Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 26 (1.6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063239--03137-3069870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion u. Administration: Wien, II/j Novaragasse 27. Anaöhängige Heitschrift für jüöische Verugspilers: Ganzjährig . . ff. 12.— Telephon Nr. der Druckerei Halbjährig ... ff. 6.— 15302. Inserate Antere^en. Für Cultusbeamte: 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Ganzjährig ... ff. 10.— Erscheint jeden Ir eilag. Abonnementsn. Jnsertions- Für Ausland: betrage sind in Wien zahlbar Ganzjährig ... 3 Mark. und klagbar. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rnbel oder lü Fcs. 26. Wien, 1. Juli 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Oestliche und westliche Ethik. — Konfessionelle Gleichberechtigung in Ungarn. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Interessantes, 500 Jahre altes Grabsteinfragment. — Verschiedene Nachrichten. — Die Heranbildung jüdischer Kantoren. Aie geehrten Kerren Monnenten werden um umgehende Erneuerung des Monnements für das am 1. Juli öegonnene 3* Kuartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Wnterörechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Merteljährig Kr. 3.—, hatöjährig Kr- 6.—, ganzjährig Kr. 12.—. Probenummern stehen zur Verfügung. Die MeöakLion. Ans der Woche. Die Böswilligkeit, mit welcher die antisemitische Presse die Judenhetze betreibt, wird vielleicht nur durch ihre Albernheit übertroffen. Auch die Affaire des Bezirks-Hauptmannes Herway muß zu einer Kampagne gegen die Juden ausgenützt werden, weil die Abenteuerin, durch welche sich der unglückliche Mann täuschen ließ, jüdischer Abstammung sein soll. Täglich liest man in der Zeitung von Betrügerinnen, die den Versuch machen sich Geld, Kredit, Stellung und Gatten zu verschaffen. Kein vernünftiger Mensch ist noch auf die Idee gekommen, aus dem Umstande, daß die Betreffenden zumeist Christinnen sind, eine Anklage gegen das Christentum zu schmieden. Frau von Herway soll die Tochter eines Juden sein, flugs wird sie als Typus der Jüdin hingestellt und das ..Deutsche Volksblatt" lügt sich sofort einen Artikel zusammen, in welchen es u. a. heißt: „Wo wir hassen, da liebt der Jude, wo wir verabscheuen, da bewundert er. Die. Hochstaplerin, die es verstand, nacheinander fünf dumme Gojims zu übertölpeln, fünf Männer von Rang und Stand ins Unglück zu stürzen nnd dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben, sie wird ihm zu einer Art Nationalheldin, zu der er mit staunender Bewunderung emporblickt." Diese ebenso böswillige als alberne Beschuldigung wird natürlich durch nichts bewiesen. Die Lüge muß ihre Wirkung üben, auch wenn sie nicht durch das Atom eines Beweises unterstützt wird, wird sie doch gegen die Juden geschleudert. Der antisemitische Skribler entblödet sich nicht, auch bei diesem Anlasse alle Juden mit seiner verleumderischen Feder zu bespritzen, sie alle zu Mitschuldigen einer Schuldigen zu machen, obgleich er, wenn ihm ein Funken von Rechtsgefühl geblieben wäre, sich sagen mußte, daß in den Gerichtssaal-Rubrcken der Tagesblätter jährlich unzählige Weiber erscheinen, die ähnliches getan wie Frau v. Herway, obgleich sie Christinnen waren; und die antisemitischen Leser, deren Geist durch den korrumpierenden Einfluß ihrer Lektüre urteilslos geworden, glauben die Lüge, obbgleich sie, weiß der Himmel wie ofr, schon in ihrem Leibblatte solche Gerichtssaalheldinnen ü la Frau v. Herway vorgesührt sahen, die sogar unverfälschte — Antisemitinnen waren. * -i- Die Affaire des Herrn Demel, des famosen Magistratsbeamten, welcher in der Spiritus-Ausstellung von den Juden beiläufig mit Ausdrücken sprach, wie sie sonst die großen kommunalen Herren in den Mund führen, hat lvieder die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Die Berufung des Herrn Demel gegen das erste richterliche Urteil ist nicht erfolglos geblieben. Der offenherzige Herr, der öffentlich alle Juden als Betrüger, Fälscher rc. bezeichnete, wird nicht eingesperrt, er muß blos K 200 Strafe zahlen. Er gehl aus der Affaire nicht viel schlimmer hervor, als Herr Löbl, der gegen ihn die Ehrenbeleidigungsklage erhoben hatte, nachdem er von ihm im allgemeinen und dann noch ganz im besonderen beschimpft worden war. Die ganze Differenz besteht in ein paar Kronen, die Herr Löbl weniger zu zahlen hat, welcher die Unvorsichtigkeit hatte, die Schimpfworteflut des Herrn Demel, wonach alle Juden Betrüger und Fälscher seien, mit zwei Bemerkungen zu erwidern: Erstens mit der Erklärung daß Jesus Christus auch ein Jude war; zweitens mit der Bemerkung, daß ein Mann, der mit solchen Beschimpfungen um sich werfe, ein „antisemitischer Lump" sei. Die ans Jesus Christus bezügliche Aeußerung des Herrn Löbl konnte natürlich keinen Gegenstand der Verhandlung bilden, da auch die katholische Kirche den Standpunkt einnimmt, daß der Begründer des Christenthums seiner leiblichen Erscheinung nach ein Jude war. Herr Löbl wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den schimpfenden Magistratsbeamten für einen „antisemitischen Lumpen" ansah, während er offenbar sich damit hätte begnügen müssen, ihn als einen würdigen „antisemitischen Jünger" des Strobach und Neumeyer, des Gregorig und Schneider zu bezeichnen. * * *