Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 30 (27.7.1904)
- Date
- 1904-07-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 7. Nr. 30. Die Wahrheit 6. Die Jugend soll verhalten'werden, beim Gottesdienste -auf den Chor zu achten und sich im Tempo nach dem Takte des Dirigenten oder dem der Lehrer zu richten. ' - " 7. Zur besseren Einübung der Gesänge, sind die mit Noten persehenen Andachtsbüchlein zu verwenden. Die im Andachtsbuche eingesührie Ordnung ist auch bei den Einübungen beizubehalten. (Die 22 Melodien und Responsen wären auf die drei Schuljahre der Volksschule so zu verteilen, daß die Schüler beim Austritte aus der Volksschule alle.Responsen durchgemacht Hütten.) . 8. Für Schüler, deren Lehrer nicht in der Lage sind, mit ihren Schülern zu singen, wären Gesangsübungen außerhalb der Schulzeit durch Sangeskundige zu veranlassen, unter Zuziehung per betreffenden Religionslehrer als Aufsichtsorgane. 9. Der Jugend ist es anzuempfehlen, nebst ihren profanen Musikstücken auch die liturgischen Gesänge zuhause einzuüben. . . 10. Wo es möglich ist, sollten von Zeit §u Zeit an den Schulen Gesamtübungen der am Gottesdienste sich beteiligenden Schüler vorgenommen werden. 11. .Alle Schüler sind verhalten, die Andachtsbücher beim Gottesdienste zu benützen. 12. Auch ist die Approbation dieses Büchleins, zum Schulgebrauche anzustreben. Zur Indenfrage in Rußland Der Wiener Schriftsteller Dr. Hugo Ganz hat als Frucht Liner längeren Studienreise durch Rußland eine Sammlung von Essais über russische Zustände erscheinen lassen, in denen er auch die Judenfrage in Rußland berührte. Drei Gründe sind es vornehmlich, schreibt Ganz, von denen allerdings jeder einzelne schon genügt, die Juden in eine üble Lage zu bringen, aber auch das russische Regime in seiner ganzen für Westeuropäer fast unverständlichen Verworfenheit zu kennzeichnen. Der erste ist der große Einfluß der reichen russischen Wucherer auf die Behörden. Auch der Jude wuchert, wo er kann — wer sollte sich bei der gewollten Demoralisation des Pferches darüber wundern! — aber er hält sich im Vergleich zu seinen russischen Kollegen in den bescheidenen Grenzen, zu denen ihn seine Lage zwingt. Es muß ihm lieber sein, den Schuldner zahlungsfähig zu erhalten, als ihn von seinem Hab und Gut zu drängen, das er, der Jude, ja ohnehin nicht erstehen kann. Der russische Wucherer aber braucht kein Erbarmen zu kennen, weil er seinem Opfer gelassen den Acker wegnimmt und entweder verpachtet oder mit Nutzen wieder verkauft oder auch seinem eigenen Grund und Boden zufügt. Denn ein großer Teil der russischen Wucherer gehört der Gilde der Dorfwucherer an. Diese Leute beeinflussen mit ihrem. Gelde die subalternen Behörden; die großen Spekulanten aber, die Wuchermillionäre von Moskau und Petersburg, die gleichfalls die billiger arbeitende jüdische Konkurrenz zu befürchten hätten, sind mächtig genug, auch Senatoren und Minister nach' ihren Wünschen zu beeinflussen. So ist der russische Wucherer der erste Ankläger und Feind der Juden. Der-zweite, mächtigere, ist der Geist Pobjedonoszews, des Fanatikers der Uniformität. Dieser juristisch-theologische Scholastiker ist zu dürr an geistigem Vermögen, um eine Staatskonzeption zu bewältigen, die irgend einer konfessionellen oder nationalen Mannigfaltigkeit der Reichsbewohner Rechnung trüge. Vor allem aber würde jedliche Toleranz die drei Grundpfeiler untergraben, auf denen seiner Auffassung nach das. russische Reich einzig ruhen kann: Autokratie, Orthodoxie, Ruffentum. . Die dritte Ursache der Judenverfolgung ist in der unmenschlichen Politik Plehwes zu suchen, der dem humanen Zaren und vielleicht mehr noch der westeuropäisch denkenden Zarin den Nachweis liefern will, daß es ohne die Juden in Rußland überhaupt keine Opposition gäbe und zu dem Zweck die Juden nicht nur genauer in den Registern der Polizei führen läßt, wenn sie sich irgend ein politisches Vergehen, als die Teilnahme ün einer verbotenen Versammlung zu schulden kommen lassen, sondern sie auch direkt provoziert, um sie in die Reihe der Revolutionäre zu treiben und diese damit zu kompromittieren. Als persönliche, aber darum nicht minder wirksame Ursache der Judenverfolgungen muß noch der Juöenhaß der Zarenmutter und des Großfürsten Sergius, Generalgouverneurs von Moskau, erwähnt werden. Bruder und Gattin Alexanders IH. konservieren dessen Gesinnungen. Diesem unglücklichen Menschen war von schuldbewußten Leuten eingeredet, worden, jüdische Lieferanten hätten die Niederlagen der Russen im türkischen Krieg verschuldet, und so schwer etwas in seinen Kopf hineinging, so schwer ging es wieder hinaus. Ein letzter Grund der Judeudrangfalierungen, der von manchen als der wichtigste betrachtet wird, ist die sichere Rente, die für jeden gewissenlosen Beamten die Judengesetzgebung bedeutet. Die meisten der gegen die Juden gerichteten Gesetze sind überhaupt nicht durchführbar oder werden doch nur in ganz mangelhafter Weise durchgeführt dank der Bestechlichkeit der russischen Beamtenschaft. Der Absolutismus gemildert durch Korruption, auf die Situation der Juden paßt dies bittere Wort am besten. Aber was ihnen die Lage einigermaßen erleichtert, erschwert sie ihnen auf der anderen wieder und es ist recht die Frage, ob das Loskaufsgeld der einen Generation nicht zum Einkaufsgeld für die andere wird. Es ist selbstverständlich, daß, wer nur immer es vermag, sich aus dem Elend des Ghettos zu retten versucht. Einige schmale Pförtchen hat ja auch die russische Gesetzgebung offen gelassen, und durch diese quetschen sich strebsame Juden mit dem Aufgebote aller Kraft, und — Schlauheit. Da entwickelt sich nun ein Kampf zwischen Brutalität und Pfiffigkeit, der auch der Komik nicht entbehrt. Die judenfeindlichen Behörden suchen natürlich zu verhindern, daß allzu viele Inden dem Ghetto entrinnen und sich in Städten ansiedeln, die man möglichst „judenrein" erhalten möchte; die Juden aber versuchen immer wieder die Verbote und rechtswidrig ausgelegten Verordnungen zu umgehen und sich dort einzunisten, wo ihnen die Möglichkeit eines Erwerbes gegeben ist. Solche Städte sind beispielsweise Petersburg und Moskau. Es streift auch ans Tragische, welche Martern sich Juden und Jüdinnen unterziehen, um das Aufenthaltsrecht in diesen Städten zu erlangen. Studieren darf eine nicht zuständige Jüdin dort nicht, wohl aber als Prostituierte dort wohnen. So hat sich ein junges unschuldiges Mädchen, um die Universität in Petersburg besuchen zu können, als Prostituierte einschreiben lassen wollen, ohne zu ahnen, welchen Förmlichkeiten sie sich dabei zu unterziehen habe. Bei der ärztlichen Untersuchung wurde aber der Sachverhalt sofort durchschaut und das Mädchen wegen versuchter Irreführung der Behörden bestraft und abgeschoben. Ein bekannter Orientalist, ein 70jähriger Greis, hatte Geschäfte in Moskau zu erledigen; es gelang ihm aber nicht, vor Nacht damit fertig zu werden. Kein Hotel hätte ihn ausgenommen, keinen seiner Freunde durfte er in Gefahr bringen, denn wenn bei den öfteren nächtlichen Streifungen in jüdischen Wohnungen ein jüdischer Gast ohne Paß erwischt wird, so verliert der Ansässige die Aufenthaltsberechtigung. In seiner Not fragte der Alte einen Bahnbediensteten, wo er denn die eisige Nacht verbringen könne. Da gab ihm dieser den guten Rat, die einzige Stätte aufzusuchen, wo man ohne Paß ein Zimmer nehmen und übernachten dürfe — ein Bordell. Und so mußte der 70jährige Mann, um nicht zu erfrieren, die Nacht mit einer betrunkenen Dirne in einem Zimmer weilen, wo er auf einen Stuhl sitzend, bis zum Morgen im -Gebete verharrte. - Der mir diese Geschichte mitteilte, war em russischer Schriftsteller, von edlem, weit gekanntem Namen. . Wer vor fünf Jahren in einer Gemeinde des Pferchs die Steuern erster Gilde gezahlt hat, erhält die Erlaubnis, den Pferch zu verlassen und sich anderwärts anzusiedeln. Aber er muß für jedes einzelne Glied seiner Familie unter den schwierigsten Formalitäten die gleiche Erlaubnis erlangen; wehe ihm, wenn ihm nun ein Kind nachgeboren wird! Dies hat keinerlei Zuständigkeit, und es kann dem Vater wohl geschehen, daß er