Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 28 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 28 der Dienstpragmatik und der Eidesformel der Beamten ein wenig nachzusehen, so sollte er als gläubiger Katholik dem christlichsozialen Herrn Demel es nicht hingehen lassen, daß dieser sich in so geringschätziger Weise über den Standpunkt des Evangeliums und der katholischen Kirche äußerte. * * Der neue Fürstcrzbischos von Olmütz, Dr. Bauer, hat anläßlich seines Einzuges in Kremsier in einer Weise über die Bibel und die Inden gesprochen, die zwar in dem Munde eines Kirchenfürsten als s e l b st v e r st ä n d l i ch' gelten müßte, die aber leider in unseren Tagen nicht so selbstverständlich ist. Als der Rabbiner Dr. Frankl-Grün dem Kirchenfürsten gegenüber der Hoffnung Ausdruck verlieh, dieser werde, wie seine Vorgänger, im Geiste der Propheten wirken, der die Worte gesprochen: „Einen Vater haben wir alle," antwortete der Fürsrerzbischos u. a.: „Ohne die Israeliten und die Bibel wären die Ideen, welche durch die neuesten Funde historisch bekräftigt und bestärkt wurden, nicht sobald zum Gemeingute der zivilisierten Welt geworden, da die Keilschrift über 2000 Jahre verborgen lag. Der Glaube an die Offenbarung ist wichtig, weil die menschliche Vernunft beschränkt ist und in jener eine Stütze und sittlichen Halt findet." Die Antisemiten, die ganz richtig empfinden, daß durch den Hinweis aus den engen Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum, zwischen dem alten und dem neuen Testament ein vernichtender Hieb gegen alle ihre Theorien des Judenhasses geführt wird, müssen mit tiefem Schmerze und wahrer Erbitterung durch Kundgebungen, wie die des Fürsterzbischofs Dr. Bauer, erfüllt werben. Der Vor-- ganger des Dr. Bauer, der Ex-Fürsterzbischof Dr. Theodor Koh'n hat es immer sorgfältig vermieden, in solchem Zusammenhänge des alten Testamentes und der Israeliten zu gedenken. Wer weiß, vielleicht bedauern am Ende die Christlich-Sozialen noch, daß ihnen der Dr. Kohn genommen wurde. * * In einer Zeit, in welcher die arischen Modekritiker und Kulturhistoriker wie Chamberlain rc. zum Gaudium der Rassenfanatiker die Bedeutung von Philosophen und Dichtern an deren Rasse knüpfen und es so weit gekommen ist, daß man einen Heinrich Heine nicht als deutschen Dichter gelten lassen will, muß das Urteil Wilhelm Jordans über Heines Verdienste um die deutsche Dichtung erhöhtes Interesse erregen. Jordan, den die „arischen" Blätter gelegentlich seines kürzlich erfolgten Todes über alle Maßen verherrlichten, schrieb in einem seiner gediegensten Werke über Heine u. a. Folgendes: „Einengroßen und epochemachenden Fortschritt in der Rückkehr zur germanischen Rhythmik bezeichnet die Lieblingsstrophe Heines für seine Lieder, die man eine glückliche Variation einer halben Nibelungenstrophe nennen darf. Ihr Reim ist oft unstreng, aber eben dadurch wieder höchst natürlich oder barock-witzig. Ihren Tonfall hat man vom metrischen Standpunkr nachlässig und salopp gescholten, obwohl es bekannt ist, daß der Dichter ihn keineswegs aus dem Aermel geschüttelt, sondern ihm die unverdrossene Arbeit vielmaligen Umgusses und rastlosen Feilens gewidmet hat. Um die feinfühlige Sorgfalt und Sauberkeit im Schliff dieser Strophe vollständig zu würdigen, muß man erst erkannt haben, daß die Regel, die er dabei in aller Strenge beobachtet, nichts anderes ist, als eben das rhythmische Gesetz, das uns hier beschäftigt. Den vollsten und reinsten Wohllaut aber, den unsere neue Poesie überhaupt erreicht hat, entfaltet ebenfalls Heine in den reimlosen und scheinbar regellosen „Nordseebildern" seines „Buchs der Lieder." Ich kenne in modernen Gedichten keinen schmiegsameren Rhythmus, keine mundgerechtere Anordnung der Konsonanten, keine Vokalisation, deren Wechsel und melodische Folge mit gleich feinem Verständnis für die Nedestimme und für das Ohr berechnet ist, keine Wortfügung, die mit gleicher Kraft des Äusdrucks einen so härtelosen Schmelz vereinigt, kurz kein Poem, das vermöge seiner Form der Kunst des Vortrags eine gleich dankbare Aufgabe stellt und es ihr in gleichem Grade möglich macht, schon allein durch die Sprachmüsik den Hörer zu entzücken. Heine selbst hat noch kein Bewußtsein des Erreichten und ist auch deswegen nicht gesichert vor häufigen Ausschritten vom glücklich getroffenen rechten Wege. 'Aber wie. die Magnetkraft der Erde die Kompaßnadel aus allen Schwankungen zur Nordweisuug zurückzieht, so waltet richtunggebend im sicheren Instinkts des Poeten der unsterbliche Sprachgeist. Was wir in diesen wundersamen und durchaus vorbildlosen Gedichten beobachten, ist das Erwachen dieses Geistes zum Bewußtsein des ureigenen rhythmischen Gesetzes. In ihnen ist die deutsche Sprache nach tausendjähriger Irrfahrt in der Fremde endlich heimgekehrt und angelangt beim epischen Verse der Germanen." Vielleicht werden die Antisemiten jetzt auch Jordan nicht mehr als „deutschen" Dichter gelten lassen! Z«r Uenstonsverstchernng der jüdischen Knltnsbeamten. Die vor einigen Wochen auch in unserem Blatte veröffentlichte, überaus sachliche Kritik des Herrn Dr. B. S. an der Versicherungsaktion des mährisch-jüdischen Landesmassafondes zugunsten der Kultusbeamten in Mähren hat den Kurator des mährischen Landesmassafondes, Herrn Dr. Spitzer, dessen rühmenswerter Initiative diese ganze Aktion zu danken ist, zu nachstehender Erwiderung in der .,Jüd. Volksst." veranlaßt: „Nach reiflicher Erwägung hat die Delegiertenversammlung des jüdischen Landesmassafondes die Sicherstellung von Versorgungsgenüssen für die Bediensteten der israelitischen Kultusgemeinden beschlossen und hiedurch zweifellos einen höchst bedeutsamen sozialpolitischen Fortschritt verwirklicht. Nichtsdestoweniger wurde der erwähnte Beschluß des Landesmassafondes an dieser Stelle einer abfälligen Kritik unterzogen. Um nun beurteilen zu können, inwieweit diese abfällige Kritik zutrifft, ist es unerläßlich, vorerst über den Zweck und die Mittel der in Betracht kommenden Versicherung ins Klare zu kommen. Der Zweck der durchzuführenden Pensionsversicherung kann der sein, die Existenz der israelitischen Kultusbediensteten und ihrer Familien auch für den Fall sicherzustellen, als der Bedienstete infolge seiner Dienstunfähigkeit oder seines Todes außerstande ist, die für die Subsistenz notwendigen Mittel zu verdienen. Die Sicherstellung der Subsistenz des Bediensteten im Falle der Dienstunfähigkeit, gewährleistet die Versicherung einer Jnvaliditätsrente, jene der Hinterbliebenen im Falle des Todes des Bediensteten die Sicherstellung von Witwen- und Waisenrenten. Unerläßlich für den angestrebten Zweck war daher die Gewährung von Jnvaliditäts-, Witwen- und Waisenrenten; die Sicherstellung von Altersrenten dagegen, die ohne Rücksicht auf die noch vorhandene Dienstfähigkeit im Falle der Erreichung eines gewissen Lebensalters ausgezahlt werden, fällt außerhalb des Rahmens des zur Sicherstelluug der Existenz unumgänglich Notwendigen. Die durch die Versicherung gebotene Fürsorge soll nämlich nur so weit Platz greifen, als der Eintritt des versicherten Ereignisses einen Entgang der Subsistenzmittel zur Folge hat. Die Erreichung eines bestimmten Lebensalters aber bedingt — die Fortdauer der Dienstfähigkeit und infolgedessen des aktiven Dienstes vorausgesetzt — nicht ohne weiters einen solchen Entgang. Im Grunde genommen stellt daher die Altersrente einen Luxus dar; besonders überflüssig wird sie bei Kultusbediensteten, welche erfahrungsgemäß einen namhaften Teil ihrer Einkünfte nicht aus ihren fixen Besoldungen, sondern aus verschiedenen Honoraren und Sporteln ziehen und infolgedessen wegen dieser Einnahmen bis ins hohe Alter hinein aktiv dienen, sobald sie nur die nötige Rüstigkeit besitzen. Zur Realisierung des eben erwähnten Zweckes der Sicherstellung der Subsistenz standen nur überaus, bescheidene Mittel, und zwar die minimalen kaum 4% umfassenden Beiträge der Bediensteten selbst, die Zuschüsse der ohnehin erschöpften Kultusgemeinden und die mit K 10.000 limitierte Subvention des Landesmassafondes zur Verfügung. Die Kargheit dieser Mittel