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Die Wahrheit · 1904-07-27 · Heft 30 (27.7.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 30 (27.7.1904)
Date
1904-07-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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zurück muß in den Pferch, weil die Tendenz der Gesetzgebung nicht^dahin geht, Recht zu sichern, sondern die Juden in den Pferch zu bannen. Ein jüdischer Kaufmann erster Gilde in Moskau ersucht um. das Recht, ein solches Kind in-die Schule zu schicken. Die Aufnahme wird ihm verweigertweil er nicht die nötigen Papiere besitzt. Der Vater appelliert an den Reichsrat' in Petersburg und ersucht bis zur Fällung des dortigen Urteils um die provisorische Zulassung seines Kindes zum Schulunterricht. Aber: Justizminister Murawiew legt Verwahrung dagegen ein, und so muß der Vater sich entweder Privatlehrer Hallen, oder das Kind ohne Unterricht aufwachsen lassen. Wer als Gehilfe bei einem Dentisten gearbeitet und dort ein Zeugnis erlangt hat, darf sich ein Atelier eröffnen, für das nur die Vorschrift besteht, daß es gut eingerichtet sei und niemand darinnen schlafe. Diese Erleichterung ist gewährt mit Rücksicht darauf, daß in Rußland ein großer Mangel an Zahnärzten und Zahntechnikern herrscht. Nun kommt ein jüdischer Dentist zum Advokaten und klagt ihm, er habe sein Atelier eingerichtet und bei der Polizei sein Gesuch eingereicht, praktizieren zu dürfen. Die Polizei ließ sich erst drei Monate Zeit, kommt dann und erklärt, da er drri Monate lang sein Metier nicht ausgeübt habe, müsse er sofort Moskau verlassen! Er mußte sofort seine Wohnung räumen und die Nacht umherirren, weil er nirgends Unterkunft fand! Eine andere jüdische Dentistin Wollte ihr Examen machen; man verlangte von ihr ein Zeugnis ihrer politischen Unbescholtenheit. Als sie um dieses ansuchte, verweigerte man es ihr, da sie kein Wohnrecht habe, also auch kein Zeugnis verlangen könne! . . . Auszahlen muß er können, der Jude, dann geht es ihm nicht schlecht in Rußland, wo, wie gesagt, ein Volksantisemitismus gar nicht existiert und die natürliche Gutmütigkeit der Menschen das Leben sehr erleichtert! Aber wehe dem Armen, der nicht auf Schritt und Tritt zahlen kann! Wehe dem Strebsamen, der sein Los verbessern will, und wehe dem Rechtliebenden, der für seine Rechte oder gär für das öffentliche Wohl zu kämpfen sich erfrecht! Es steht unter dem Ausnahmegesetz für Juden, daß ihn jeder ungestraft treten und beleidigen darf, er ist unter den unglücklichen Untertanen des Zaren der unglücklichste. Seine Intelligenz, sein Rechtsgefühl sind Verbrechen gegen die heilige Ordnung, die Dummheit und Gehorsam verlangt, und so geschieht das geradezu Unbegreifliche, daß ein großes Reich aus Mangel an wirtschaftlichen Intelligenzen dem unvermeidlichen wirtschaftlichen Bankerott zusteuert, während es fünf Millionen geborene Unternehmer besitzt, die in einem Menschenalter Rußland auch in eine wirffchaftliche Großmacht verwandeln könnten! Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Ministerpräsident als Leiter des Ministeriums des Innen: hat den mit dem Titel eines außerordentlichen Universitäts-Professors bekleideten Privatdozenten Dr. Salomon E h r m a n n zum Primarärzte zweiter Klasse im Stande der Aerzte der Wiener k. k. Krankenanstalten ernannt. Wie«. (Mäd chen-Unter st ützungs-Berein.) An der Privatschule dieses Wohltätigkeitsvereines hat das Schuljahr am 15. d. M. geschloffen. Die Schulen, an welchen der Unterricht durchwegs unentgeltlich erteilt wird, waren im verflossenen Schuljahr von 196 mittellosen Mädchen — denn nur solche finden daselbst Ausnahme — besucht. Sie gliedern sich in Fortbildungsschule, Handels-Lehrkurs, Fachschulen für Weiß-(Hand- und Maschin-)Nähen, Kleidermachen, Weiß- und Kunststicken, und ein großer Perzentsatz ihrer Zöglinge hat es auch Heuer wieder zur Erwerbsfähigkeit gebracht. Die Einschreibungen und Aufnahmsprüfungen für das nächste Schuljahr werden Mitte September in den Schullokalitäten, II., Kaiser Josef-Straße 32, vorgenommen werden. Wien (Tomech E wj onim 58erei n.) Dieser seit elf Jahren bestehende und ob seiner ersprießlichen Wirksamkeit wohlbekannte Humanitätsverein zur Ausspeisung und Unterstützung armer durchreisender Israeliten hat sein bisher in der Leopoldsgaffe bestandenes Speiselokal aus Erfordernisrücksichten in die Große Schiffgasse 17 verlegt, und steht nunmehr die rituelle Verwaltung des Vereines unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners S. Fürst. Graz. (Winter-Antisemite n.) Am Bahnhof eines berühmten steierischen Kurortes, der u. a. auch von vielen Juden besucht wird, er- T~1—T.r>mr7nn~ nur i ~ii fflHiwrirn«Tiiir riii i i mwartet eine Wenge Leute' den ' Schnellzug. Eine Bürgersfamilie vom Orteist- Äuch ^darunter, die vofljählig den „Onkel Franz" aus Wien erwartete Endlich kommt der Zug uub der Langersehnte, ein dicker Selchermeister^ steigt aus. Nachdem diä überaus herzliche Begrüßung auch von seiten der Neffen find Nichten, zw'En de war, sieht sich, der Herr Onkel staunend um, betrachtet^die Menschenmenge'ilnd sagt zum lieben Schwager: „Aba Jüd'stl hahfß ös-viel! Ja, seids denn ös nöt Antisemit'»?" „A wull," sagt der .Augeredete eifrig, „oba nur. im Winter!" ... Mlihr.-Kromau. Am 14. August gedenkt hier Herr Max W e i ß, mit semer "Gattin. Rosalie-geb^ Blum, das seltene Fest. der goldenen Hochzeit ^iW-Kreise ffiner ÄiWers' 'Enkel und Verwandten zu begehen. Äer Jubilar, der sich gleich seiner Gattin vollster körperlicher und geistiger Rüstigkeit erfreut, war durch mehrere Jahrzehnte Mitglied des Stadtvorstandes, des Ortsschulrates, der israelitischen Kultusgemeinde, als deren Vorsteher er wiederholt gewählt wurde, zum erstenmal zur Zeit der' Preüßennot im Jahre 1866. Gleiwitz. Am Montag, den 18. d. M. fand Hierselbst im Saale des Konzerthauses eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen Dr. Herzl statt. Einer Einladung der. hiesigen zionistischen Ortsgruppe folgend, hätte sich ein zahlreiches Publikum zu der Feier eingefunden. Dieselbe wurde,, nachdem Herr Rechtsanwalt Steinitz die Anwesenden begrüßt hatte, durch Herrn Oberkantor Davidsohn mit Orgelspiel und dem Gesänge eines deutschen Trauerpsalms wirkungsvoll eingeleitet. Hierauf entwarf Herr Prokurist Morgenstern mit großer Begeisterung und außerordentlicher Beredsamkeit ein Lebensbild des großen Toten. Er schilderte die erschütternden Vorgänge anläßlich des Leichenbegängnisses Herzls. Mit dem herrlichen, und tief empfundenen Vortrage des El mole racliamim durch Herrn Oberkantor Davidsohn schloß die erhebende Feier. Z. Berlin. Nicht alle antisemitischen Zeitungen sind über die Rothschildsche Zehnmillionenspende hergezogen. Der „Deutsche Generalanzeiger"' des Herrn Sedlatzek rühmt' nicht blos die „Hochherzigkeit" und bie- „Menschcnfreund li chkeit" der Spender, sondern bringt sogar die Porträts der Barone Gustav, Alphons und Edmund v. Rothschilds, der Chefs des „berühmten" Bankhauses. Mehr kann man von einem antisemitischen Organ wirklich nicht verlangen. Wir wollen Herrn Sedlatzek aber nicht Unrecht tun. Bewußt hat er das Verbrechen nicht auf sich geladen. Er bezieht nämlich die. zweite und dritte Seite seines Wurstblättchens aus einer Fabrik sogenannter Plattenzeitungen, und auf der dritten Seite der Nummer vom 13. Juli befindet sich die Verherrlichung des Hauses Rothschild in Wort und Bild. Der Herr „Chefredakteur" erfährt vielleicht erst durch diese Notiz von dem Malheur, das ihm zugestoßen ist. Die betreffende Nummerdes „Deutschen Generalanzeiger" haben wir unserm Archiv einverleibt. Netv-dork. Wie man weiß, ist man in Amerika schon längst darüber enffiört, daß amerikanische Juden trotz des bestehenden Vertrages auf Grund' ihrer Paffe nicht nach Rußland gelassen werden, und schon lange wird dafür agitiert, daß Amerika auf Anerkennung seiner Pässe bestehen solle. An der Agitation beteiligen sich keineswegs bloß Juden„ sondern es wird als eine allgemeine Ehrensache angesehen, daß Rußland seine den Vereinigten Staaten gegenüber eingegangene Verpflichtung erfülle. Da bisher alle diplomatischen Bemühungen dieses Ziel zu erreichen vergeblich waren, hat die republikanische Konvention diese Forderung.jetzt als eine Programmforderung erklärt, auf die der zu wählende Präsident der Vereinigten Staaten verpflichtet werden soll. Rußland wird übrigens jetzt vermutlich eher mit sich reden lassen. Falls Amerika diese Forderung, durchsetzen sollte, wird die russische Regierung natürlich der deutschen Regierung, welche die gleiche Forderung zu stellen hat, diese nicht abschlagen können, und eine Rückwirkung auch auf die Lage der russischen Juden ist dann unausbleiblich. Die obenerwähnte in das republikanische Parteiprogramm aufgenommene Erkärung besagt, es sei die unabweisliche Pflicht der Regierung, allen ihren Bürgern, ohne Unterschied, das Recht zu verschaffen, in befreundeten Ländern reisen und sich aufhalten zu können, und daß die Partei bereit sei, alle dahingehenden Schritte der Regierung zu. unterstützen. Die „Allgemeine Hebräische Enzyklopädie" schreitek in ihren Vorarbeiten, mit denen im November v. I. begonnen wurde, rüstig vor. In den Redaktionsabteilungen zu Warschau und B erliir. wird neben anderem vorzüglich an der Herstellung eines erschöpfenden Stichwörter-Registers gearbeitet, was natürlich große Sorgfalt erforderte Alle Zweige der Wiffenschaften mit besonderer Berücksichtigung alles dessen,, was Juden und Judentum betrifft, werden in den Kreis der aufzunehmenden Artikel einbezogen. Diese Arbeit geht nunmehr ihrer baldigen Vollendung entgegen. Die „Allgemeine Hebräische Enzyklopädie" soll ihrer Anlage und ihrem Hauptzwecke nach nicht blos ein Nachschlagewerk bilden, sondern belehrend sein. Dementsprechend werden auch die meisten Gegenstände nacheiner neuen Methode zusammenhängend und umfassend behandelt, ohne daß dadurch der Uebersiihtlichkeit Abbruch geschähe. Eine große Anzahl von hervorragenden Fachgelehrten in allen Kulturländern hat in dankenswerter Weise ihre Mitarbeiterschaft zugesagt. Für den sprachlichen Teil ist eine Kommission von Orientalisten eingesetzt, die den Redaktionen mit ihrem fachmännischen Rat beisteht. In kurzer Zeit dürfte ein umfangreiches Probeheft erscheinen, das einige größere und kleinere Artikel nebst einer Auswahl aus dem reichhaltigen Jllustrationsmaterial enthalten wird. Auchüber Plan und Umfang dieses großen Werkes wird da ausführlich berichtet werden.. ,

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