloser Infamie wurde im „Deutschen Volksblatt" die Ermordung Plehwes zu einer Hetze gegen die gesamte Judenheit ausgebeutet. Unausgesetzt wurde daraus hiugewiesen, daß die Juden von dem Hasse gegen Plehwe erfüllt, auch vor dem Morde nicht zurückschreckten, immer wieder platzte, wie eine gefährliche Bombe, die verleumderische Behauptung, daß nur die Juden in Rußland es seien, die zu Mord und Verbrechen ihre Zuflucht nehmen, um sich von ihren Feinden zu befreien. Kurzum: Die Ermordung Plehwes wurde in der Wiener antisemitischen Presse wie ein freudiges Familienfest gefeiert, denn sie gab reichlichen Anlaß, mit dem ganzen Arsenal von Lüge, Verleumdung und Fälschung gegen die Juden ausznrücken, .die das Privilegium haben, politische Mordtaten zu begehen.