Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 30 (27.7.1904)
- Date
- 1904-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063243--03178-3069915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion ii. Administi alion: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Jnfrrate SO Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnemenrsu. Jnsenionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitschrifl für jüöische Untereren. Erscheint jeden Jreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis:! | Ganzjährig . . K. 12.— | } Halbjährig . . ft. * *>.— j! Für Cultusbeamte: j Ganzjährig . . . ft. io — J Für Ausland: : Ganzjährig . . s Mark. I ü Rubel oder lü Fcs. Ur 30. Wien. 29. Juli 1904. Inhalt: Ans der Woche. — Zur Hebung des Knltnrzustandes der galizischen Inden. — Wie laßt sich die gleichmäßige Pflege des synagogalen Gesanges in der Schule erzielen? — Zur Judenfrage in Rußland. — verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge. Die Administration. Aus der Woche. Die österreichische Regierung hat sich beeilt, dem Herrn Bürgermeister Dr. Ln eg er,zn seinem bevorstehenden 60. Geburtstagsfeste ein prächtiges Geschenk.zu machen.' Die von der antisemitischen Majorität des niederösterreichischen Landtages beschlossene Gemeindewahlreform wurde von dem Kabinet Koerber der kaiserlichen Sanktion empfohlen. Damit ist der sehnlichste Wunsch der Lnegerianer erreicht worden. Die Hoffnung, deren Erfüllung sie eine Zeitlang selbst kaum, mehr wahrscheinlich hielten, ist zur Wirklichkeit geworden. Der auf dem Grundsätze des rücksichtslosen Corriger la fortune aufgebaute Plan der Christlich-Sozialen wurde gleich von allem Anfänge an als das erkannt, was er ist: als der Versuch, die Wahlordnung zilm ausschließlichen Bollwerke der antisemitischen Macht zn gestalten. Die christlich-soziale Majorität des Landtages ist mit der ihr eigenen Brutalität über alle Proteste der Gemeinden hinweggegangen und die Regierung hat, wenn auch nach langem Zögern sich entschlossen, unbekümmert um alle anderen Bedenken, dem Wunsche Luegers und der Seinen zu willfahren. Die Reihe der unschätzbaren Dienste, welche das Ministerium Koerber der Lueger-Partei erwiesen, ist wieder vermehrt worden und die Negierung kann es sich nur selbst zuschreiben, wenn sie aus diesem Wege nicht nur das Machtbewußtsein der Christlich- Sozialen stärkt, sondern deren Position im politischen Leben zn einer immer festeren macht. -r- * ¥ Der Prozeß in Königsberg. hat in der deutschen Presse einen wahren Sturm der Empörung gegen die Regierung und gegen die.Richter hervorgerusen, die der schmachvollen Liebedienerei gegen Rußland bezichtigt werden. Es ist nicht unsere Sache, die Berechtigung dieser Beschuldigung hier zu erörtern. Wohl aber möchten wir konstatieren, daß die deutsche Regierung und die Richter — bewußt oder unbewußt — gerade durch diesen Prozeß es ermöglichten, daß ein Bifd der grauenhaften Verhältnisse in Rußland entrollt wurde, welches unendlich viel zur Brandmarkung und Verurteilung russischer Willkür und Grausamkeit beiträgt. Dank dem Königsberger Prozeß sind in der ganzen europäischen Presse Schilderungen über russische Regierungsmaximen und deren Verwirklichung erschienen, die früher nur in kleineren Kreisen bekannt waren und deren Glaubwürdigkeit vielleicht früher von manchen bezweifelt wurde, während ihnen nunmehr der Stempel einer Authentizität ausgedrückt ist, vor dem Jedermann sich beugen muß. Dank dem Königsberger Prozeß konnte in einem deutschen Gerichtssaale ein Verteidiger unter anderem ausführen: „Der Herr Staatsanwalt hat in den stärksten Worteri seinem Abscheu über den Inhalt der einzelnen Schriften Ausdruck gegeben 'und insbesondere sich über diejenigen Personen entrüstet, die Anschläge auf hohe Personen gemacht haben. Ganz vermißt habe ich in den Ausführungen des Herrn Staatsanwalts ein Wort der Entrüstung über die politischen Zustände in Rußland, über die Willkür und Grausamkeiten, denen tausende hochsinniger Mädchen und Frauen ansgesetzt sind. Soll man beim glauben, daß diese Zustände in Rußland ewig sind? Der Herr Staatsanwalt hat uns keinen Weg zu ihrer Aenderung angegeben. Ist es denkbar, daß ein kraftvolles Volk, welches Männer wie Tolstoj, Dostojewski, Puschkin, Turgenjeff, Tschechow und Gorki hervorgebracht hat, dauernd unter diesen Zuständen leidet, das Bol! müßte dann moralisch zugrunde gehen. Wir haben gestern gehört, daß in Kischenew mit Bewilligung der Regierung 45 Personen getötet und 600 verwundet wurden. Wenn in Deutschland Graf Pückler in einer Broschüre zur Ermordung aller Juden aussordert, so ist das seine Sache, er steht nicht unter der Zensur, aber was in Rußland geschrieben wird, geschieht unter Bewilligung der Zensur und der Regierung. * * * Aus den weiteren Ausführungen des Verteidigers, die aus einem gerichtsordnungsmäßig bewiesenen Material basiert waren, konnte man ersehen, daß die furchtbaren Judenverfolgungen in Rußland nicht etwa, wie die antisemitische Presse behauptet, in Fehlern der Juden ihren Anlaß haben, sondern mit ein Ausfluß des barbarischen Geistes sind, der in Rußland herrscht. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Zuhörern im Gerichtssaale zu Königsberg, als der Verteidiger zur Illustrierung des russischen Verhältnisse u. a. folgende Facta erzählte: Der Gouverneur Fürst Obolensky ließ einmal alle Männer eines friedlichen Dorfes in Gegenwart ihrer Frauen durchpeitschen uud dann die Frauen in Gegenwart ihrer Männer durch die Kosaken vergewaltigen! Das war das Hauptmotiv für das Attentat aus den Fürsten Dbolensky ...