Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 26 (1.6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26 Eine beinahe noch interessantere Figur als Herr Demel war sein Verteidiger. Der Mann hatte eine gute Wahl getroffen. Der Stadtrat Dr. Wesselsky, einer der bewährtesten und ausdauerndsten Judenbeschimpfer, war sein Anwalt. Ein Klient darf, auch wenn er wegen eines Raubmordes angeklagt erscheint, selbstverständlich von seinem Advokaten erwarten, daß er unter allen Umständen, alle möglichen Milderungsgründe für ihn geltend machen wird, aber er wird sich in diesem Falle kaum der Illusion hingeben, daß sein Anwalt sich mit ihm identifizieren, seine Tat preisen und glorifizieren werde. Herr Stadtrat Dr. Wesselsky, der selbst die Juden so oft unflätig beschimpft, hatte natürlich von Haus aus alle Sympathien für Herrn Demel, der sich so wacker als Judenbeschimpfer in der Ausstellung produzierte. Es fehlte wirklich uicht viel, daß Dr. Wesselsky schon im Gerichtssaale eine Auszeichnung für seinen Klienten beantragte, anstatt einer Bestrafung. Aber der Verteidiger Demels, Stadtrat Dr. Wesselsky, ging in gewissem Sinne noch weiter. Er führte u. a. aus, daß unter Maria Theresia und Kaiser Josef Gesetze bestanden, in denen gesagt war, daß die Aussagen von jüdischen Zeugen in Prozessen zwischen Juden und Christen als bedenklich aufzufassen seien. Auf Grund solcher Zeugenaussagen dürfte ein Urteil nicht geschöpft werden. Der Hinweis auf diese längst überwundenen Rechtsanschauungen, die im krassen Gegensatz zu den jetzt geltenden Staatsgrundgesetzen stehen, die die Gleichheit aller, ohne Unterschied der Konfession statuieren, bildete eine Beleidigung der Juden, mit der verglichen, dieRed e-E xzesse des Angeklagten Demel an Schärfe und Gemeinheit viel verlieren. Dr. Wesselsky hat durch seine anmaßende, verletzende Rede wirklich einen Milderungsgrund für seinen Klienten geschaffen. Schade nur, daß der Rede dieses Verteidigers nicht jene Züchtigung zu Teil wurde, die sie verdient. % Tolstoj der edle Kämpfer für Recht und Menschlichkeit, hat einen glühenden Protest gegen den Krieg veröffentlicht. Der unerschrockene Mann, der nur eine Furcht kennt, das zu verschweigen, was sein Gewissen ihm zu sagen gebietet, macht den Czaren und dessen mächtige Ratgeber für die Greuel des Krieges verantwortlich. Tolstoj hat anläßlich der grauenhaften Bluttaten von Kischinew seine mahnende und strafende Stimme erhoben, er hat um Erbarmen für die armen russischen Juden gefleht und ihre Verfolger als Unmenschen bezeichnet, die das Christentum verleugnen und verhöhnen. Tolstojs Worte verhallten; das System der Judenverfolgung ist geblieben. Werden die rührenden, erschütternden Mahnungen Tolstojs gegen den Krieg Gehör finden? Wird dem großen Blutvergießen in Ostasien ein Ende gemacht werden? Oestliche und westliche (ttJjtk*). Mit Beziehung auf den in der Nr. 24 der „Wahrheit" vom 17. Juni l. I. erschienenen Aufsatz „Ist der Talmud judengefährlich?" gestatten Sie, geehrter Herr Redakteur, einem fleißigen Leser Ihrer geschätzten Zeitschrift einige Bemerkungen über den die Ethik der östlichen Juden betreffenden Passus. Der uns leider nicht einmal dem Namen nach bekannte Verfasser des rezensierten Buches soll in der Vorrede seiner „Griechischen Philosophie im alten Testament" die Ethik der östlichen, sage polnischrussischen Juden als eine minderwertige bezeichnet haben. Der Rezensent hat es leider unterlassen, auf diese allerdings in nur losem Zusammenhänge mit dem behandelten Gegenstände stehende Frage näher einzugehen. Wir erachten dieselbe aber gerade mit Rücksicht auf die polnisch-russischen Juden für wichtig genug, um von einem östlichen Juden einer neuerlichen gründlicheren Besprechung *) Ohne den in dem obigen Artikel enthaltenen Vorwürfen gegen die westliche Judenschaft ausnahmslos zustimmen zu können, sehen wir uns dennoch veranlaßt, demselben in unserem Blatte Raum zu gewähren, zumal wir die Klarstellung der behandelten Frage durch öffentliche Diskussion für geboten erachten. Die Redaktion. unterzogen zu werden. Die Fürsorge, welche uns die westlichen Juden angedeihen lassen, ist nämlich häufig genug Gegenstand der Bewunderung auch der nichtjüdischen Kreise. Zahllose wohltätige Institutionen und Stiftungen, an deren Spitze die Baron Hirsch-Stiftung für Galizien und Bukowina und die Jewish- Colonization-Association marschieren, wurden ausschließlich zum Zwecke der Verbesserung der Lage der polnisch-russischen Juden ins Leben gerufen. Unsere westlichen Glaubensgenossen opfern mit einem Worte Millionen, um uns materiell und geistig zu heben. Selbst die Gegner der Juden können nicht umhin, auf die nachahmenswerte jüdische Solidarität hinzuweisen. Leider kann aber der östliche Jude, der Gelegenheit hatte, die Verhältnisse besser kennen zu lernen, in das begeisterte Loblied der Opferwilligkeit seiner westlichen Glaubensgenossen nicht einstimmen. Der polnisch-russische Jude wird sich im Gegenteil bald gewöhnen, in dem westlichen Glaubensgenossen einen tückischen Feind zu sehen, denn gerade von dieser Seite werden gegen ihn die boshaftesten offenen und versteckten Angriffe geschmiedet. Unsere Beschützer sind es, die unsere Sprache, unsere Lebensanschauungen, unser Tun und Lassen verlästern, ja selbst unsere ethischen Grundsätze, die doch allen Juden gemeinschaftlich sein sollten, verdächtigen sie, wie im vorliegenden Falle. Beinahe wäre man versucht, das Verhältnis der deutschen Juden zu ihren liberalen nichljüdischen Beschützern und Gönnern in Vergleich zu ziehen. Die beste Gelegenheit, die Lieblosigkeit und Gehässigkeit seiner westlichen Glaubensgenossen kennen zu lernen, hat der polnischrussische Jude, der durch die Verhältnisse gezwungen ist, sich fern von seiner Heimat „im Westen" fortzubringen. Wir wollen nicht auf die wiederholt erörterte Tatsache entgehen, daß es gerade die Spitzen der westlichen Judenschaft sind, die als Arbeitgeber die Juden grundsätzlich übergehen. Aber nicht blos die materielle, sondern auch die moralische Unterstützung versagt uns der westliche Jude, offenbar im Bewußtsein seiner höheren Intelligenz und Ethik. Er fürchtet offenbar, in den Augen seiner andersgläubigen „Freunde" durch den Umgang mit uns diskreditiert zu werden. Diese ablehnende und wegwerfende Haltung trifft natürlich am empfindlichsten den intelligenteren Teil der fremden Juden — die studierende Universitätsjugend, die gerade im Osten von den ethisch „niedrig" stehenden Glaubensgenossen in jeder Weise gefördert wird. Wir bezweifeln daher nicht, daß die seinerzeitige Enunziation unseres hochverehrten Herrn Oberrabbiners, wonach die eingewanderte polnisch-russische Studentenschaft den größten Teil der Taufjuden ausmacht, den Tatsachen entspricht. Leider vergaß der Herr Oberrabbiner hinzuzufügen, „dank dem Einflüsse unserer -höheren* westlichen Ethik". Wenn diese feindselige Haltung dem fremden Juden gegenüber durch den angebornen menschlichen Egoismus sich erklären und vielleicht entschuldigen ließe, sollte man wenigstens annehmen dürfen, daß die oberwähnten zahlreichen Institutionen und Stiftungen in Polen und Rußland Ersprießliches leisten. Wer sich dieser irrigen Anschauung hiugibt, kann in polnischen, hebräischen und auch deutschen Blättern, ja selbst in den reichsrätlichen Protokollen sich gegenteiligen Aufschluß verschaffen. Es wäre zu weitläufig, das uns zur Verfügung stehende Material an dieser Stelle behandeln zu wollen. Wir wollen daher unseren „westlichen" Wohltätern nahelegen, schon im eigenen Interesse, selbst wenn es ihr westliches Taktgefühl nicht heischt, ihren gehässigen Angriffen Einhalt zu tun. Es könnte sonst dazukommen, daß die polnisch-russischen Juden ihren Wohltätern nach dem talmudischen Grundsätze T»b>shö *6 endlich den Rücken kehren und ihre Angelegenheiten in eigene Hand nehmen werden. Wir glauben gern, daß die Ethik des verhungerten polnischen Hausierers, der für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat, sich mit der Ethik des auf seine Rechnung reichlich dotierten Wohltäters nicht deckt. Aber sicherlich hat der erstere einen echt jüdischen Gemeinsinn und ein warmes Herz für seine Glaubensgenossen voraus. r^*HCTfTFYftiT ITtfIlT*i7i iiyBWiwri jmjSHWVjarziir