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Die Wahrheit · 1904-07-22 · Heft 29 (22.7.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 29 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit Leite 5. zu stempeln. Wenn die Frivolität weitere Fortschritte machen sollte, so kann es passieren, daß der wiederholte Neligionswechsel eines Individuums nur mit Humor ausgenommen werden wird. „Jetzt biu ich schon dreimal Katholik und zweimal Protestant gewordcn, jetzt geben mir die Missionäre nichts mehr" kann dann etwas alltägliches werden. Wer wäre bei dieser Frivolität der Hauptschuldige? Doch nicht etwa der arme Teufel, dem seitens des Staates und der Gesellschaft das, was ihm das Teuerste sein sollte, als Hindernis seiner Existenz hingestellt wird! Ist der Präsident des Reichsgerichtes keine hochverehrte Persönlichkeit? Er hat seinen jüdischen Kops nie verleugnet, ist vor dem Juden nie davon gerannt. Wenn wir Juden einen Schmerz über den Sturz des Dr. Kohn empfinden, so entspringt derselbe edlen Motiven. Es schmerzt uns, daß er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen zeigte, daß er eben nicht jüdisch war und unsere Hoffnung getäuscht hat. Für uns resultiert aus seinem Falle die Lehre, niemals zu versuchen, den Juden zu verläugnen, vor dem Juden davon laufen zu wollen. Eine solche Flucht führt zum gewissen Untergange. Wie läßt sich eine gleichmäßige Wege des synagsgalen Gesanges in der Schule erzielen?') Wie bekannt, bildet der öffentliche Gottesdienst einen wesentlichen Bestandteil der Obliegenheiten der jüdischen Gemeinde. Der Gottesdienst ist eine öffentliche gemeinsame Betätigung religiöser Gesinnung. Er verlangt nicht blos ein passives Zuhören oder Zusehen der Bekenner unserer Religion, sondern ein Mitwirken der im Gotteshause zur Andacht Versammelten, sei es nun in Form des bloßen Betens, oder in Form des Müsingens der vom Vorbeter zum Vortrage gebrachten Gebete oder Weisen. In früheren Zeiten waren es die Väter, die ihre Kinder dazu anhielten, dem öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen. Sobald das Kind nur lallen konnte, erachtete es der Vater als seine Pflicht, sein Kind ins Gotteshaus mitzunehmen, um es auf praktische Weise mit den wichtigsten Vorgängen im Gotteshause vertraut zu machen. Ohne lange Erklärung, lediglich durch Vorsagen und Vorsingen erlangte das Kind die Fähigkeit, die Vorgänge im Gotteshause zu erfassen. Tägliche Gewohnheit führte den Knaben zur Meisterschaft. Was heute nur schwer und ausnahmsweise erzielt wird, galt damals als Regel. Die Schule hatte mit dem Gottesdienste nichts zu tun. Der Gottesdienst war eine Angelegenheit der Eltern. Die Verhältnisse haben sich geändert. Auch in den alten jüdischen Gemeinden mußten infolge der geänderten Lebensverhältnisse der jüdischen Bewohner Reformen eintreten, und durch allerlei Surrogate versuchte man die mangelhafte religiöse Erziehung im Hause zu ersetzen. Geschah dies nun in den kleinen Gemeinden, um wie viel mehr war es nötig in Wien, wo jahraus, jahrein jüdische Familien aus allen Teilen des Reiches zuströmen. Die Großstadt mit ihren vielen Verlockungen und ihrer nervös überreizten Bevölkerung hat es dahin gebracht, daß es nur in vereinzelten Fällen den jüdischen Eltern möglich ist, ihre Kinder mit den Einrichtungen des Gottesdienstes vertraut zu machen. Diesen Verhältnissen hat die löbliche Kultusgemeinde in Wien bereits vor 25 Jahren Rechnung getragen und mit großen Opfern die Institution des Jugeudgottesdienstes am Sabbath geschaffen. Immer mehr wird erkannt, welche hohe Bedeutung dem Jugendgottesdienste für die Erhaltung unseres Glaubens inne- *) Referat, gehalten vom Kommunal- und Religionslehrer Hermann As ch e r in der am 3. Juli 1904 unter Vorsitz des Religionsschulinspektors Professor K a n i tz abgehalteneu Konferenz der israelitischen Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen in Wien. wohnt und wie wahr es ist, daß nur in der Jugend die Zukunft ilnd der Fortbestand des Judentums liege. Eine wichtige, verantwortungsvolle Aufgabe obliegt gegenwärtig der Lehrerschaft. Sie muß die Aufgaben der Schule und die der häuslichen Erziehung lösen. Dabei stellen sich ihr Hindernisse verschiedenster Art entgegen. Die Lehrer müssen nicht nur aufbauen, sondern unverdiente Angriffe abwehren: sie müssen mit flammender Begeisterung für die Einrichtungen unserer Religion eintreten und den Kampf ausnehmen gegen die Indolenz vieler Eltern und gegen den Unverstand der Umgebung des Kindes. Weml die allgemeine Erfahrung bestätigt, daß beim Gottesdienste der Erwachsenen der „Chasan' eine Anziehungskraft für den regen Besuch des Gottesdienstes bildet, gilt dies in erhöhtem Masse von dem Jugendgottesdienste. „Für die Jugend ist eben das Beste gerade gut genug." Den Kindern muß der einmalige Gottesdienst in der Woche eine Stunde der Erbauung, eine Stunde der Erhebung sein. Der Gesang, „die Sprache des Gemütes", kann nur dann wirken, wenn der Vortrag wahrhaft schön, gefühlvoll, mit Verständnis und verständlich erfolgt. Diese Regel gilt im allgemeinen von jedem Gesang; ganz besonders aber vom liturgischen Gesang. Vom Gesang in der Synagoge wird erwartet, daß derselbe uns erhebe, daß er die Zuhörer ergreife, und uns durch die Melodie anrege zur Andacht und Inbrunst. Diesem Gedanken entsprang gewiß auch die Einrichtung, daß nebst dem Tempelchore auch die beim Gottesdienste anwesende Jugend am Gesänge sich beteilige. Wer könnte ungerührt bleiben beim erhebenden Gesang von Kindern! Aus zwei wichtigen Gründen ist diese Maßnahme unentbehrlich. Erstens aus disziplinären Gründen, da ja die Vorbedingung eines weihevollen Gottesdienstes Ruhe und Ordnung sind. Diese jedoch kann bei der Jugend nicht wie bei Erwachsenen durch lakonische Vorschriften und Verordnungen, auch nicht durch Androhung von Strafen oder gar Ausweisung aus dem Gotteshause erzielt werden, sondern vielmehr durch systematische Beschäftigung im Gotteshause selbst. Es kann von den Schülern nicht gefordert werden, daß dieselben nach mehrstündigem Unterrichte nur ruhig zusehen oder zuhören mögen — sie wollen tätig sein, und daher muß man den Kindern Gelegenheit geben, ihren Tätigkeitstrieb zu entfalten. Nicht leise, sondern hörbar und vernehmbar. Der zweite Zweck des Gesanges oder vielmehr des Mitsingens ist ein viel höherer. Er soll die Kinder mit den Responsen und liturgischen Weisen allmählich vertraut machen, damit sich die Kinder die Worte aneignen und durch die Melodie an das gesungene Wort erinnert werden, um dann auch außerhalb des Gotteshauses dieser im Gotteshause gehörten und gesungenen Weisen zu gedenken. Diese Weisen sollen einen Behelf bilden, um den Kindern das Wesen unseres Gottesdienstes klar zu machen. Sie sollen ferner einen tiefen bleibenden Eindruck auf die für das Schöne und Erhabene empfängliche Jugend machen. Immer größer wird die Gefahr für die jüdische Jugend und für das gesamte Judentum, daß die anfangs unbeachtete Indolenz in den jüdischen Kreisen zum Abfalle vom Glauben führe. Denn wo keinerlei Interesse wachgerufen wurde, da bringt es besonders das mangelnde Verständnis für religiöse Gebräuche und Sitten mit sich, daß gar bald die ohnehin schwachen Fäden, die den Knaben oder das Mädchen an den jüdischen Stamm binden, zerreißen und sie sich bei einer ihnen passenden Gelegenheit vom Glauben der Väter lossagen. Für eine Sache, deren Wert man nickt erfaßt, deren innere Schönheit man nicht kennt, für eine Sache, die mitunter bei unseren trostlosen politischen und wirtschaftlichen Zuständen leider dem Fortkommen des jüdischen Individuums mehr hindernd als fördernd ist, gibt es wenig Begeisterung, die denn doch nötig ist, um ihr zuliebe sich Entbehrungen oder Entsagungen aufzuerlegen. Dieser Gefahr soll nach Möglichkeit entgegengetreten werden. Die Lehrerschaft wird unbeirrt um die schwache Hoffnung eines Erfolges ihre Pflicht nach bester Kraft erfüllen und

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