Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 30 (27.7.1904)
- Date
- 1904-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 30. durch die Not akzeptabel gemacht/sind nicht fruchtbringend. Ein grobes Stück Brot, benetzt mit Schweißtropfen der Arbeitsmuhe, nährt und kräftigt mehr als geschenkte Leckerbissen. 4 . Das ist der Vorzug der Selbsthilfe, nicht zu gedenken der Stärkung des Charakters, des Selbststolzes. Die Baron Hirsch-Stiftung kam mir Geschenken bei gänzlicher Beiseiteschiebung der Selbsthilfe. Freilich ist jetzt leichter zu kritisieren. Von diesen Geschenken profitierten gerade meistens leistungskräftige Stadtkultusgemeinden, politische Gemeinden Und das Land. Der Schulzwang besteht auch bezüglich der Errichtung von Schulen im Verhältnis zur Zahl schulpflichtiger Kinder. Die Eltern könnten, wenn sie ihre Kinder zum Schulbesuche anmeldeten, die Errichtung von Schulen erzwingen, allein die herrschende religiöse Scheu vor Profanschulen hielt sie davon zurück, sie ziehen auch deshalb dem Schulbesuche den Besuch des Cheders vor. Bessere Einrichtung dieser und Kinderbewahranstalten, Kindergärten würden den Üebergang in bessere Kulturverhältnisse vermitteln, Fachschulen den Kultur- und'Vermögenszustand der Judenschaft heben. Ich habe Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, den Gang unseres, d. i. des Dr. K. und meines Gedankenaustausches geschildert. Dr. K. hob seine in Rußland gemachten Erfahrungen hervor, sowie er auch großes Gewicht darauf legte, daß es in der Judengemeinschaft Galiziens und der Bukowina nicht so finster sei, als man annehme. Er überzeugte sich davon bei seiner Anwesenheit in Lemberg als Vertreter der Alliance auf dem daselbst abgehaltenen Kongresse der Rabbiner und jüdischen Honorationen, auf welchem Maßnahmen gegen den Mädchenhandel, dem so viele Jüdinnen zuni Opfer fallen, beraten wurden. Er kam da zusammen mit Orthodoxen, welche die Wohltat der Erziehung, des Fortschrittes würdigten, sich den Anforderungen der Neuzeit zwar unter Bedingungen, jedoch nicht ganz verschließen. Eine ähnliche Beratung wäre von Erfolg und würde jedenfalls der Alliance Wege und Mittel weisen, welche zum Ziele führen können. Er besorge, daß er ohne Unterstützung einer angesehenen, einflußreichen Persönlichkeit mit seiner Anschauung nicht" durchdringen werde. Die unrichtige Beurteilung der Erfolge der Baron Hirsch-Stiftung, der nicht begründete Nimbus ihrer Verwaltung reizen zu sehr zur Nachahmung!" Soweit der Auszug aus dem Briefe und im Interesse unserer Glaubensgenossen in Galizien können wir nur wünschen, daß den Ausführungen dieses vollkommen uneigennützigen und vorurteilsfreien Beurteilers seitens der maßgebenden Faktoren die gebührende Beachtung zuteil werde. Wie wir hören, soll die Verwaltung der Baron Hirsch- Stiftung in Wien bei der J. C. A. ein verzinsliches Darlehen von einer halben Million Kronen für Schulbauzwecke aufnehmen, trotz eines energischen Protestes seitens des Präsidenten-Stellvertreters. Diese Angelegenheit dürfte auch zu einer Krise im Kuratorium dieser Stiftung führen. Wir können daran nicht glauben, da ja doch an der Spitze dieser Stiftung ein Mann steht, der selber die Kleinigkeit von K 100.000 oder mehr ans seiner eigenen Tasche decken könnte. Dieses Darlehen wäre auch — milde gesagt — eine ungeheure Versündigung gegen die Zwecke der Stiftung. Wie gesagt, wir wollen dies noch nicht als sicher annehmen, trotzdem uns diese Nachricht von verläßlicher Seite — aus Paris — zugekommen ist, und gehen vorläufig darüber hinweg. Demnächst werden wir ein ausgezeichnetes Memorandum über Religionsunterricht an den Stiftungsschulen u. m. a. veröffentlichen. —t— Wie laßt stch eine gleichmäßige pflege des tguagogalen Gesanges in der Schule erzielen? (Schluß.) Genaue Vorschriften über diese Uebungen zu erlassen^ ist wohl bei erfahrenen Schulmännern untunlich und auch überflüssig, da denn doch der Lehrer selbst am besten zu beurteilen vermag, wann er die Zeit zum Singen verwenden könne. Was jedoch betont »erben muß, ist:. Bei diesen Singübüngxn muß weises Maß gehalten werden. Es darf nicht außeracht gelassen werden, daß 1. Der Gesang snichi Zweck, s,bildern ein Mittel zum Zwecke sei; daß 2. der Gesang während der Religionsstunde eine kleine für Lehrer und Schülerängenehme, dabei aber auch nutzbringende Unterbrechung sein soll. Eine wesentliche Unterstützung bei. diesem Unterrichte bietet für den sangeskundigen Lehrer das mit Noten versehene Andachtsbuch für den (Zugendgottesdienst. - Es sollte auch angeregt werden, daß. jene Kinder, die zu Hause Musikunterricht genießen — und es sind; dies in jüdischen Familien nicht wenige — nebst ihren profanen Musikstücken auch die im Andachtsbüchlein enthaltenen Melodien wiederholen mögen. Die dem Texte beigegebenen Noten haben nicht, wie vielleicht angenommen wird, einzig den Zweck, daß die Schüler und Schülerinnen nach Noten singen, das erlernen die Schüler auch beim profanen Gesang in der Volksschule nicht, als vielmehr den, daß durch die beigegebenen Noten die Melodie fixiert, ins Haus getragen, populär werde und imMolke Verbreitung finde. Eine langjährige Beobachtung hat gezeigt, daß der Takt beim Maffcngesang von der größten Wichtigkeit ist. Daher muß die Jugend strengstens verhalten werden, dem Chore nachzusingen, nicht ftüher einzufallen, nicht länger im Tone zu verharren, als dies vom Chore geübt wird. Der Chor müßte andererseits bedacht sein, stets in gleichem Zeitmaße zu singen und sich nur an die im Andachtsbuche niedergelegten Vortragszeichen Und Melodien zu halten. Wo ein Dirigent den Chorgesang leitet, habe die Jugend auf dessen gegebenes Zeichen und dessen Direktion einzufalten, wo dieser fehlt, mögen die Lehrer mitsingen, damit das richtige Tempo eingehalten werde. Ueberhaupt sollte dahin gewirkt werden, daß der Chor nach und nach entbehrlich werde, und daß die versammelte Schuljugend den Gesang besorge. > Dieses Endziel wird jedoch erst dann erreicht werden, wenn die Schüler systematisch für den Synagogengesang erzogen werden, daß dieselben genügende Sicherheit im Intonieren und Einfallen bekommen. Je größer die Schülerzahl ist, die dem Gottesdienst anwohnt, umso genauer müssen die angeführten Regeln beachtet werden. Wenn in diesem Sinne gewirkt wird, dann steht zu erwarten, daß die beabsichtigten Erfolge nicht ausbleiben werden. Der aus Hunderten von Kindeskehlen strömende Gesang wird mächtig ergreifen und Sänger und Zuhörer rühren. Und tiefer werden die Wurzeln religiösen Empfindens schlagen und selige Erinnerungen an weihevolle Stunden wachrufen im Herzen der Heranwachsenden Generation. Die Lehrerschaft wird ihrerseits nichts unversucht lassen, um auch da ihr Bestes zu leisten und dahinzuwirken, daß durch der Kinder Mund auch die Herzen der jüdischen Familien wieder gewonnen werden für die Pflege und Wertschätzung der jüdischen Religion. Thesen: 1. Der Synagogengesang bildet einen wesentlichen Bestandteil des Jugendgottesdienstes und ist ein wichtiges Mittel, die Jugend in das Verständnis der Synagogengebräuche einzuführen. 2. Der Synagogengesang bedarf ebenso der Vorbereitung durch die Schule, wie die Gebete selbst. 3. Im zweiten Semester der dritten Klasse mögen die Schüler von Lehrern, die musikalische Kenntnisse haben, mit den Gesängen für den Jugendgottesdienst vertraut gemacht werden. 4. Alljährlich am Anfänge des Schuljahres sind die den Kindern bereits bekannten, Responsen und Melodien in der Schule zu wiederholen. Die. Wiederholung bezieht sich auf die vierte und fünfte Klasse Volksschule und auf die erste, zweite und dritte Klasse Bürgerschule. 5. Die regelmäßig wiederkehrenden Gesangsübungen wäh- I rend des Schuljahres sollen nicht öfter als einmal in der! Woche erfolgen, sich aber nie länger als auf zehn Minuten aus- | dehnen.