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Die Wahrheit · 1904-06-08 · Heft 27 (8.6.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 27 (8.6.1904)
Date
1904-06-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 Die Wahrheit Leite 7 Ans der Vergangenheit nnd Gegenwart Ungarisch-Krods. (Fortsetzung.) Das Broder Verhängnis. (1683.)*) Die Straße, welche der Stadt Ung.-Brod den Handel und Verkehr, also Kulturarbeiten zuführte, brachte ihr auch Verderben und Barbarei. Die Handelsstraße wurde auch zur Heeresstraße, welche den raublustigen Kuruzzen den Weg zu dieser, durch ihren Reichtum berühmten Grenzstadt wies, und so das Zivilisationswerk vieler Jahrhunderte verheerte. Am Tage, da die Türken Wien ganz eingeschlossen hatten (14. Juli 1683), brach eine wilde Horde entmenschter Raubscharen aus Oberungarn, von wo die kaiserlichen Regimenter zum Entsätze Wiens abberufen worden waren, in das offene südliche Mähren ein. Während andere Gemeinden mit dem bloßen Schrecken, den die ungarischen Banden vor sich her verbreiteten, glücklich davon gekommen waren, wurden die Broder als Opferlamm von den Würgengeln ausersehen. Tod und Vernichtung waren in ihrem Gefolge. Zeitlich morgens, um 5 Uhr, drangen 5000 Reiter aus den Scharen Tökölys, des Nachfolgers Rakoczys und Verbündeten der Türken, durch die erbrochenen Tore ein und lenkten ihre Schritte nach der nahen Jud'engasse, deren Bewohner zum größten Teile im Bethause versammelt waren. Denn damals war es noch Sitte, daß alle, die nicht als schlechte Nachbarn bezeichnet werden wollten, auch an Wochentagen früh und abends die Synagoge besuchten. Besonders stark gefüllt war die Synagoge in den drei Wochen zwischen den Gehegen, vom 17. Tamus bis znm 9. Ab, da man durch Klagepsalmen ob des Falles Jerusalems und des zerstörten Tempels der eigenen tiefempfunden Wöhmut Ausdruck verleihte. Die Trauernden um Zion fanden sich schon in der Zeit der Dämmerung ein, um durch Bußgebete die Opfer zu ersetzen, welche um diese Stunde am Altar in Jerusalem dargebracht worden waren. Nun waren sie selbst die dem Tode geweihten Opfer. Die Rebellen stürzten plötzlich in den Tempel mit ihren blutbesprengten Mordgeräten. Als Erster fiel gleich der Märtyrer Rabbi Akiba, der mit dem Rufe „Schema Israel" in den Tod ging, der Prediger Nathan Aschkenasi, welcher, eingehüllt im Gebetmantel, das Achtzehngebet verrichtete, das man nach einer Vorschrift unserer Weisen selbst dann nicht unterbrechen soll, wenn eine Schlange die Ferse umfaßt. Er bewies solchen Heroismus angesichts des über diesen Glaubensmut noch mehr erbitterten Bandenführers, der ihn in drei Stücke zerschnitt. Sterbend beschwor er die ihn Umgebenden, daß man ihn auf dem jüdischen Friedhofe begrabe, wo noch heilte seine Ruhestätte ein in drei Spitzen auslaufendes Denkmal bezeichnet, das seinen Ruhm, als den mit der Krone der Thora Geschmückten verkündet.- Neben ihm liegt der Rabbi Assessor Abraham, der Sohn Naftalis, der von den Grausamen an einem Spieße gebraten wurde und an dem zum Ueberflusse noch andere Todesarten angewendet wurden. Er soll schon früher, von trüben Ahnungen erfüllt, ein der Gemeinde bevorstehendes Verhängnis prophezeit haben. Die noch erhaltene Grabschrist rühmt seine Gelehrsamkeit, sein Wissen in der Thora, in der er Tag nnd Nacht geforscht hat, und das gleich einem unerschöpflichen Quell täglich zunahm. Sonst deutet kein Stein des Friedhofes auf ein Grab der 103 Erschlagenen. Nur etwa noch 37 Namen der bedeutendsten von ihnen hat die Elegie auf die Zerstörung Ung.-Brods und das Martyriologium aufbewahrt, welches am 20. Tamus, dem Gedenktage dieses Ereignsses, an welchem noch heute zehn von der Gemeinde bezahlte Personen fasten, beim Morgengottesdienste verlesen wird. Beide schildern die Grausamkeiten und Rohheiten, die an den Unglücklichen verübt wurden. Vor den Augen der andächtigen Gemeinde wurden damals im Tempel der Kantor Eisik, dessen Schwiegersohn Jsak Chari und der Vorbeter Moses, *) Vgl. Kaufmann, „Die Verheerung Ung.-Brods". Grätz' Monatschrift, 1894. dessen wunderschöner Gesang die Gemeinde ergötzte und der ein asketisches Leben führte, getötet. Der Rabbiner Eljakum Götz war nur mit Mühe dem Tode entgangen. Hunderte von Gulden hat er den Plünderern zugetragen, um ihre Mordlust zu beschwichtigen. Er erlitt solch schwere Verletzungen, daß er sich nur auf allen Vieren sortbewegen konnte. Nachdem der Tempel in ein Leichenfeld umgewandelt war, zerrissen die Unholde die Thorarollen und überfielen die zeitlich geöffneten Fleischlüden und töteten deren Besitzer, Moses Mirels Baruch, samt seinem Schwiegersöhne und seinem Schwager Löbel Bermann und Sabbatai Fleischhacker. In wilder Flucht eilten die Juden der Stadt zu, fanden aber keinen Einlaß. Aus Befehl des Stadthauptmaunes wurden die Tore gesperrt, um nicht mit de« Flüchtlingen die Verfolger heranzulocken.*) Doch blieb die Stadt trotzdem nicht verschont. Auch sie trank den Taumelbecher, wenn auch im geringerem Maße als die Juden. Alle Beamten der Herrschaft wurden getötet. Das in der Kirche befindliche Geld wurde geraubt und die Geräte prosanisiert. Aus den Kellern wurden 16 Faß Wein hervorgeholt, teils ausgetrunken, teils ausgegoffen. Die Zellen und Gärten waren laut dem Kirchenbuche vom Blute der getöteten 168 Christen und 300 Juden ganz getränkt; es floß in Strömen gleich dem Wasser zu den Mühlen. Der Landesälteste Wolf Wiener, welcher 1670 nach der Vertreibung aus Wien im Ghetto von Ung.-Brod sich ansiedelte, fiel unter den Streichen der Räuber. Der Tempelvorsteher Abraham Hranicky wollte sein Leben um 100 Reichstaler loskaufen. Das Geld nahm man ihm weg und ermordete ihn; Josef Kohn und sein Sohn kamen ums Leben, obwohl sie 500 fl. erlegt halten. Die Lehrer Jekusiel und Jsak, die nie fehlten, wo es sich um eine gute Tat handelte, wurden geschlachtet und zerhackt. Die Aerzte Jesaia und Chajim, denen viele Kranke, besonders in der Epidemie des Jahres 1681, ihre Gesundheit verdankten, wurden enthauptet. Rabbi Mordechaj Nasch, der vieljährige Kultusvorstand, wurde durch einen Schuß ins Herz getötet. Eine Frau, welche in ihren Kleidern hundert Gulden eingenüht hatte, sprang in einen Brunnen. Die Rebellen zogen sie bei den Haaren heraus, nahmen ihr das Geld ab und ermordeten ihren Mann, der sich durch den Hinweis auf das Geld zu retten glaubte. Die Gemeindediener Wolf und Lebele Schames (Schamsches), dessen Frau und sieben unmündige Kinder für das Leben des Gatten und Vaters baten und sich den Rossen vor die Füße warfen, wurden niedergetreten. Jsak Jserl wurde von diesen Mörderbanden furchtbaren Qualen ausgesetzt und abgeschlachtet; seine Tochter stürzte sich, fast wahnsinnig, von den Mauern der Stadt und verletzte sich schwer. Verzweiflung erfaßte die Bewohner. Viele nahmen sich selbst das Leben, Brautleute ertränkten sich im Tauchbade, um diesen Mordbuben nicht in die Hände zu fallen, welche, um den Schmerz zu steigern, zur Grausamkeit noch Hohn hinzufügten. Trotz des Flehens wurden Knaben gehängt und deren Glieder in die Häuser geschickt. Sieben furchtbare Stunden hatte das Gemetzel und die Plünderung gewährt, als nach 12 Uhr mittags die von Blut und Wein erhitzten Würger die Stadt verließen. Ihr Anführer Petnchazy, der später zu den Kaiserlichen überging, hatte vor dem Abzüge von der Judengemeinde sich noch eine Summe von 1000 Gulden auszahlen lassen. Aber die aus ihren Verstecken allmählich sich hervorwagende Bevölkerung hatte sich zu früh erlöst gefühlt. Denn nach dem Abzüge der Reiter war streifendes Fußvolk in die Stadt eingedrungen, welches alles niederstach, was ihm begegnete und den Flammen überlieferte, was es selber nicht verheeren konnte. Jetzt ging das Morden und Brennen von vorne an und der Erstickungstod suchte die in den Kellern Versteckten aus. Diese wüteten noch mit größerer Bestialität. Ihr Blutdurst war noch unersättlicher. Die Entronnenen aus Böden und *) Nur insofern kann von einer Mitschuld der Bevölkerung an dem schrecklichen Blutbade der Juden die Rede sein. (Grätz, Bd. 10, S. 284.)

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