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Die Wahrheit · 1904-07-22 · Heft 29 (22.7.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 29 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Tie Wahrheit Nr. 29 tische Rußland die — Armenier bekehrt. Anläßlich der Ermordung des Vizegouverneurs von Jellissawetyol erinnert ein armenisches Blatt zur Illustrierung des Systems von Grausamkeiten und Greueltaten, das unter Andrejeffs Patronanz im Schwange war. an eine Reihe von Vorfällen, von denen wir hier folgenden erwähnen wollen: . In einem kleinen armenischen Dorfe nahe Agdschakent, dem Orte, wo Andrejeff vom rächenden Schicksale ereilt wurde, wurden die Ortsbewohner, als Doppelbesteuerungen und ähnliche mildere, der im Kaukasus beliebten Bekehrungsformen nichts fruchteten, zusammengetrieben und durch Kosaken so lange gepeitscht, bis der Militärarzt erklärte, daß weitere Hiebe das Leben gefährden würden. Hageldicht sausten die Naigaikahiebe auf Männer, Frauen und Kinder nieder. Die blutig Geschlagenen wurden sodann, um sich ..wieder zu stärken", in den Fluß getrieben, der bald vom Blute der Verwundeten rot gefärbt war. Nun wurden die Armen einzeln dem Namen nach anfgerufen und angesichts der im Weigerungsfälle ihrer harrenden Torturen setzen sie ihre Nanien auf die Liste der angeblich um den Uebertritt zur orthodoxen Kirche ..Ansuchenden". Als jedoch die Ortsbewohner nach kurzer Zeit aus dem Dorfe einer nach dem anderen verschwanden und in die Wälder flüchteten, ließ Andrejeff sie durch Kosaken in ihre Behausungen zurückhetzen. Bei dieser wilden Menschenjagd fand so manches „Menschenwild" den Tod." Die russischen Behörden, die ein Kischenew ermöglichten, machen auch diese Greuel gegen Armenier erklärlich. Mit dein Geiste des Christentums muß man alle diese Grausamkeiten unvereinbar ffnden. Erzbischof Dr. Kohn und das jüdische N-ik. Von L. Rieseufeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. Wenn ich die Leser dieses Blattes noch einmal an den vielgenannten Kirchenfürsten erinnere, so geschieht dies nicht seinetwegen, sondern des jüdischen Volkes wegen. Judenfeindliche Organe glauben, uns berühre die Entfernung des Dr. Kohn von seinem hohen Posten außerordentlich schmerzlich. So steht die Sache wohl nicht. Dr. Kohn kann uns im Grunde ganz gleichgiltig lassen; er hat jüdisches Blut in seinen Adern, das ist aber auch alles. Seine Tätigkeit für Juden war eher nachteilig als nützlich zu nennen und in seinen Journalen hatte der Antisemitismus eine sichere Heimstätte. Wir besitzen vielleicht eine gewisse Eitelkeit, indem wir uns freuen, wenn Männer, die von uns abgefallen, zu Rang und Ansehen gelangen; das ist menschliche Schwäche, deren wir uns durchaus nicht zu schämen brauchen. Wir hatten erwartet, der „jüdische" Erzbischof werde einen echten jüdischen Kopf und ein echtes jüdisches Herz haben, er werde durch Klugheit, Scharfsinn und Ueberlegenheit seinen aristokratischen Vorgänger gewaltig in den Schatten drängen; durch Güte, Humanität und Leutseligkeit im Besitze gewaltiger Geldmittel, ein Vater des Volkes sein, durch hohe Bildung und wohlverdiente, allseitige Beliebtheit der Kirche zur Zierde, der Menschheit zum Wohle gereichen, mit einem Worte ein wirklich bedeutender, hervorragender Mensch sein. Unserer Eitelkeit hätte es vielleicht geschmeichelt, daß ein Kohn, dessen Großvater uns verlassen, eine solche Größe geworden ist. Wir hatten dessen bäuerliche Herkunft, dessen Heimat, dessen Schlichtheit, Drang nach Bildung, dessen auffteigende Lebensbahn im Äuge und unseren Erwartungen fehlte es somit nicht an der reellen Grundlage. Zwar hat es dem jüdischen Volke nie an bedeutenden Männern gefehlt, es wäre also nicht nötig, Leute, die aus seinen Reihen geschieden, noch immer als Angehörige zu betrachten; unsere Schwäche resultiert aber aus unserer steten Zurücksetzung und Zurückdrängung und ist wirklich sehr harmloser Natur. Am Anfänge seiner Amtswirksamkeit war Dr. Kohn auch im richtigen Fahrwasser. Das Zeitalter des Antisemitismuffes verträgt aber wirklich keinen Judenstämmling mit dem Namen Kohn in solch hoher Stellung. Sehr bald wurden die wunden Stellen ausfindig gemacht. Der Oberhirte, der ans Transparenten Theodor" genannt wurde, erschien in den Kirchen als Dr. Theodor Kohn mit scharfer Betonung des Kohn. Unterhirten und Gläubige verstanden sich sofort. Dr. -Kohn war seiner Stellung in dieser Zeit nicht gewachsen. In jeder selbständigen Position muß man ein Stückchen Diplomat ' sein, nicht kleinlich, muß vieles sehen uud die Augen zudrücken können und darf die Fühlung mit dem Volke nicht verlieren. Wir können im Kleinen, in jüdischen Kreisen, beobachten, wie Rabbiner — also Männer in leitender Stellung — Schiffbruch leiden, trotzdem sie Charaktere und von den edelsten Absichten beseelt sind, weil sie keine Diplomatennatur besitzen, starr und unbeugsam sind, sozusagen mit dem Kopfe durch die Wand rennen und langsam die Fühlung mit dem Volke verlieren. Kleinlichkeit, Prozeßsucht und Taktlosigkeit haben dem Dr. Kohn Feinde in Menge bereitet und schließlich seinen Sturz herbeigeführt. Hätte ein gescheiter Jude auch so gehandelt? Dr. Kohn hat durch sein Gebühren in nichts den jüdischen Kopf und das jüdische Herz gezeigt. Gewiß erscheinen in der Oeffentlichkeit auch Juden, die sehr unsympatisch und vielfach abstoßend wirken; aber im großen Ganzen zeigen sich bei uns Juden gerade jene Eigenschaften, die der abgedankte Erzbischof nicht hat. Wir sehen ganz kleine Judengemeinden, eingestreut zwischen anderssprachige und andersgläubige Volksschichten, die zudem von allen Seiten gehetzt und aufgewiegelt werden, friedlich ihrem Erwerbe nachgehen und das tägliche Brot verdienen. - Wäre dies möglich, wenn nicht Ehrlichkeit, Wahrheit, Klugheit die Grundlagen ihres Handelns bilden würden? Die Wahrheit läßt sich verdunkeln, zerreißt aber endlich alle Gewebe von Lug und Trug; sie wird auch den antisemitischen Spuk vertreiben und das christliche Volk wird wieder nüchtern sehen und gerecht urteilen. Viele Hunde sind des Hasen Tod. Dr. Kohn war trotz seiner Gelehrsamkeit und anderer Fähigkeiten eine Hasennatur und darum ist er auch erlegen. Als seine Gegner ihn bei seinem „Judenpunkte" packten, war er sofort schwäch, ängstlich und wollte vor dem Juden davonlaufen. Wer aber vor dem Juden davon rennt, dem läuft der Jude nach. Hätte Dr. Kohn nur einen Funken von dem Mute Benjamin Disraelsts (Dari of Beaconsfield) besessen, so hätte er den Stier bei den Hörnern gefaßt und seinen Gegnern die Hauptwaffe sofort entrissen. Bekanntlich hat Disraeli im englischen Parlamente, als ihm seine jüdische Abstammung vorgeworfen wurde, ungefähr gesagt: Meine Ahnen waren schon hochkultivierte Leute als die Eurigen noch in Wäldern gleich Bären und Wölfen hausten. Für einen christlichen Priester, dessen Großvater die Taufe genommen, ist es doch ganz naheliegend, auf Christus zu verweisen und sich seiner jüdischen Abstammung zu rühmen. Das hätte dem schlichten Sinne des Volkes gewiß eingeleuchtet und auch den Gegnern imponiert. Wenn in der Raß' wirklich die Schweinerei liegt, so geht es den Gründern der Kirche sicherlich nicht gut. Man kann täglich die Erfahrung machen, daß.ein Jude von Bildung uud Charakter, der sich in der Gesellschaft offen als Jude bekennt, geachtet bleibt; sein Bekenntnis bringt ihm gesellschaftlich nicht den geringsten- Nachteil. Allerdings muß die persönliche Haltung tadellos sein, der ordentliche Mensch muß allseiüg anerkannt werden. Wir haben in Oesterreich auch einige Beispiele von Männern, die die Taufe genommen und in hervorragender Stellung hochgeachtet sind. Der verstorbene Justizminister Glaser Hofrat Beer u. A. haben Bedeutendes geleistet und wurden hochgeachtet. Wahrscheinlich hat es sie sehr wenig angefochten, wenn man sie erinnerte, daß sie einst Juden waren. Die Welt ist soweit vorgeschritten, daß es als ein Unding angesehen werden muß, die Konfession eines Menschen von Geburt aus, also etwas rein Zufälliges, zum Makel des Menschen

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