Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 28 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Die Wahrheit Seite 7 lernder Anblick, als gramgebeugt und schluchzend die Mutter und die Witwe Herzls un Hausflur erschienen. Allenthalben ertönte verhaltenes Weinen in den Reihen der Trauergäste. Unter den Anwesenden befanden sich: Die Familie des Verblichenen, bestehend ans der Witwe Frau Julie Her^l, geborene Naschauer, der gramgebeugten Mutter, Frau Jeanette Herzl, dem Sohn des Verstorbenen, Hans Herzl, der von den Vormündern, Bankdirektor Neichenfeld und Direktor jWolfsvhn aus Köln, geleitet wurde, den Schwägern Herzls, Bankier Isidor Eisner und Leo Csovp, der Witwe des Generalsekretärs der Produktenbörse, Frau Leinkanf, und Frau Direktor Weiße. An dem Leichenbegängnisse nahmen ferner teil fast die gesamte Wiener Journalistik, die offiziellen Vertreter der Wiener Jpdenschaft, an der Spitze der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Stern und die Heiden Vizepräsidenten Dr Kohn nnd kais. Rat Hirsch, das Wiener zionistische Aktionskomitee und Delegierte vom Auslands, Abordnungen vieler Vereine und unzählige persönliche Freunde uniKPerehrer des Verblichenen. Dem Sarge folgten in zwei Wagen dir Mutter und die Witwe Dr. Herzls. Alle übrigen Trauergäste gingen zu Fuß. Es war ein fast -endloser Zug, der sich inmitten dichter Spaliere zum neuen Döblinger Friedhofe in bester Ordnung bewegte. Zahlreiche Sicherheitswache unterstützte die Ordner. Vor der Leichenhalle hielt der Trauerzug. Der Sarg -wurde, allen sichtbar, beim Eingang auf eine niedere Bahre gestellt. Oberj iantor Gutmann rezitierte mir wehmutsvoller Empfindung das Hazur tomim und Rabbiner Dr. Feuchtwang sprach das Menucho nechauno. Als die Tcanergebete bei lautloser Stille der vielen Hunderte verklungen waren, setzte sich der Zug in der gleichen Ordnung zum Grabe in Bewegung. Hier brachte Oberkantor Schorr in mächtig ergreifender Weise das 321 mole rachamim zum Bortrag und danu wurde der Sarg in die Tiefe gesenkt. Als die ersten Erdschollen hinabrollten, sprach Direktor Wolfsohn aus Köln einige Worte des Abschiedes und leistete das Gelöbnis, daß die zionistische Partei im Sinne und Geiste des Führers auch weiterhin ihren Zielen zustreben wolle. Dann defilierten alle Teilnehmer vor dem frischen Grabe Unmittelbar nach dem Begräbnisse Dr. Herzls hielt der Präsident der Wiener Kllltusgemeinde, Dr. Alfred Stern, in der Vertretersitzung am 7. Juli folgenden Nachruf: „Wir kommen" von einem Begräbnisse. Vor einer Stunde haben wir einen der edelsten Söhne unserer Gemeinde, Dr. Theodor Herzl, zu seiner letzten Ruhestätte geleitet. Als ich vor ein paar Tagen — ich weilte damals in Prag — die wich tieferschütternde Todesnachricht erhielt, richtete ich sofort ein Beileidstelegramm aik'die „Neue Freie Presse"; beauftragt? ich ferner telegraphisch das Bureau der Gemeinde, in meinem Namen sofort Beileidstelegramme an alle Beteiligten (deren Adressen ich in Prag nicht erfahren konnte)^ zu entsenden. Und nach meiner Rückkunft hieher erklärte ich mich bereit, namens des Vorstandes unserer Gemeinde den Dahingeschiedenen am Grabe ein Wort des Nachrufes zu sprechen. Es ist Ihnen bekannt, daß He^l testamentarisch sich jede Grabrede verbeten hatte. Wenn ich nun hier in dem kleinen Kreise der Vertreter unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein Wort des Gedenkens weihe, so ist dies wohl selbstverständlich, daß vor dem frischen Grabhügel der Kampf der Meinungen ruht, daß ich es nicht als meine Aufgabe betrachte, heute hier des politischen Zionismus, dessen Hochbegabtester, energischer Vertreter und Führer der Dahingejchiedene war, zu erwähnen, daß ich der auch nur entferntesten Berührung der Frage, ob wir es da mit erreichbarer realer Wirklichkeit oder mit einer vielleicht micht gefahrlosen Utopie zu tun haben, aus dem Wege gehe. Wohl aber muß es anerkannt und ausgesprochen werden, daß unser Hingeschiedener Glaubensbruder Theodor Herzl mit allem Feuereifer, desien nur eine den edelsten Regungen offene Menschenseele fähig ist, mit aller Liebe für seine Stammesgenossen, wie sie nur ein wahrhaft gutes Herz empfindet, mit aller ihm in so hohem Maße eigenen Begabung in Rede und Schrift, mit dem ganzen ihm eigenen Zauber seiner Persönlichkeit für seine Ideale eintrat. Er sah die Verfolgung, die Leiden seiner Stammesgenossen; er sah den schweren Druck, unter dem sie seufzen, dort in jenen Barbarenländern des Ostens und Nordens, über welchen noch die schwarze Nacht des Fanatismus und Vorurteils lagert, wo die Sonne der Humanität, der Ausklärung, der religiösen Toleranz noch nicht aufgegangen ist; er sah die Kränkungen und Bedrückungen, unter denen sie leiden — auch in Mitteleuropa, auch bei uns, in Oesterreich. Und wenn ihm da das Herz warm wurde, wenn er, ein Dichter, ferne Zukunftsgebilde in die Nähe gerückt zu erschauen wähnte, wenn er heilige, geschichtliche Erinnerungen und daran sich knüpfende Hoffnungen in deu schwer belasteten Gemütern erweckte und stärkte, wenn er unsere Jugend unserem Bunde erhielt; wenn wir, die Alten — trotz allem und allem — dies sahen und erkannten und das alles sich heute in unserer Erinnerung zusammendrängt, dann ersteht vor unserem Auge in helleuchtendem Glanze das Bild des Verklärten. Unbeirrt in unseren Ueberzeugungen und Anschauungen und den Wegen, welche wir zu wandeln haben, rufen wir ihm die Prophetenwocte nach: Deine Ruhestätte ist die Ehre. Das Andenken des Gerechten sei gesegnet." Sonntag, den 10. d. M. veranstaltete das zionistische Aktionskomitee im großen Musikvereinssaale eine Trauerfeier für den dahingeschiedenen Führer, die unter außerordentlich großer Teilnahme überaus imposant und würdig verlief. Der Saal und die Galerien waren schon vor 10 Uhr vom Publikum überfüllt. Zahlreiche Damen waren unter den Teilnehmern. An der Wand in der Mirte des Podiums war das Portrait Dr. Herzls in schwarzer Umrahmung angebracht. Tie Wände des Podiumraumes und die Galeriebrüstungen waren mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. In der ersten Loge rechts hatten die Witwe Herzls mit ihrem Sohne Hans und einige andere Mitglieder der Familie des Verblichenen Platz genommen. Der Trauerfeier wohnten das zionistische Aktionskomitee, die noch in Wien zurückgebliebenen Abordnungen, zahlreiche Mitglieder des Kultus Vorstandes mit dem Bizesekretär Dr. Adler, Berrreter des Rabbiuats, der israelitisch-theologischen Lehranstalt und die jüdisch-akademischen Vereine bei. Die Feier begann mit einem Choral, dem Psalm rAch. Elohim“, den der Tempelchor unter der Leitung des Oberkantors Bela Guttmann vortrug. Dann hielt Gemeinderabbiner Dr. Feuchtwang die Trauerrede. Feuchtwang charakterisierte die große Bewegung, welche Herzl durch seine öffentliche Tätigkeit hervorgerufen hatte, seinen Freimut, seine Selbstlosigkeit, die allgemeine Liebe, die er sich erworben hatte, die große Trauer, die sein Tod hervorgerufen hat, und forderte die Anwesenden auf, das Andenken Herzls, eines der edelsten Menschen, für alle Zeiten hochzuhalten. Nach einem abermaligen Trauerchor folgte eine Reihe von Ansprachen. Architekt Oskar Marmorek gab dem großen Schmerze Ausdruck, den das Judentum durch Herzls Tod erlitten habe. Herzls kühner Geist bäumte sich über die Verfolgung und Niederdrückung der Juden auf, und er schritt an die Ausführung des Gedankens, daß es nicht immer so bleiben könne. Es sprachen noch Fabrikant Wolffsohn (London), Schriftsteller Sokolow (Warschau) in hebräischer Sprache, Direktor Dr. Krenberger, Josef Cowen (London) in englischer Sprache, vr. zur. Alfred Klee (Berlin), Ingenieur Michael Ussischkin (Jekaterinoslaw) in russischer Sprache, Dr. Alexander Marmorek (Paris), der Herzl als Held feierte, der seine Ketten sprengt, als guten praktischen Baumeister, den der Tod an der Vollendung des Werkes hindere, Prediger Dr. Lewin (Wilna), Rechtsanwalt Dr. Akalay (Belgrad) in spanischer Sprache. Schriftsteller Adolf Stand (Lemberg» in polnischer Sprache. Für die Studentenschaft sprach Philosoph Oskar Frankl (Kremsier). Den Beschluß machte Nathan Groß (Wien), der Herzl namens der jüdischen Handelsaugestellten und jüdischen Arbeiter pries. Mit einem Choral schloß gegen 1 Uhr die Feier. Geschichte der jüdischen Apologetik.*) Was die Theologie zu weiterem Fortschritte braucht, ist erstens ein Nachweis der Art, in welcher der spezifisch sogenannten Apologetik der ersten christlichen Jahrhunderte durch die jüdische Apologetik vorgearbeitet worden ist; zweitens ein Nachweis der Art, in welcher die urchristlichen apologetischen Gedanken im neuen Testamente in Parallele oder Abhängigkeit zu jüdischen apologetischen Gedanken stehen; drittens ein Hinweis darauf, inwiefern das Christentum von Anfang an der Apologetik neue Motive geliefert hat. Das Thema des Verfassers war ein engeres, es betrifft lediglich die beiden erstgenannten Punkte und hätte nun erstens sozusagen das Dogmengeschichtliche und zweitens das Neutestamentliche zunächst einmal geschieden werden müssen, und - dann müßten beide nach dem Materiale geteilt werden, etwa so: erstens wäre zu behandeln die Abhängigkeit der christlichen Apologetik von der jüdischen, und zwar: a) in der allegorischen Interpretation des alten Testaments; b) in der Verurteilung des Polytheismus um den Preis des Monotheismus; e) in dem Hinweise auf das Alter der jüdischen Religion; d) in der Logoslehre; e) in der Ethik rc. Zweitens würde sich eine Teilung nach den neutestamentlichen Autoren Paulus, Johannes rc. wohl empfohlen haben. So etwa wäre ein wirklicher, wissenschaftlicher Nachweis erzielt und ein klarer Ueberblick gewonnen worden. Verfasser aber bietet mehr Materialien zu einer „Geschichte der jüdischen Apologetik als Vorgeschichte des Christentums" als eine wirkliche Darstellung des Verhältnisses beider. Sein Buch leidet an großer Weitschweifigkeit und endlosen Wiederholungen. Damit soll durchaus nicht verkannt sein, daß Verfasser des Anregenden und Förderlichen genug bietet. Möchte sein Appell an unsere Glaubensgenoffen (S. VI), sich mit der hellenistisch-jüdischen Literatur mehr als bisher zu beschäftigen, den gewünschten Erfolg haben. Möchten auch christliche Theologen aus dem reichen Material, das Verfasser hervorzieht, eine Anregung dazu entnehmen, daß es zum Verständnisse des neuen Testaments und der ältesten christlichen Literatur, der ältesten Dogmengeschichte, unbedingt nötig ist, die Literatur der Juden von den Makkabäerkämpfen bis zur Zeit Hadrians zu studieren nnd mit der christlichen Literatur zu vergleichen. Bei der Fülle des Materials ist es im Rahmen einer kurzen Besprechung geboten, einige besonders wichtige Punkte herauszugreifen. Seite 59—77 gibt Verfasser eine Schilderung der Entwicklung des Logos- Sophiagedankens von Aristobul, den Proverbien, über Sirach, die Sapientia Salomonis bis zu Philo und den christlichen Apologeten, besonders Clemens Alexandrinus. Der Logos ist nach alldem der Versöhner, der Mittler, der gute Hirt, eine einheitliche Leitung soll das ganze Menschengeschlecht haben, der Logos ist der eingeborene Sohn. Man sieht aus alldem unwidersprechlich deutlich, daß die neutestamentlichen Aussagen über Christus in einem großen Zusammenhänge dort enthalten sind und von diesem aus *) Friedländer M.: Geschichte der jüdischen Apologetik als Vorgeschichte des Christentums. Mit Subvention der Zunz-Stiftung. Zürich 1903. G. Schmidt. (XVI, 499 Seiten, gr. 8".) 8 Mark.