Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 30 (27.7.1904)
- Date
- 1904-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seile 4. Die Wahrheit dir. 30. Sie haben ja gehört, was Burzew in seine furchtbare Gemütsverfassung gebracht hat. Die entsetzliche Roheit im sibirischen Kara-Zuchthause, einem jungen Weibe hundert Peitschenhiebe auf den nackten Körper zu geben, ist eine selbst in Rußland noch nicht dagewesene Exekution. Wenn man Frauen, die in friedlicher Weise über ihre wirtschaftliche Lage beraten, . mit dem „gelben Billett" versieht und als Prostituierte brandmarkt, so wird man die Attentate, wenn auch nicht billigen, so doch entschuldigenkönnen. Wer will leugnen, daß der Gedanke so manchem kommen muß, wer so brutal handelt, wie diese Minister, der muß beseitigt werden. „Wir alle bedauern und empfinden es schmerzlich, daß es so weit kommen mußte," schloß der Verteidiger, „aber wir begreifen die Taten, wir begreifen es, daß Lagowski gerade seine Angriffe auf Pobiedonoszew richtete, der jeden Versuch einer freieren Bewegung in Rußland mit der Knute unterdrückt. .." Darf man nach alldem leugnen, daß die deutsche Regierung und die deutschen Richter, bewußt , oder unbewußt, durch den Königsberger Prozeß sich ein Verdienst um die Humanität erworben? Wie Bileam ausging zu fluchen und Segen spendete, so hat der Königsberger Prozeß, auch wenn er aus russensreundlicher Tendenz hervorgieng, im gewissen Sinne sicher höchst segensvoll gewirkt. * In Oesterreich feierte in diesen Tagen ein Mann seinen 70. Geburtstag, der als einziger evangelischer Theologe des Reichsrates von jeher den Antisemitismus auf das entschiedenste verurteilte. Theodor H aase, seit längeren Jahren Superintendent und schlesischer Reichsratsabgeordneter, verabscheut aus vollster Seele den Antisemitismus, dieses Gemisch von religiöser Borniertheit und politischer Heuchelei. Er hält diese ethische Krankheit, die epidemisch und sporadisch auftaucht und untergeht, für das was sie ist, nicht für eine verhängnisvolle Naturnotwendigkeit, sondern für eine sreigewollte Versündigung gegen Gottes Ordnung, gegen das Christentum und die Idee der Menschheit. Dr. Theodor Haase ist der einzige christliche Geistli ch e im österreichischen Abgeordnetenhause, der zu wiederholten Malen und in der eindrucksvollsten Weise den Gegensatz zwischen Christentum und Antisemitismus zum Ausdruck gebracht hat. ..Niemals," fiihrte Haase in einer seiner Parlamentsreden aus, „wird man ein Volk, welches durch die Schuld der christlichen Bevölkerung jahrhundertelang gedrückt uud gepeinigt worden ist, dessen Charakterschattenseiten zum größten Teil auch auf diese Verfolgung zurückzuführen sind, in Bausch und Bogen als ein herzloses Volk verurteilen dürfen. Ich muß die antisemitische Bewegung als S ch mach für das Christentum bezeichnen, aber auch als protestantischer Seelsorger als Schmach für den Protestantismus, von dessen Metropole diese Bewegung ausgegangen ist. Ich hege die Hoffnung, daß das wahre Christentum die Grundsätze der Religion des großen Weltheilands Jesu Christi auch in der antisemitischen Frage zur Geltung bringen, und daß die Liebe endlich den Haß überwinden wird." Diese den Antisemitismus brandmarkende Ausführung eines wahren Priesters soll nicht vergessen werden . .. Anläßlich der 70. Geburtstagsfeier Haases zeigte es sich übrigens, daß auch die christlich-soziale Presse dieser Worte gedachte. Sie verhöhnte den ehrwürdigen Greis und benützte dessen 70. Geburtstag, um sein Wirken im Geiste des Evangeliums als Ausfluß „jüdisch"-liberaler Gesinnung zu verspotten. * _ * •...■• Wilhelm Marr, einer der begabtesten antisemitischen Schriftsteller, ist am 17. Juli im Alter von 85 Jahren gestorben. Wie Marr über die Vertreter des heutigen Antisemitismus dachte, darüber hat er sich in einem Briefe folgendermaßen geäußert: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr E r zschelmenbande gefunden als unter den heutigen Geschäftsantisemiten. Das aber dürfen Sie privatim erklären, daß ich nach ZOjährigem Judenkrieg mich mit Ekel bis zum Erbrechen abmende von dem ganzen heutigen Geschäftsschwindel-Antisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widerrufen." Wilhelm Marr hat vermutlich nur die reichsdeutschest Antisemiten in nächster Nähe , kennen gelerstt. Umso interessanter ist es, daß man sein Urteil auch chann für höchst treffend anerkennen muß, wenn man es auf die Antisemiten in Oesterreich anwestdet. * Die alte Erfahrung, daß auch ganz unverfälschte Arier und Christen häuffg Opfer des — Antisemitismus werden, hat, wie nachstehender verbürgter Vorfall beweist, neuerdings eine Bekräftigung durch folgende Szene gefunden, die sich vor wenigen Tagen in der Damenabteilung des Schwimmbades . Paulinenhof' in der Hinterbrühl abspielte. Eine Dame hatte ihren — Hund ins Bad mitgenommen, gegen welchen Vorgang von zwei anderen Damen, Töchtern eines Villenbesitzers in der Hinterbrühl, in energischer Weise protestiert wurde, umsomehr, als das Tier die übrigen Anwesenden belästigte. Die Besitzerin des Hundes nahm hierauf in ihrer Weise für den Vierfüßler Partei, das heißt sie begann auf die Juden zu schimpfen, t r o tzdem in der Abstammung der beiden anderen Damen dafür keine Veranlassung gelegen war. Da erschien die Gattin des Badebesitzers Ludwig auf dem Plane. Sie ergriff in energischer Weise Partei für — den Hund, und äußerte sich unter anderem, daß Hunde ihr als Besucher ihres Bades bedeutend lieber seien als Juden. Ob die tierfreundliche Frau ihren Willen zur Tat machen und das Bad „Paulinenhof" in eine Hundebadeanstalt umwandeln wird, ist zur Stunde nicht festgestellt. Zur Hebung des Knlt»r;ustandes der gati n I ch en Juden. In richtiger Erkenntnis der Tatsache, daß die österreichische „Judenfrage" ihre Lösung in Galizien finden muß, haben seit jeher alle jene Organisationen, die sich die Verbesserung der Lage der Juden in Oesterreich zur Aufgabe machten, ihre besondere Aufmerksamkeit Galizien zügewendet. Es darf nun keineswegs geleugnet werden, daß nach dieser Richtung durch die Baron Hirsch-Stiftung, die israelitische Allianz zu Wien, die österreichischisraelitische Union, den allgemeinen österreichisch-israelitischen Bund, den galizischen Hilfsverein u. a. viel Ersprießliches geleistet wurde, aber gewiß sind auch, mangels genauer Kenntnis der lokalen Verhältnisse, manche Fehler und Mißgriffe begangen worden, die bei richtiger Information in Zukunft vermieden werden könnten. Diesen Informationsdienst zn fördern, ist in erster Reihe die jüdische Presse berufen, und darum wollen wir heute einem Manne in hervorragender öffentlicher Stellung das Wort geben, der wohl nicht den Kreisen unserer Glaubensgenossen angehörend, dennoch mit genauer Kenntnis der galizisch-jüdischen Verhältnisse aufrichtige Liebe für das arme jüdische Volk in Galizien vereinigt und dieselbe auch schon zu wiederholten Malen durch seine Teilnahme an verschiedenen Hilfsaktionen bekundete. Eine vor kurzem mit einem Vertreter der Alliance bezüglich der I Errichtung neuer Schulen stattgehabte Unterredung veranlaßte diese Persönlichkeit, einem Freunde unseres Blattes ihre Anschauungen darüber in einem Briefe mitzuteilen, den wir mit Rücksicht auf das allgemeine Interesse im Nachstehenden auszüglich wiedergeben: „Ihr Freund wird Ihnen mitgeteilt haben, daß im Aufträge der Alliance Dr. K. bei mir war. Er sollte meine Ansicht über Errichtung weiterer Schulen nach dem Muster der Baron Hirsch-Stiftung durch die Alliance einholen. Ich sprach mich ihm gegenüber offen aus. Da wurde er wärmer, denn ich glaube, daß er eine Weisung in dieser Richtung ä la Hirsch-Stiftung hatte. Es ist ja leichter nach einem oder auf einem Leisten, ohne Rücksicht auf die Schwielen der Füße, Stiefel zu erzeugen, als einen neuen, aber für den Träger passenden zu machen. Er ist für Errichtung von Schulen nach bisherigem Muster nicht eingenommen. Ich stellte mich auf folgenden Standpunkt: Will die Alliance wirklich eine Alliance israelite sein, so muß sie vor allem nur das Interesse der Judenschaft in Galizien,