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Die Wahrheit · 1904-07-22 · Heft 29 (22.7.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 29 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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AisIFaHrHsit Rrdaktlon u. Administration: Wien, 31/x Novaragcrsse 27.' Trlrphon Nr. der Druckerei I 15302. j Inserate j 20 Hell, per Nonpareille-Zeile, j Abonnementsu. 3ufeftiou8'j beträte sind in Wie» zahlbar | und klagbar.!naöhänglge Aertschrift für jüöischl Antere^en. Erscheint jeden Kreilag. Molto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” Vexngspyeis: I Ganzjährig . . K. 12.— j Halbjährig . K. 6.— j Für Cultilsbemute:! Ganzjährig . . . Ü?. 10 —! Für Ausland:! Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder lt» Acs. Jtv. 29. Wien. 22. Juli 1994. n >! II- ■!-- — ..~i ii >— ■■ ~ - .'. r Inhalt: Aus der Woche. — Erzbischof Dr. Kohn und das jüdische Volk. — Wie läßt sich die gleichmäßige Pflege des synagogalen Gesanges in der Schule erzielen?— Zur Pensionsversicherung der jüdischen Kultusbeamten. — Konfessionelle Gleichberechtigung in Ungarn. — Aus de Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge. Die Administration. Ans der Mache. Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Die Christlich-Sozialen rüsten zu einer großartigen Lueger-Feier. Sie wollen den 60. Geburtstag ihres Führers und Meisters in einer Weise feiern, die dem in puncto Huldigungen ganz außerordentlich verwöhnten Mann genügen soll. Nun die Christlich-Sozialen haben allen Grund, den Bürgermeister zu feiern. Ihm haben sie es zu danken,' daß sie, die vor zwei Jahrzehnten eine in jämmerlicher Minorität befindliche, von allgemeiner Verachtung gezüchtigte Fraktion bildeten, heute in Wien die ungeschmälerte Herrschaft ausüben, daß sich ihr beinahe alles bedingungslos unterwirft. Dem Dr. Lueger haben die Christlich-Sozialen es zu danken, daß der Name „Antisemit" nicht mehr als eine blutige Beschimpfung angesehen wird, für die — wie wohl noch erinnerlich — vor 18—20 Jahren häufig gerichtliche Sühne gefordert wurde. Vielleicht nennt sich heute mancher selbst stolz „Antisemit"/ der einst wegen dieser Titulatur als Kläger erschienen war. Trotz dieser unleugbaren Verdienste Luegers um den Antisemitismus haben auch die Juden Grund und Anlaß, dem Bürgermeister Gefühle der Dankbarkeit entgegenzubringen. Was immer er auch ihnen Böses zugefügt hat, sie müssen doch, im Sinne der jüdischen Lehre, auch dessen gedenken, was er für sie Gutes getan. Nie und nimmer dürfen die Juden vergessen, daß Dr. Lueger einst das ewig wahre unsterbliche Wort gesprochen: „Nur ein Schuft oder ein Esel kann ein Antisemit sein." Wenn die Juden die heilige Pflicht der Dankbarkeit zu üben verstehen, dann werden sie dafür Sorge tragen, daß gerade anläßlich der großen antisemitischen Lueger-Feier dieses guten, wahren und — niemals abzuleugnenden Lueger-Wortes gedacht werde. * * * Wie wir vernehmen, beabsichtigen die Magistratsbeamten sowie die kommunalen Lehrer jüdischer Konfession eine besondere Huldigungs-Adresse dem Bürgermeister zu überreichen. In dieser soll zunächst mit enthusiastischen Worten die ..Objektivität' gepriesen werden, in deren Besitz zu sein, sich Dr. Lueger erst vor! kurzem wieder rühmte. Dann sollen — Zistern beweisen — zur Beleuchtung dieser Objektivität auch die Summen angeführt werden, welche diese Beamte und Lehrer infolge der konsequenten P r ä t e r i e r u n g beim Avancement bisher e i n g e b ü ß t haben. * * Man konnte neugierig sein, mit welchen bübischen Rohheiten und albernen Insulten die antisemitische Presse die Z e h nm i l l i o n e n - S t i f tu n g der Pariser Rothschild quittieren würden. Die gutartigsten sagen: nun ja, die Rothschilds haben es ja dazu, sie verdienen keinen besonderen Dank dafür. Daß es sehr reiche Leute gibt, die es auch dazu haben, aber nicht geben, davon haben diese edlen Seelen natürlich nie etwas gehört. Ein sehr geschmackvolles Motiv dichtet die ..Kreuzztg." den Rothschilds an. Sie wollen für sich in alle Ewigkeit mit der Stiftung Reklame machen. „Jedesmal — so schreibt der Kreuzzeitungsdichter — wenn in Paris ein Bauplatz gekauft und ein Haus zur Verfügung der Arbeiter gestellt wird, wird der Name Rothschilds als der eines Wohltäters der Menschheit im allgemeinen und des vierten Standes im besonderen genannt werden. Für eine so ununterbrochene, über den Tod der drei Stifter hinaus ivährende Reklame ftir die Dynastie Rothschild und die jüdische Hochfinanz kann man schon zehn Millionen opfern." Also ein ganz gemeines jüdisches Reklamebedürfnis! Nichts anderes. . . Den Vogel aber schießt, wie stets, die edle .. Staatsbürgerzeitnug" ab, die behauptet, die Rothschilds wollen mit ihrer Stiftung Geld verdienen? Den Beweis hiefür versucht das edle Blatt gar nicht anzutreten. Die Behauptung, daß ein Jude mit allem ein Geschäft zu machen bestrebt ist, spricht ja für sich selbst überzeugend genug. Die antisemitischen Blätter könnten wirklich auf diese Weise es noch dahin bringen, daß reiche Juden, um nicht den schimpflichsten Verdächtigungen ausgesetzt zu werden, Stiftungen ausschließlich für arme — Juden errichten. Der ..jüdischen" Presse wird es aber kaum gelingen, sich jemals zu revanchieren, indem sie einen reichen Antisemiten bei einer Schenkung häßliche und blödsinnige Nebenabsichten unterschieben. Nicht vielleicht, daß solche Nebenabsichten bei Antisemiten unmöglich wären? Aber man hat noch nie etwas von edlen Stiftungen der antisemitischen Millionäre gehört? * 2- Die von uns oft ausgesprochene Ansicht, daß Antisemitismus und Christentum unvereinbare Begriffe seien, findet eine neuerliche Bekräftigung, wenn man erführt, wie das antisemi-

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