Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 27 (8.6.1904)
- Date
- 1904-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 27. in Rinnen Verborgenen, welche dort, aus Furcht verraten zu werden, qualvolle Stunden verlebten, töteten sie ohne Schonung und Erbarmen. Sie würgten die rechtschaffenen Kaufleute Wolf B. David und R. Jsak, welche zu den im Tempel ..auf den Morgen Wartenden" zählten (bebauiusriui), ferner den frommen und biederen Josef Kohn, der immer unter den zehn ersten Tempelbesuchern sich befand (Kaufmann a. a. O. liest „miscbaak“ statt „measara“, begau scliel Kedoschim statt benon), seinen Sohn Meier, den Vorsteher des Lehrhauses Moses b. Mordechai Goldes, der demütig in dieses einging und demütig es verließ (Synh. S. 88), den tüchtigsten Talmudlehrer Jsak, dessen Kopf mit den Knien zusammengebunden und zerstückelt wurde, den einzigen Sohn Jakob Glasers, der ragszuvor seine Frau heimgeholt hatte, die achtbaren Mitglieder der Gemeinde, dem Schneider Chaiim und dessen Sohn Ber Baruch, Sohn des Samuel, wurde das Haupt vom Rumpfe getrennt. Löb Koppels, der bei dem Adel großes Ansehen genoß, verbarg sich denZanzen Tag hindurch im Getreide. Abends, wurde er entdeckt und getötet. Abraham Klesmer, der vor ein paar Tagen von Wien gekommen war, wo er sich Geld verdient hatte, wurde des Geldes beraubt und erschlagen. R. Mordechai Lewi wurden die Hände, dem gleichnamigen Sohne Baruchs die Füße abgehackt. Der vielverwundete Leiter der Gemeinde Jsak b. Hersch Jakir wurde durch Schläge so arg zugerichtet, daß es ein Jammer war, ihn anzuschauen. Einige lagen tagelang in Todeszuckungen. Viele Erschlagene wurden in die Wohnung des Hirsch Tewelles getragen und dort aufgebahrt. Viele konnten gar nicht begraben werden. Um die Uebrigen zu retten, gaben die Juden den Wüterichen sieben Geißeln mit, welche dann in Ungarn um 850 fl. losgelöst wurden. Trotz der erhaltenen Geldsummen steckten sie die Stadt in Brand. Erst abends zogen die Mörder unter Trompetenschall fort, der vom Wehklagen der vielen Leidtragenden, die in einem Tage Witwen und Waisen geworden sind, noch übertönt wurde. Sie wurden durch den Tod der Ernährer zu Bettlern gemacht. Aber auch die Geretteten büßten ihr Geld ein. Der Rabbiner 745 fl., der Judenrichter Markus Pinkus, der seinen Schwiegersohn verlor, 1840 fl. Am 18. Dezember 1683 war man mit der Schätzung des gesamten von den Juden erlittenen Schadens fertig, der sich auf 35.565 fl. belief. Noch lange schwebte man in Angst. Viele Tage nach dem Gemetzel enthielt man sich jedes Genusses. Der Mut zu neuen Unternehmungen war gesunken. Die Aufregung der Gemüter wollte sich gar nicht legen. Die Schwergeprüften glaubten sich hier gar nicht mehr sicher. Wie wir es in unseren Tagen bei den Juden in Kischinew gesehen haben, daß sie in großer Zahl ihren Heimatsort mieden, haben auch die Broder die Stätte der Greueltaten, welche schauderhafte Erinnerungen in ihnen erweckten, für immer verlassen. Aus den versprengten Trümmern der Gemeinde Ungarisch- Brod erhoben sich viele Gemeinden in Oberungarn, wie Waag- Neustadt, Verbow, Trencsin, Beekow, wo wir noch die Namen Brod, Broda häufig finden. Manche Abkömmlinge dieser Ausgewanderten (Back, Schnabel, Budapest)*) gehören heute zum ungarischen Adel; manche sind Kernmagyaren, Renegaten ihres *) Ein Sohn des Broder Familiantcn R. Pesach Schnabel, der Gründer dieser großen Exportfirma Kairo. Paris, Wien, Nombach war im Jahre 1848 Adjutant Kofiuths und flüchtete mit ihm nach Konstantinopel, wo er unter dem Namen Orsodi mit seinem Neffen und Schwiegersohn Hermann Back „de Surany" sich associerte. Beide stammen von dem ermordeten Löb Schames, dcficn Enkel R. Löb Schnabel im Jahre 1790 „den ersten Segen und alle Andachtsübungen" verrichtete. N. Löbs Sohn, R. Pesach, welcher 1819 an die Stelle des Vaters trat, hatte einen heftigen Streit in einer rituellen Frage mit dem Rabbi M. I. Rosenfeld, der ihn deshalb verwünschte. Er führte ein unruhiges Wanderleben. Seine durch Schönheit berühmte Frau Golde aus Boskowitz erblindete aus Gram über diesen Fluch. Der Fall war folgender: Am *•«>'» wurden zwei Stück Vieh "c'L. Voll Bestürzung eilte der Fleischer zum Rabbi, der ihn versicherte, daß das dritte sein wird. Der Schächter erklärte aber auch dieses für ”c-.s. Der Rabbi untersuchte die Lunge und sprach das im aus. R. Pesach erklärte diesen Eingriff in sein Gebiet als Frechheit. Tags daraus sprach der Rabbi über ihn den Fluch aus. R. Pesach verließ den Almemmor und den Posten. Volkes geworden und stehen an der Spitze des Komitees zur Errichtung eines Denkmals für die Häuptlinge der Kuruzzen, der Mörder ihrer Ahnen. F. Gr. Goethe und die Kidei. Einem soeben im Verlage von Wilhelm Braumüller, Wien, erschienenen Buche „Goethe als Erzieher" von Dr. Bernhard Münz, auf das wir noch eingehender zurückkommen werden, entj nehmen wir nachstehendes, hochinteressantes Kapitel:! Den Grund zur Bildung soll die Bibel legen, der Goethe, j wie er selbst bekennt, fast allein seine sittliche Bildung schuldig war, die, wie Bielschowsky in seinem vortrefflichen Buche über Goethe schön sagt, „seine Phantasie unablässig beschäftigte und seine Gedanken nach allen Richtungen in Bewegung setzte, die sich ihm unter den verschiedensten Formen: als Gesetzbuch, als Heldenepos, als Idylle, als Hymne, als Liebeslied darstellte und zu ihm in allen Tönen redete." Mit dem ihm eigenen Feuer versenkte er sich in das unergründliche Buch und machte sich seine Erzählungen, Lehren, Symbole und Sprache für immer zu eigen. Insbesondere waren es die ersten Bücher Mosis, in deren naive und große Natur er sich gern verlor. Wenn seine Gedanken in den morgenländichen Gegenden bei den einfältigen Hirten verweilten, da fand sein unruhiger, hin und her fahrender Geist wohltuende Sammlung und beglückenden Frieden. So wurde der Knabe durch die Bibel zur Natur und Einfalt hingezogen, lange bevor Rousseau, vor dem der gereifte Goethe sich indes lossagte, in seine geistige Sphäre getreten war.! Die Liebe zum alten Testamente führte ihn auch zum Studium | des Hebräischen. Durch die genauere Lektüre des alten Testaments > in der Ursprache verstärkte sich mancher Zweifel an der Einheitlichkeit und Göttlichkeit des Buches ' der Bücher, aber dieser i Zweifel vermochte der Liebe des Jünglings und des Mannes j zu seinem epischen und sittlichen Gehalt keinen Abbruch zu tun. | Goethe löste eben die Widersprüche nicht in der Art, wie sie ein > Theologe zu lösen versuchen würde; er ließ das Orakel seiner; Brust sprechen, er stellte die lebendige Offenbarung seines Innern : gegen die überlieferte Offenbarung der heiligen Schrift und hielt l sich an das, worin beide übereinstimmten. Er huldigte dem; Grundsätze, daß es bei allem, was uns überliefert, besonders i aber schriftlich überliefert ist, auf den Grund, auf das Innere, j den Sinn, die Richtung des Werkes ankomme: „Hier liege das i Ursprüngliche, Göttliche, Wirksame, Unantastbare, Unverwüstliche und keine Zeit, keine äußere Einwirkung noch Bedingung könne diesem innern Urwesen etwas anhaben, wenigstens nicht mehr als die Krankheit des Körpers einer wohlgebildeten Seele. So sei nun Sprache, Dialekt, Eigentümlichkeit, Stil und zuletzt die Schrift als Körper eines jeden geistigen Werkes anzusehen; dieser, zwar nahe genng mit dem Innern verwandt, sei jedoch der Verschlimmerung, dem Verderbnis ausgesetzt: wie denn überhaupt keine Ueberlieferung ihrer nach ganz rein gegeben und, wenn sie auch rein gegeben würde, in der Folge jederzeit vollkommen verständlich sein könnte, jenes wegen Unzulänglichkeit der Organe, durch welche überliefert wird, dieses wegen des Unterschiedes der Zeiten, der Orte, besonders aber wegen der Verschiedenheit menschlicher Fähigkeiten und Denkweisen; weshalb denn ja auch die Ausleger sich niemals vergleichen werden". Dasselbe gelte auch von der heiligen Schrift. Ihr Inneres, ihren lebendig wirksamen Kern zu erforschen, sei daher unsere Sache und dabei vor allen Dingen zu erwägen, wie sich jener Kern zu unserem Innern verhalte und inwiefern durch seine Lebenskraft die unsrige erregt und befruchtet werde. Alles Aeußere dagegen, was auf uns unwirksam oder einem Zweifel unterworfen ist, könne man ruhig der Kritik überlassen. Mag diese auch noch so viel zerstückeln und zersplittern, so werde sie doch niemals dahin gelangen, uns den eigentlichen Grund, an dem wir festhalten, zu rauben. Von diesem Standpunkle aus fühlte sich Goethe gegenüber der religiösen Ueberlieferung durchaus j selbständig und frei und andererseits aber auch gegen alle ge- I mütlosen Spöttereien geschützt, weil er deren Unredlichkeiten so- I gleich durchschaute. Die Bibel erschien ihm immer schöner, je