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Die Wahrheit · 1904-07-27 · Heft 30 (27.7.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 30 (27.7.1904)
Date
1904-07-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Auf der Medineh. Von Kantor Armin Wilkowitsch, Eibenschitz. Motto: Das muß ein schlechter Chasan sein, Dem niemals fiel das Wandern ein. „Ein armes Volk, aber ein — lustiges Volk", heißt es in Rußland von den Meschorerim. Und mit Recht! Sie sind eine Art wandernder Komödianten, denen das Sitzenbleiben auf einem Orte nimmermehr behagt. Und will einmal der Chasan nicht in die Welt hinaus, so zieht der Meschorer selbst von dannen: in jeder Kehile gibt es einen Chasan, finden sich der Meschorerim „Freunde und Gönner", die ihr Letztes hergeben, wenn sie ein schön „Stickel" singen hören; überall finden sich schöne Mädel, die den lustigen Sängern ihre Herzen erschließen und zur Ebbezeit mit einigen Kopeken aushelfen; überall gibt es lustiges Volk, in den Tag hinein lebende Leute, die ausgesprochene Feinde von Sorgen sind — darum will der Meschorer nicht auf einem Flecke verrosten.. . Aber der Chasan will ja, und hat ebenfalls gewaltige Sehnsucht in die Welt hinaus zu ziehen! War er doch selbst einst Meschorer und Hai das Nomadenleben im Blut; dann genügt ihm nicht die Anerkennung seiner Gemeinde, er will seinen Tondichtungen einen Weltruf verschaffen, und schließlich will er eine Zeitlang seine Balebattim — los sein. Am wenigsten aber ist die Motivierung wahr, die er seinem Rofch-hakohol gibt: er müsse auf die Medineh gehn, ein Sümmchen sammeln, um seine Schulden zu tilgen. Was da erobert wird, das muß unbedingt verpraßt werden. Der Chasan liebt einen guten Bissen wie seine Augen im Kopfe, und die Meschorerim lassen sich auch nicht mit Schwarzbrod und sauerer Milch abspeisen. Oft sogar entsteht ub der Lebensmittelfrage ein Streit im Sängerbünde, und will der Chasan nicht seinen Pflichten Nachkommen, dann gehen die Meschorerim auseinander und der Chasan ist sozusagen „petschiert"; benn allein kann er auf der Medineh gar nichts machen. Der Tyrann Winter zog, bezwungen vom wunderlichen Jüngling Lenz, zähneknirschend aus dem Lande. Alles jauchzt und jubelt und freut sich seines Daseins. Der elende, hartbedrängte und geknechtete Jude, glaubt mir, er weiß es selber nicht, wie elend er ist. Die ewigen Drangsalierungen haben ihn so abgestumpft, so demoralisiert, daß er den Kampf um Menschenrechte und Menschenwürde längst aufgegeben; dann lehrt ihn unabläßlich die rabbinische Weisheit, daß das Joch, welches ihn bis zur Erde niederbeugt, eine vom Weltenherrn getroffene weife Einrichtung sei, damit der Mensch nicht zu üppig, wie Mose sagt: n8ol10Ni9.rl.t0, owi330, kissiso.“ Und so glaubt er, daß es so fein muß, und bevor der Messias kommt, es gar nicht anders werden kann. Die aber murren, die Revolutionäre, sind Apikorsim, sie werden kein l6obia8-balli688iNi und kein OloNi-babdo haben... Es war etwa drei Wochen nach dem Schewuothfeste. Der Chasan hat bereits den Urlaub für seine Tournse erhalten und die Meschorerim jauchzen: „Nun gehts auf die Medineh!" Die Garderoben, die äußerst armselig sind, sind bald gepackt; ein Samowar, einige Gläser und etwas Geschirr, Eßzeug rc. werden in eine Kiste gegeben, alles setzt sich auf den Wagen, der Fuhrmann knallt mit der Peitsche und ade! Der Willen des Gaules ist gut: er zieht an, tänzelt aus der Stadt das erste Bergl hinunter, aber er ist kein Simfon an Kraft, schon schnauft er wie ein alter Chasan nach Neila, ein steiler Berg grinst ihn an, „Geht aropp!" (herunter), schreit der Fuhrmann, „es ist ja ein zar baale chajim (Tierquälerei), das Pferdl muß ja zu Grunde gehn!" Wir stiegen alle vom Wagen ab und marschierten lustig weiter. Die Landschaft war eine herrlich schöne, weit und breit glänzten blühende Gärten und auf den Feldern wiegten sich, uns grüßend, stolze Aehren. .. „Doch seht! Dort liegen srischgemähte Strutsches (Schoten)! Kommt, wir wollen ein Häufchen in den Wagen bringen. Solche junge, zarte Erbsen sind süß wie Zucker." Gesagt, getan, und ehe noch jemand, wie wir glaubten, was bemerkte, hatten ivir ein Häufchen eingebracht. Aber wehe! Da kam ein Bauer, den wir gar nicht gesehen hatten, gelaufen. „Halt! Halt!" schreit er, „ich werd Euch zeigen, Strutsches stehlen!' Was tun? „Hinein in den Wagen mir ihm!" schrie Selig Baß, ..Wir werden schon machen!" Und schon lag der Bauer drinnen, die Strutsches über ihm und wir auf ihm. Das Pferd lief bergab, der Bauer jammerte und wimmerte und bat, wir mögen ihn nur freigeben, er wolle uns nicht anklagen, wir aber ließen uns Zeit und erst nach zweistündiger Fahrt gaben wir ihn frei. Froh, wieder los zu sein, lief der Bauer querfeldein in einem Galopp nach Haufe. O, wie viele solcher Streiche könnte ich Euch, liebe Berufsgenossen, von der Medineh erzählen (ich komme vielleicht auf dieses Thema einst zurück) und welcher Ulk da getrieben wurde. Ader wo sind nun die Zeiten, die sorgenlosen? Ich wollt, ich könnte nur einen Tag noch so leichtsinnig und so froher Dinge sein, wie in meiner Mefchorerzeit. Hilfe für Galizien! Das Elend, in dem die Mehrzahl der Inden in Galizien dahinsiechte spottet jeder Beschreibung! D:e Ausbreitung protegierter Konsumvereinüber das ganze Land, die Monopolisierung des Salzverkaufes, die Ere schwerung und Verteuerung der Propinationspachtungen, die ungerecht, Hintansetzung im Wettbewerbe um Verkaufslizenzen, um öffentliche Arbeiten um Dienststellungen, die absichtliche Nichtbeschäftigung jüdischer Handwerker, die obligatorische Sonntagsruhe — kurz Ursachen verschiedenster Art haben in den letzten Jahren zusammengewirkt, den jüdischen Kleinhändlern und Kleingewerbetreibenden die Existenz zu untergraben. Tausende kamen dadurch an den Bettelstab, Tausende verkommen und verkümmern in Not und Krankheit. Hier ist ausgiebige und nachhaltige Hilfe erforderlich! Sie herbeizuschaffen, wurde bereits im Jahre 1901 der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien gebildet. Er hat sich zur Aufgabe gestellt, allen, die arbeiten wollen — und die galizischen Juden, welche auch die anstrengendsten Handwerke betreiben und die schwersten Berufe als Lastträger, als Erdwachsarbeiter u. s. w. ausüben, scheuen wahrlich keine Arbeit — durch Einführung neuer und Belebung bereits bestehender Industrien Erwerb zu vermitteln und insbesondere das Heranwachsende Geschlecht, die Jugend, dem Handwerke und womöglich dem Ackerbaue zuzusühren. Schon hat der Hilfsverein seine Absichten zu verwirklichen begonnen. Er hat die Haarnetzindustrie in Galizien eingeführt, die sich derzeit über fast 100 Ortschaften ausbreitet und Tausende Mädchen und Frauen beschäftigt; andere Exportindustrieen sind auch schon eingerichtet oder in Vorbereitung; gerade jetzt wird die Unterbringung von Lehrlingen bei Handwerksmeistern ausgenommen und eine Enquete über die Frage der Zuführung galizischer Juden zur Landwirtschaft ist im Zuge. Aber die Mittel des Vereines reichen nicht hin, um auf diese Weise Hunderttausenden Arbeit und Nahrung zu bringen. Wohl hat er schon 6 Wiener und 36 Provinzial-Ortsgruppen mit rund 3500 Mitgliedern, allein, an seinen großen Aufgaben gemessen, ist die Zahl seiner Mitglieder und sind die Einnahmen aus deren Jahresbeiträgen viel zu gering. Der Verein sieht sich daher genötigt, alle Jene, die sich im Kampf der Zeit noch menschliches Fühlen bewahrt haben, um Unterstützung zu bitten. Insbesondere aber wendet er sich an die Juden; gilt es doch einer halben Million ihrer im Elende schmachtenden Glaubensgenossen ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Da muß es wohl jede Kultusgemeinde, jeder Verein, jeder Einzelne, sei er Inländer oder Ausländer, als Pflicht erachten, dem Hilfsverein als Mitglied anzugehören und ihn durch Spenden zu stärken. Die Bildung neuer Ortsgruppen ist erwünscht und die Mitteilung von Anregungen zur Einführung geeigneter Industrie» in Galizien äußerst willkommen. Nur wenn alle Zusammenwirken, wenn jedermann mit Rat und Tat an dem großen Werke des Hilfsvereins mitarbeitet, kann und wird es gelingen, die galizischen Juden einer besseren Zukunft zuzuführen, zum Wohle Galiziens und unseres ganzen Vaterlandes. Wien, im Juli 1904. Der Hilssverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. , Die Vereinsleitung: j Sigmund Mayer. Gottlieb Lederer. I Der geringste Mitgliedsbeitrag beträgt jährlich K 4.—. Das Bureau des Hilfsvereins/ wohin Beitrittserklärungen und sonstige Zuschriften zu richten sind, befindet sich in Wien, I., Tuchlauben 17.

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