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Die Wahrheit · 1904-07-15 · Heft 28 (15.7.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 28 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrchsit Itedaktion u. Admiiiistratioii: Wien, Il/j Novaragaffe 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Llbonneineiusu. Jnseitionslieträge sind in W.ieii zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitschrift für jüdische Interessen. Krscheinl jeden Areilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” Gexngspheis-: Ganzjährig . . K. 12 — Halbjährig . . K. 6.— Für Sultuebeaiute: Ganzjährig . . . K. >0.— Für, Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fes. Ar. 28. Wien. 13. Inti 1904. Inhalt: Ans der Woche. — Zur Pensionsversicherung der jüdischen Kultusbeamten. — Konfessionelle Gleichberechtigung in Ungarn. — Dr. Theodor Herzl. - Geschichte der jüdischen Apologetik. — Verschiedene Nachrichten. — Die Heranbildung unserer Kantoren. Ans der Woche. Der Fall Demel, der so charakteristisch für unser öffentliches Leben ist, hat nun auch den Gemeinderat beschäftigt. Der Herr Bürgermeister hat in der Beantwortung einer diesbezüglichen Interpellation erklärt, daß er die Sache zwar noch nicht geprüft habe, daß sie jedoch auf ihn den Eindruck mache, als ob gegen einen b raven B eamten ein e Hetze inszeniert iverde! Dr. Lueger liest offenbar keine Zeitungen. Er weiß nicht einmal, daß der famose Magistratssekretür Demel wegen seines Exzesses in der Spiritusausstellung, vor Gericht gestellt, dort selbst bekannte, daß er die Aeußerung: „Alle Juden sind Schwindler, Fälscher", tatsächlich gemacht habe. Dr. Lueger weiß auch nicht, daß Herr Demel die hübschen Vorschläge zur Lösung der Judenfrage, nämlich, daß man den Juden die Augen aussteche und sie dann totschlage, gar nicht in Abrede stellte. Dr. Lueger weiß nur Eines: daß Herr Demel als Beamter die Objektivität nicht habe vermissen lassen. Im übrigen wird der Herr Bürgermeister sich mit der Angelegenheit später einmal, im September, wenn er von seinem Urlaub zurückkommt, noch eingehend beschäftigen. Das Resultat dieser Prüfung müßte eigentlich von rechtswegen, oder eigentlich von unrechtswegen darin bestehen, daß Herr Magistratssekretär Demel avanciert. Es wäre eine schnöde Ungerechtigkeit, zu verkennen, daß Herr Demel in der Spiritusausstellung sich ganz im Sinne und Geiste der gegenwärtigen kommunalen Machthaber benahm. Der Mann vertritt eben ganz und voll die grandiose antisemitische Zweiseelentheorie, ohne die auch ein antisemitischer Lehrer undenkbar wäre. Als Privatmann sagt Herr Demel: die Juden sind Fälscher, man muß sie totschlagen! aber als Beamter, in offizieller Stellung, kann und muß jedermann mit aller Seelenruhe von ihm erwarten, daß er niemals gegen einen Juden parteiisch Vorgehen, daß er deffeu Recht nicht beugen lassen, daß er, mit einem Wort, das Ideal des objektiven, gerechten Beamten repräsentieren wird. Die Verwirklichung dieser Zweiseelentheorie ist ja so leicht, so einfach, daß nur „jüdische" Frechheit sie anzuzweifeln vermöchte. Der Privatmann Demel verlangt, daß man die Inden totschlage; der Beamte Demel wird, wann und wo immer er in seiner amtlichen Eigenschaft mit Juden zu tun haben wird, nur einen Gedanken haben, daß Gott behüte, ihnen ja nur nicht der Schatten eines Unrechtes zugefügt werde. . Mit einem Worte, Herr Demel ist das Ideal antisemitischer Objektivität. Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger hat gelegentlich der Anerkennung, die er dem „objektiven" Beamten Demel zollte, auch seine eigene Objektivität mit der ihm eigenen Selbstbewunderung betont. Der Herr Bürgermeister, unter dessen Regime jüdische Beamte und Lehrer systematisch bei jedem Avancement präteriert werden, wagt es, von seiner Objektivität zu sprechen, ohne zu fürchten, daß ein Hohngelächter seine Worte übertönt! O, nein, Herr Bürgermeister! Sie sind nicht objektiv und halten sich vielleicht nicht einmal für einen objektiven Mann, denn Sie haben selbst oft schon erklärt, daß Sie der Bürgermeister Ihrer Partei sein wollen. Ein Mann, dessen Wille in der antisemitischen Partei ausschlaggebend ist, hat in den Augen eines jeden, der die Geschäftsführung der christlich-sozialen Partei auch nur ganz flüchtig kennen gelernt, für immer das Recht verwirkt, sich als einen objektiven, gerechten Mann zu bezeichnen. Die Objektivität, die Dr. Lueger als Bürgermeister der Stadt Wien bekundet, darf auch Dr. Weiskirchner, der Magistratsdirektor, und Herr Demel, der famose Magistratssekretär, ffir sich in Anspruch nehmen. Daß Dr. Lueger glatter, vorsichtiger, man kann auch sagen, zweideutiger in seinen Aeußerungen als Herr Demel ist, ändert nichts an der Sache. Wer ehrlich und aufrichtig in der Affaire Demel sein will, wird sagen müssen: Wie der Herr, so der Diener! Wie der Bürgermeister, so der Magistratsdirektor, wie der Chef des Magistrates, so der Magistratssekretär Demel. Falls der Herr Bürgermeister nach seinem Urlaub, vielleicht im September oder später — die Sache eilt ja nicht — sich mit dem Fall Demel wirklich eingehender beschäftigen wollte, dann möchten wir uns erlauben, ihn speziell auf ein Detail aufmerksam zu machen. Als dem Herrn Magistratssekretür in der Spiritusausstellung auf seine Bemerkung, daß alle Juden Fälscher seien, zugerufen wurde: „Auch Jesus Christus war ein Jude", erwiderte Herr Demel; „Auf diesen Standpunkt jüdischer Blätter kann ich nicht folgen." Nun, in den Staatsgrundgesetzen, in der Dienstpragmatik und in der Eidesformel der Beamten ist kein Wort von der leiblichen Abstammung Jesus enthalten, aber das Evangelium und die katholische Kirche haben niemals einen anderen Standpunkt gekannt, als daß der Stifter des Christentums seiner körperlichen Erscheinung und Gestalt nach Jude war. Wenn der Herr Bürgermeister vielleicht auch so gütig ist, den Herrn Demel die Außerachtlassung der Staatsgrundgesetze,

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