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Die Wahrheit · 1904-06-08 · Heft 27 (8.6.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 27 (8.6.1904)
Date
1904-06-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27. Die Wahrheit Seite 9. mehr er sie verstand, je mehr er einsah, daß jedes Wort, das wir allgemein auffasien und im besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Ortsverhältnissen eine eigene, besondere, unmittelbar individuelle Beziehung gehabt hat. — Wie das alte, so war auch das neue Testament vor seinen Untersuchungen nicht sicher, aber aus Liebe zu seinem Grundgehalt stimmte er in das sinnige Wort mit ein: „Die Evangelisten mögen sich widersprechen, wenn sich nur das Evangelium nicht widerspricht." Verschiedene Nachrichten. Wien. Aus Anlaß des Ablebens Dr. Theodor Herzl's ist vom Großherzog von Baden an die zionistische Parteileitung in Wien folgendes Telegramm gelangt: „St. Blasien, 5. Juli 1904. An das Aktionskomitee des zionistischen Kongresses in Wien. Mct aufrichtiger Teilnahme vernehme ich die schmerzliche Nachricht von dem Ableben Ihres Präsidenten. des Herrn Dr. Herzl. Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung und spreche Ihnen mein warmes Mitgefühl an Ihrer tiefen Trauer aus. Ich schätze mit Ihnen die hohe Bedeutung dieses Verlnstes und bewahre dem Verstorbenen dankbares Angedenken. Friedrich, Großherzog von Baden rn. p." Wien. (Religionslehrerkonferenz.) Die am 3. d. M. unter dem Vorsitze des Inspektors Prof. Kanitz abgehaltcne Konferenz, der der Vertreter der Kultusgemeinde Herr Dr. Maximilian Steiner beiwohnte, galt der Pflege des Synagogalgesanges, dessen große Bedeutung für unsere Jugend besonders hervorgehoben wurde, und sprach sich alles mit Begeisterung für die Hebung und Pflege des gottesdienstlichen Gesanges in der Schule aus. Ausführlicher Bericht folgt. Wien. (Ehrung eines v e r st o r b e n e n S ch u l m a n n e s.) Dem im heurigen Jahre verstorbenen verdienstvollen Müdchenschnldirektor Philipp Brunner von der Schule I., Werderthorgasse, hielt der Bezirksschulinspektor Herr kais. Rat Hofbauer in der diesjährigen Bezirkslchrerkonferenz des I. Inspektions-Bezirkes einen besonders warmen und herzlichen Nachruf. Redner hob besonders die pädagogische und literarische Bedeutung, den edlen Charakcer und das konziliante Wesen Brunners hervor, der sich dadurch einer unbegrenzten Achtung erfreute. Die Worte machten auf die vielhundertköpfige Lehrerversammlnng tiefen Eindruck und erhoben sich alle Anwesenden zu Ehren des ihnen viel zu früh eutrisseuen Kollegen, der ein ehrenvolles Andenken znrückgelassen hat. z.—1. . Wien. (Befähigungsprüfung für Kindergärtner i n n e n.) An der mit dem Oeffentlichkeirsrechte versehenen Privatbildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien, II., Schiffamtsgasse 15, fand am 30. Juni d. I. unter dem Vorsitze des Herrn k. k. Landesschulinspektors Dr. Karl Rieger die Befähigungsprüfung statt. Eine Kandidatin war von der Prüfung zurückgetreten, einer zweiten wurde wegen Mangels eines gesetzlichen Erfordernisses durch Erlaß des hohen k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht die Zulassung zur Prüfung verweigert, während sämtliche übrigen erschienenen Kandidatinnen approbiert wurden. Anmeldungen für den 37. Jahreskurs der Anstalt und den 2. Jahreskurs der mit diesem Institute verbundenen Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen (Bonnen), in welcher Mädchen bereits nach vollendetem 14. Lebensjahre Aufnahme finden, werden bei der Direktion entgegengenvmmen. Wien. Der Ausschuß des Verbandes der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen hielt Sonntag, den 3. Juli d. I. unter dem Vorsitze des Obmannes, Herrn Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, die dritte Sitzung in diesem Jahre ab. Der Obmann referierte, daß Rabbiner Dr. Kurrein in Teplitz an ihn die Frage gerichtet habe, ob der Religionslehrerverband auch Delegierte des böhmischen Rabbiner- und Lehrerverbandes zur Ausarbeitung eines einheitlichen Lehrplanes heranziehen wolle. Der Verbandsausschuß begrüßte den Antrag mit Freude, zur Errichtung dieses Zieles gemeinschaftlich mit dem böhmischen Rabbinerverbande wirken zu können, zumal auf Grund eines bei der Generalversammlung gefaßten Beschlusses sogar außenstehende, dem Verbände nicht angehörende Fachmänner zur Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes herangezogen werden sollen. Betreffs der Regelung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionslehrer an Mittelschulen wird die von Prof. Dr. A. Weiß ausgearbeitete, an das hohe Ministerium für Kultus und Unterricht zu richtende Petition in kürzester Zeit an die Ausschußmitglieder versendet werden, damit sie zu derselben ihre Amendements machen, über welche dann der Ausschuß zu beraten und zu beschließen haben wird. Schließlich legt Prof. Dr. Weiß zur Kenntnisnahme eine Petition vor, welche der Verein der katholischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen dem hohen Ministerium für Kultus und Unterricht überreicht hat und welche die Verlegung der Religionsstunden auf die Eckstunden zum Gegenstand hat. Nach reiflicher Ueberlegung-beschließt der Ausschuß, mit Rücksicht auf die schwierigen Verhältnisse, unter welchen viele nicht definitive israel. Religionslehrer ihren Dienst zu leisten haben, von einem analogen Schritt Umgang zu nehmen. Hierauf schließt der Obmann die Sitzung. Wien. Folgenden köstlichen Scherz aus dem Gerichtssaal teilt ein Advokat, der der betreffenden Verhandlung beigewohnt hat, dem „Neuen Wiener Journal" mit: „Vor einem Wiener Gerichte war ein sogenannter Rabbiner der schuldbaren Krida (Bankerotts) angeklagt. Auf die Frage des Vorsitzenden, was der Angeklagte sei, antwortete er: „Rabbiner, Lehrer und Schochet". Der Vorsitzende, dem dieser Ausdruck unbekannt war, erfuhr auf sein Befragen, daß Schochet „Schlächter" heiße. Der Herr Landesgerichtsrat besaß nun das Taktgefühl, den Rabbiner fortwährend mit „Sie Schochet" zu apostrophieren. Die Verhandlung ging zu Ende, der „Rabbiner" wurde freigesprochen. Nach Verkündigung des Freispruchs erbat sich der „Rabbiner" die Erlaubnis, einige Worte reden zu dürfen, was ihm der Vorsitzende nach einer barschen Abfertigung endlich gestattete. Der „Rabbiner" sagte nun: „Ich möchte mir nur erlauben, den Herrn Vorsitzenden darauf aufmerksam zu machen, daß ich Rabbiner für die Juden, Lehrer für die Jugend, Schochet jedoch nur für Ochsen bin!" Also geschehen im Jahre 1904 unter Vorsitz des Herrn Landesgerichtsrats . . . Na, lassen wir für heute den Namen." Prag. Hier ist am 29. Juni d. I. Frau Rosa von Portheim, geborene Goldschmidt, Gemahlin des Herrn Josef von Portheim, im 84. Lebensjahre gestorben. 'Die Verblichene war eine Dame voll vortrefflicher Herzens- und Geisteseigenschaft. Durch ihren regen, betätigten Wohltätig keitssinn stand sie überall in größter Wertschätzung. Ihr Hinscheiden wird tief betrauert. ' ' ' Karlsbad. Ein ehrender Akt der Anerkennung wurde unserem Oberkantor Herrn I. Weiß zuteil. Bei der am 26. Juni stattgefundenen Sitzung der Kultusgemeinde-Repräsentanz wurde derselbe nach dreijährigem Provisorium einstimmig definitiv angestellt. Herr Oberkantor Weiß erfreut sich in unserer Gemeinde einer allgemeinen Hochachtung und Wertschätzung, wie er dieselbe in Anbetracht seiner besonderen kantoralen Leistungen und als gediegener Charakter in jeder Beziehung wohl verdient. Wir wünschen Herrn Oberkantor Weiß, er möge zur Ehre Gottes und zu unserem allseitigem Genüsse noch viele, viele Jahre in unserer Gemeinde wirken. Lemberg. (Konstituierung des Kultusvorstandes.) Am 26. Juni hat sich der neugewählte Kultusvorstand in Lemberg konstituiert. In den engeren Vorstand wurden gewählt die Herren Salomon Buber, Reichstagsabgeordneter Dr. Byk, Dr. Gottlieb, Dr. Tschescher, S Landau, Emil Edler v. Mieses und Dr. Schaff. Zum Präsidenten wurde Dr Byk wieder gewählt. Der Wiedergewählte nahm die Wahl dankend an und kündigte an, daß der neue Kultusrat sich zunächst mit der Regelung des Religionsunterrichtes mit besonderer Berücksichtigung der hebräischen Sprache, insoferne deren Kenntnis für die Religion notwendig ist, befassen werde. Es soll auch ein zweiter Tempelrabbiner angestellt werden. Der Kultusrat wird auch die Frage ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht entsprechender wäre, die bestehenden zwei Schulen der Kuliusgemeinde, welche gar keine Erfolge aufweisen, aufzulassen und an deren Stelle Kindergärten und Gewerbeschulen zu errichten. Rom. (Besuch des K ö n i g s v o n I t a l i e n in einer Synagoge.) Der König hat vor einigen Tagen die Synagoge am Ponte Ouattro Capi besucht. Dem Vorstand der Gemeinde, der ihn des ewigen Dankes seiner Schutzbefohlenen für die ihnen erwiesene Gnade versicherte, sagte der König, es bedarf keines Dankes, ich bin glücklich, unter euch zu sein. Er ließ sich durch die hohen Hallen des Tempels geleiten und die Inschriften an den Säulen erklären und sprach mit dem Großrabbiner lebhaft von seiner Reise nach Palästina, wo er viele jüdische Tempel gesehen habe; alle waren düster und schwerfällig gewesen wie die Menschen, die in ihnen beten. Hier sei alles Gold und lichtumflossen, das freue ihn von Herzen. Er fragte, ob die Juden das Hebräische flüssig lesen und verstehen, und als der Rabbiner antwortete, sie lesen es weniger leicht als .die Italiener das Lateinische, meinte er lächelnd: „Nun auch damit hat es seinen Haken. Das Alte ist nur da, um halb verstanden, halb unverstanden verehrt zu werden." Als der König die Synagoge verließ wurde er von der Gemeinde unter begeisterten Hochrufen hinausbegleitet. Eine neue Inschrift. Bei den Ausgrabungen in Tel Mutesellim ist ein Siegel gefunden worden, das einen Löwen mit offenem Rachen zeigt und die Inschrift trägt: 1Z" d. i. „gehörig Sema," dem Diener Jerobeams. Die Schrift ist alt, das " und i scharf unterschieden. Als Eigenname ist Sema auch biblisch bezeugt. (I. Ehr. 2. 43, 44. 5, 8, 8, 13. Neh. 8, 4.) Das Siegel gehört also wohl einem Beamten Jerobeams II. (785—742) und tritt zeitlich hinter die Mesainschrift (842) und neben die Inschriften von Sendschirili. lieber dies siehe Schwäbischen Merkur vom 3. Juni 1904 Atrratnr. A. Halbert: „Das Rätsel: I u d e." Der Roman eines modernen Juden. Veriag Hans Priebe & Co., Berlin-Steglitz 1904. br. Mk. 2. Aug Wick: „Neue Mensche n." (Roman.) II. Ausl. Verlag Hans Priebe & Co., Berlin-Steglitz, br. Mk. 2.50. Ernst Walter: „A m W e b st u h l der Geschickt e." Kulturhistorische Episode aus dem 19. Jahrhunderte. Dresden. E. Piersons Verlag, 1904. W- Spiegelberg: „Der Aufenthalt Israels in Aegypten" Straßburg 1904. Schlesier & Schweikhardt. Bernhard Münz: „Goethe als Erzieher." Wien und Leipzig. Wilhelm Branmüller, 1904, 115 Seiten. Dr. A. Berliner: „Zur Lehr und zur Wehr über und gegen die kirchliche Orgel im jüdischen Gottesdien st." Berlin. Nathanson & Lamm, 1904. Ludwig Wilser: „Die Germanen." Beiträge zur Völkerkunde. Eisenach und Leipzig. Thüring'sche Verlagsanstalt, 1904, 448 Seiten. (Ausführliche Besprechung obiger Werke Vorbehalten.)

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