Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 28 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 28. allein gewürdigt werden können. Ein durchgehender Grundzug der jüdischen Apologetik ist der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Polytheismus und Unsittlichkeit. Seite 35 bietet Verfasser an den Sibyllinen, sowie Seite 77, 78, 88, 217, 219, 222 Ausführungen, die zum Teil wörtlich an Röm. I. erinnern. Besonders instruktiv ist zu sehen, wie die Sibyllinen den Gedanken des Gerichtes, des Zornes Gottes einschärfen, z. B. Seite 44, 45. Es wäre eine sehr lohnende Arbeit, systematisch und umfassend der Beurteilung des Gesetzes im Diasporajudentume nächzugehen. Die Sybillinen sind begeistert für die Zeit des Endes, wo der Tempel herrlich prangen und mit seinem Rauchwerk und seinen Opfern (S. 39), aber (vgl. S. 48, 49) das eigentliche Wesen dieses Gesetzes ist reine Gottesverehrung. Menichenli-be und Sittenveredelung. So im Hl. und V. Buch der Sybillinen. Das IV. Buch will nichts wissen von Tempeln und Tieropfern, schärft dagegen Buße und die Reinigung durch Waschungen ein (S. 53). Durchwegs tritt in der Literatur des Diasporajudentums der. moralische Gehalt der jüdischen Gesetze vor allem hervor. Für Philo vgl. besonders S. 218 ff. Das Ziel der Gesetzgebung Mose ist: ein großes, einheiüiches Reich aller Völker, der ganzen Menschheit in Glückseligkeit und Tugend (S. 239, sowie auch S. 99, 439). Nicht minder wichtig wäre es, die Auffassung Abrahams in dieser Literatur, besonders auch bei Philo, neben die des neuen Testaments zu stellen und damit den kurzen Hinweis des Verfassers auszubauen. Vgl. S 305 ff. Abraham ist bei Philo ,>das wahre Vorbild für alle Proselyten!" (S. 307, 310.) Einer sorgfältigen Monographie würdig sind die ethischen Gedanken der Diasporaliteratur in ihrem Verhältnisse zu denen des neuen Testaments. Frappante Parallelen, besonders zu den Pastoralbriefen finden sich z. B. S. 41, 102. (Man muß den Feinden seine Liebe zeigen.) Die Neigung zu längeren Aufzählungen moralischer Eigenschaften findet sich auch hier. Vgl. S. 219. Man sieht, welch eine Fülle wichtiger Probleme und Aufgaben von Friedländer berührt werden. Möchte man sich doch, nachdem die an sich notwendige und unentbehrliche Begeisterung der alt- und neutestamentlichen Forschung für die sogenannten „Einleitungen". glücklich etwas abstirbt, der inhaltlichen Forschung zuwenden und dem „ersten Wurf" Bouffets in seiner „Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" mit vereinten Kräften ein großes, umfassendes, sorgfältiges Werk an die Seite stellen, das die Geschichte der Religionen der Mittelmeerländer bis nach Indien für die Zeit von zirka 400 vor bis zirka 300 nach Christi behandelt. Ich bin kein Verächter der sogenannten „Einleitungsfragen", aber daß diese Fragen mehr formeller Natur gegenüber den Problemen, die den Inhalt betreffen, sehr oft von sekundärer Bedeutung sind, wird keiner leugnen. Noch einige Bemerkungen. Durchgehend gibt sich Fr. Mühe, die Eigenheit und Selbständigkeit der Diasporaliteratur der palästinensischen gegenüber^ zu betonen und die bisherige Ansicht der raschen Verteilung der betteffenden Schriften auf Pharisäer und Sadducäer zu bekämpfen. Damit hat er ohne Frage recht. Nur hat die Sache ihre Kehrseite. Bei Josephus sieht er sich z. B. selber genötigt (S. 426 ff.) „Diasporaexegese" nachzuweisen, obwohl doch Josephus so lange Zeit in Palästina zugebracht hat. Allerdings sagt Fr. selbst (S. 437): „Hieraus ist zu ersehen, wie mächttg der Einfluß des Geistes der Diaspora in Palästina selber war." Nicht minder übertteibt Fr. in seiner interessanten Uebersicht über „die Polemik nach innen", d. h. den Kampf der konservativen und der radikalen, der hellenistischen und der den griechischen Geist abwehrenden Juden. Er will die Feinde und Hochmütigen der Psalmen, die von IV. B. Esra, Baruch, Daniel re. bekämpften jüdischen Richtungen vereinen mit den Kainiten, gegen welche Philo polemisiert, und den „Minim" des Talmud. So richtig es ist, daß der Ileberblick über diesen Kampf unter die Rubrik „Polemik nach innen" gehört, so übertrieben ist es, diese feindlichen Richtungen alle zu vereinen. Bon Gnostizismus oder Kainverehrern ist in den Psalmen sicher nicht die Rede, ebensowenig, soweit sich nach den Angaben Fr.s über die Minim urteilen läßt, sind die Minim öder die Jrrlehrer des neuen Testaments, speziell des Judasbriefes oder zweiten Petrusbriefes, Kainsverehrer. Die wiederholte Aussage des „Hochmuts" genügt nicht, um diese Richtungen so völlig zu vereinen, wie Fr. das tut. Es wäre eine sehr dankenswerte Aufgabe, die in Bettacht kommende Ltteratur bis zum Talmud einer sorgfältigen Untersuchung betreffs der Jrrlehrer „Beliarssöhne", wie z. B. die Sibylla sagt, zu unterziehen. Daß Fr. mit dem Vorhandensein eines vorchristlichen jüdischen Gnostizismus recht hat, hat ihm O. Pfleiderer (S. 444, Anm.) mit Recht zugegeben. Aeußerlich zu bemerken wäre noch: Es fällt auf, daß Fr., obwohl er griechische und lateinische Exzerpte in deutscher Uebersetzung gibt, die talmudischen Zitate meist unübersetzt läßt, auch, daß Fr. sehr flüchtig und ungenau übersetzt. Daß die Sibyllen nach Friedliebs Uebersetzung wörtlich abgedruckt werden, hätte deutlicher gesagt werden müssen. Auch hat Fr. seine eigene Uebersetzung Philos Schrift über „Philanttophie", die schon längst gedruckt war,'wieder abgedruckt. Zu bemerken wäre noch, daß Fr. es „naheliegend findet, daß n-rvn' j=x nichts anderes ist als „h ostia“ (S. 380), was sehr fraglich ist. Rerschirdeue Nachrichten. Wie«. Der Vorstand der Wiener Knltusgemeinde veranstaltet Donnerstag, den 14. d. M., 5 Uhr nachmittags, eine Trauerfeier für Dr. Theodor Her^l. Wie«. Samstag, den 9. d. M. hielt der zu Gast hier weilende Rabbiner aus Hommona, D. L. Salzer, im Tempel der Talmud Thora, II., Malzgasse,. über Einladung des Vorstandes eine Drösche. Rabbiner Salzer ist hier lein Fremder, da er bereits mehrmals durch sein außerordentliches Rednertalent und. seine geistreichen Ausführungen sich die Sympathien seiner Zuhörer erworben hat. (Wir hatten bisher noch nicht Gelegenheit, die rhetorischen. Fähigkeiten dieses Herren kennen, zu lernen, aber eines wissen wir von Ihm, daß er ein außerordentliches Talent darin bewiesen hat, einen durch viele Jahre in seinem Amte wirkenden Kantor aus. seiner Stellung zu verdrängen und ihn samt seiner Familie brotlos zu machen. Diese allerdings nicht besonders ehrwürdige Tätigkeit, welche seinerzeit in unserem Blatte gegeißelt wurde, ist keineswegs geeignet, für Herrn Rabbiner Salzer Sympathien zu werben. Die Redaktion.) Prerau. Oberrabbiner Dr. Tauber hielt hier Samstag, den 9. d. M.. eine tiefergreifende Gedenkrede für Dr. Theodor Herzl. Kvemsier. Heute empfing der Fürsterzbischof Dr. Bauer die Deputation der hiesigen Kultusgemeinde, bestehend aus dem Vorsteher, zwei Räten und dem Rabbiner Dr. Frankl-Grün. Nach einer kurzen Ansprache des Vorstehers Herrn Knöpfelmacher, wandte sich der Fürsterzbischof an den Rabbiner. Im Laufe des Gespräches bemerkte der Kirchenfürst, daß er als Student sehr oft in der Judengasse gewesen sei. Im Jahre 1859 habe er unter den Juden für die Verwundeten gesammelt und hiebei ein sehr schönes Ergebnis erzielt. Er anerkannte auch die Verdienste der Juden um die Verbreitung der Bibel und der Offenbarung, ohne welche keine Zivilisation denkbar sei. Unter Dank für die ihm erwiesene Ehre entließ dann der Fürsterzbischof die Deputation. Szenicz. In der letzten Sabbatrede nahm Herr Bezirksrabbiner I. L. Marmvrstein Anlaß, um den Verlust, welchen das Judentum durch das allzufrühe Hinscheiden Dr. Theodor Herzls erlitten hat, mit beredten Worten zu schildern. Sein Andenken könne nur dadurch in gebührender Weise geehrt werden, indem wir uns vornehmen, sein begonnenes Werk fortzusetzen und'mit Wort und Tat zu unterstützen. Zugleich appellierte der Herr Rabbiner an die Hochherzigkeit der Gemeindemiiglieder, sich der Aktion der israelitischen Allianz anzuschließen. Die Rede machte den gewünschten Eindruck und wird hoffentlich auch ein günstiges Resultat ergeben. Czernowitz. (Verein jüdischer Privatbeamten.) Die von dein Vereine der Regierung überreichten Stattlten, wurden von derselben bereits genehmigt. Der genannte Verein bezweckt die Wahrung der Interessen der jüdischen Privatbeamten, nicht auf politischer, sondern nur auf nationaler Basis aufgebaut und verfolgt den Zweck, die gesellschaftliche Stellung seiner Vereinsmitglieder zu fördern, sowie die allgemeine Bildung und die Geselligkeit zu pflegen. Temesvar (Josefstadt). Für die hiesige Knltusgemeinde wurde Herr Jakob Schwarzmann als Oberkantor gewählt und hat derselbe bereits seine Stelle angetreten. Oedenburg. (Reformen an ber ifraelitif chenBolksschule.) Der Schulstuhl hielt am 25. Juni d. I. unter Vorsitz des Präses Dr. Breuer eine Sitzung, in welcher die Tochter des verstorbenen Lehrers Sigmund Winkler, Fräulein Aranka Winkler als Lehrerin und gleichzeitig die Anstellung noch einer zweiten Lehrkraft proponiert wurde. Man hofft zuversichtlich, daß dieser dem allgemeinen Wunsche entsprechende richtige und praktische Vorschlag auch von der Gemeindevorstehung beziehungsweise der Generalversammlung ratifiziert werden wird. Petersburg. (Jüdische Verwundete im russischj ap anis ch en Kri eg e.) Die russische offizielle Heereszeitung „Rußkij Invalid" publiziert folgendeu Regimentsbefehl des Generalmajors Zilinsky: „Ich gebe hiermit die Liste derjenigen Krieger aus dem 11. und 12. Regiments bekannt, welche in der am 18. April in der Nähe des Dorfes Tjurentschin stattgefundenen Schlacht verwundet wurden und nach Heilung ihrer Wunden noch vor Abschluß des Krieges zu ihren Truppen zurückkehrten. Der Generalkommandant Kuropatkin verlieh diesen Verwundeten die Tapferkeitsmedaille (Georgsorden). Ich fühle mich verpflichtet, der unter meinem Kommando stehenden Division die Warnen dieser Helden, welche ihre Pflicht so wacker erfüllt haben, öffentlich bekannt zn geben. Mögen ihre Namen in der Geschichte des 11. und 12. Regiments in aller Ewigkeit in Erinnerung bleiben und ihren Kameraden als Muster und Ansporn dienen. Ich drücke den Offizieren, welche solche Helden erzogen haben, meinen tiefsten Dank aus." Unter den hierauf aufgezählten Verwundeten dieser zwei Regimenter werden auch die folgenden drei jüdischen Soldaten genannt: Samuel Ribin, Hirsch Schefiuk vom 11. ostsibirischen Regiment und Mordechai Jeschin vom 12. ostsibirischen Regimente. Warschau. Die jüdischen Geschäftsleute hatten die Absicht, zum Zeichen der Trauer für Dr. Theodor Herzl, am Begräbnistage die Geschäfte zu sperren, doch wurde dies polizeilich verboten und mehrere Personen, die trotz des Verbotes die Geschäfte schlossen, verhaftet. Tokio. Ein jüdisch er Marquis befindet sich am Hofe des Mikado. Am Hofe des japanischen Kaisers ist ein österreichischer Arzt, Dr. Emil Roth mann, zum Leibarzt des. Kronprinzen Joschibito aufgerückt und wegen seiner Verdienste um die Gesundheit des Kronprinzen und der Prinzessin zum Marquis ernannt worden. >Dr. Rothmann, der aus Wien stammt und im Alter von 52 Jahren steht, erfreut sich eines großen Ansehens beim Mikado, der ihm zu Ehren für die Errettung einer Prinzessin aus lebensgefährlicher Krankheit eine Plantane pflanzen ließ, deren Stamm auf silberner Platte den Namen Dr. Rothmanns trägt. Es ist dies eine Ehrung, die nur den verdientesten Männern zuteil wird.