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Die Wahrheit · 1904-07-27 · Heft 30 (27.7.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 30 (27.7.1904)
Date
1904-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Die Wahrheit Lette 5. wo der Stock der österreichischen Judenschaft ist, vor Augen haben und in der Hand halten. Die bedeutend höhere Mehrheit dieser Gemeinschaft ist orthodox, chassidisch, d. h. sie bedarf einer besonderen Behandlung, denn es handelt sich darum, einen hundertjährigen Stillstand der Kultur der Neuzeit zu nähern. Eine gewiß nicht leichte Aufgabe! Als Referent über das Judengesetz ex 1890 habeich mich in meinen Ausführungen bei der Debatte auf das Gesetz bezogen (1834 oder 1836), mit welchem Kaiser Franz den Chassidim Gewissensfreiheit zuerkannte. Soll das 20. Jahrhundert hinter die Zeit Franzens zurückgehen? Sollen wir nach dem Muster Rußlands oder Preußens mit Polen die. galizischen Juden güdemannieren? *) Jede Entwicklung muß, weil sie anders nicht stattfinden kann, der Natur des zu Gestaltenden entsprechend vor ,sich , gehen. Durch Aufpfropfen edler Reiser entwickelt und veredelt sich der lebensfähige Stamm. Dazu braucht es Zeit und Pflege, allein um so sicherer wird der Lohn edler Früchte sein. So muß auch mit der Judenschaft in Galizien vorgegangen werden. Gibt aber das Schulsystem, wie es in Galizien, insbesondere mit den Stiftungsschulen durchgesührt wird, die Beruhigung über die Vorzüge der Pfropfzweige und über die Pflege? Dr. K. verhielt sich inbetreff der Verhältnisse der Alliance mit anzuerkennender Zurückhaltung und persönlicher Bescheidenheit.. Doch ein Wort zog ein anderes nach, und so entwickelte sich ein Gedankenaustausch, dessen Inhalt folgender wäre: Vor allem konstatiere ich, daß alle Ehren und Würden der persönlichen Eitelkeit schmeicheln, im Wesen aber nur ein gesellschaftlicher Bühnenschmuck von Neugold und falschen Edelsteinen sind. Einzelne unter den Rittern nützen seinen Glanz aus und noch wenigere dienen dem Zwecke des Zweckes wegen, ja oft ohne die Aufgabe zu ergründen, oder auch nur zu kennen! Dr. K. ist ein Anhänger der Selbsthilfe, denn sie erzeugt das Bewußtsein der Kraft, welche sich durch Erprobung selbst stärkt. Im galizischen Judentume herrscht Elend, allein nicht selten gibt es im selben wohlhabende und als fromme auch für die Menschheit und die eigenen Glaubensgenossen opferfreudige Mitglieder. Die West-Juden, die sich als Kulturmenschen mit Vorzug geben und mit den Feinden des Judentums von der Tarnopoler Moral faseln, wollen nicht einsehen, daß diese Moral vom Westen importiert ist. Dieselbe ist keine Moral und diese westliche Ethik wird von der galizischen Judenschaft, den Chassidim, den Orthodoxen, mit Verachtung behandelt, allein sie sind mißtrauisch, daher trauen sie keiner Neuerung und stehen derselben, wenn sie auch fromm erscheint, kalt gegenüber, insolange ihre Vertrauensmänner sich nicht ihr nähern. Das zeigt sich an der Baron Hirsch-Stiftung, wie sie sich einführte und gegenwärtig entwickelt, oder eigentlich wie sie, um einen landläufigen Ausdruck zu gebrauchen,— sich fortwurstelt. Einen äußerlichen Erfolg hat die Stiftung mit ihrem Schulwesen, einen Erfolg, welcher mehr lokal ist, für das Judentum als Gesamtheit aber nicht vom kulturellen Nutzen ist. Nur 49 Gemeinschaften, deren es aber in Wirklichkeit in Galizien und der Bukowina über 200 gibt (so viele Kultusgemeinden bestanden vor der Neuorganisierung und dürften als Synagogalverbände bestehen) erschöpfen die Mittel der Stiftung, und in denselben ist die Selbsthilfe zumeist untätig. Die Beiträge, welche der Stiftung einige Gemeinschaften in Städten leisten und die ein geringes Prozent der Stiftungsauslagen betragen, können eigentlich nicht als Selbsthilfe betrachtet werden. Von Seite der galizisch-jüdischen Gemeinschaft, nicht einmal von einem galizischen Juden wird der Süftung etwas zugewendet und im Lande gibt es auch Juden-Mrllionäre. Ja mit der Existenz der Stiftung hörten die verschiedenen für Zwecke der Jugend bestandenen Vereine auf! Wenn die Zeit die Feindseligkeit des Judentums etwas milderte, die Feindschaft des Gros der jüdischen Bevölkerung besteht immer, und mit dem Sinken der Leistungsfähigkeit der Süftung steigt sogar der Mißmut gegen dieselbe. Selbst der Intelligenz der Juden ist die Stiftung gleichgiltig, sie braucht die Stiftungsschulen nicht und tröstet ihr Gewissen mit dem Hinweis auf die Millionen der Stiftung. Es waren wohl Einzelne lüstern auf Würden von Funktionären in der Verwaltung, als aber mit Rücksicht aus die Kosten ihrem Wunsche nicht entsprochen wurde, zogen sie sich zurück. Es schwebten wohl den Kandidaten die Präsenzmarken der Verwaltunßsräte vor. Mit diesen Schulen lastet ein Heer von über 200 Lehrern, im Lande „k. k. profesorowie“ benannt, auf der Stiftung, dann ist auch die Schulaufsicht mit den Schulgebäuden und Schulrequisiren auf ihrem Soll-Conto. Auch der Pensionsfond ist zu ergänzen; den Fond stiftete Baronin Hirsch. Natürlich, daß die Lehrerschaft, nicht entsprechend dotiert, Erhöhung ihrer Bezüge fordert, da auch an sie höhere Repräsentationskosten herantreten. Ohne Stipendien, Erhaltung der Handwerkerlehrlinge und verschiedene Unterstützungen kann es nicht gehen. Für alle diese Auslagen muß ein gesicherter Fonds mit sicherem, der Höhe nach entsprechendem Einkommen bestehen. Schon aus diesem Grunde müßte die Alliance sich die Frage, ob sie Schulen a la Baron Hirsch-Stiftung errichten und erhalten könnte, beantworten, sie müßte auch für die Zukunft 'der Lehrer und ihrer Familien Vorsorgen. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Stiftung derlei Schulen, so wie sie es zu Anfang ihrer Existenz tat, von der Alliance übernehmen könnte und würde; jedenfalls würde der Pensionsfond Anstände bieten. Von einem Nachahmen dem Beispiele der Stiftung kann unserer Ansicht nach nicht die Rede sein. Die Alliance könnte ihre Mission in einer anderen Richtung besser erfüllen und größeren Nutzen der Judenschaft, der Hebung ihres Kulturstandes in Galizien leisten. Hier muß nachgetragen werden, daß die Zahl der Schüler selbst in den meisten bestehenden Schulen dem Fassungsraume der Gebäude und der Zahl der Lehrer nicht entspricht, ja selbst die Zahl der Schulpflichtigen im Orte nicht erreicht, und es gar nicht feststeht, ob die Eltern die Wohltat der Schule aus Ueberzeugung benützt, oder ob die Ausspeisung und Bekleidung der Kinder nicht das Hauptmotiv bilden. Dieser Zweifel findet Nahrung in dem Umstande, daß trotz der Schule neben derselben Cheders und zwar gegen Entlohnung bestehen, für diese eine Selbsthilfe ausreicht, die Kinder vor und' nach den Schulstunden in den Cheders verbleiben, was darauf hindeutet, daß die Eltern sie aus dem Hause, nicht aber auf der Gaffe haben wollen, sich somit nach einem Aufbewahrungsorte für ihre Kinder umsehen. Baron Hirsch hat daher auf die Errichtung von Kindergärten hingewiesen, auch machte er seine Stiftung nicht nur für Knaben, sondern für israeliüsche Kinder überhaupt. Er wollte sicher nicht Mädchen von der Schulerziehung ausschließen, denn die Frauen sind gewiß im Kulturleben der Menschen ein gewaltiger Faktor, der immer lauter und kräftiger an die Türen der Gesellschaft pocht. Gegenwärtig wird schon seit längerer Zeit selbst von orthodoxen Familien für fortschrittliche Erziehung und Bildung ihrer Töchter gesorgt. In der Aktion der Baron Hirsch-Stiftung für das Wohl der jungen Generation der Judenschaft in Galizien und in der Bukowina sind zwar einerseits Ueberflüssigkeiten geschehen, aber vielleicht deshalb auch Lücken geblieben, welche auszufüllen die Alliance berufen sein dürfte. Sie hätte an die Erziehung der Jüdinnen zu denken, für die Beschäftigung der Kinder während des Tages in eigenen Lokalitäten zu sorgen, die Eltern von der Ueberwachung derselben zu befreien, damit sie selbst sich dem Erwerbe widmen können, das ist, sie hätte Kindergärten zu errichten, welche mit Vorbereitungs-Kursen, aus denen die Kinder in die öffentlichen, allgemeinen Volksschulen übergehen, versehen werden könnten. Auch könnte die Alliance die Cheders in ihre Obhut nehmen, daß dieselben in gesunden Lokalitäten untergebracht, mit geeigneten Behelfen versehen wären. Die Tätigkeit der Alliance müßte aber im Einvernehmen mit den Führern des Volkes, seinen Vertrauensmännern, und nicht gleichsam als eine Trotzaktion vor sich gehen, denn selbst Geschenke, gegen den Willen aufgedrungen. *) Germanisieren? — Anm. d Red.

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