Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 25 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 25. Nachbarstadt Straßnitz gegen ihre Herrschaft vergleichen. Außer den bedeutenden jährlichen Abgaben an Geldtaxen, Geschenken und Gewürzen, waren die Juden dort verpflichtet, Eicheln zu sammeln, Getreide zu messen und zu reinigen, Hopsen zu pflücken, Heu einzuführen, Holzstämme zur Brettsäge zu befördern, bei der. Schafschur die Wolle in Säcke zu packen, den Arbeitern im Schlosse Handlangerdienste zu leisten, Gartengewächse in dürren Zeiten zu begießen, in den Obstgärten Aepfel %n pflücken, als Briefboten in bis auf zwei Meilen entfernte Dörfer zu gehen; selbst die Jüdinnen waren verpflichtet, Säcke zum herrschaftlichen Gebrauch ohne Bezahlung zu nähen. . (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie». (N a ch t r ä g l i ch c s zur heurigen Mädchenkon-- f i r m a t i o n.) Von den über 400 Konfirmandinnen dieses Jahres fanden sich heuer über 70 Mädchen int Stadttempel zur ersten diesjährigen Mädchenkonfirmation ein, bei der Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann eine besonders feierliche Ansprache hielt und die weibliche Jugend mit warmen eindringlichen Worten ermahnte, nach Verlassen der Schule der angestammten Religion Liebe und Treue auch weiter zu bewahren. Der Tempel war dicht von Festleilnehmern besetzt und vollzog Herr Oberkantor Singer, assistiert vom Tempelchore, meisterhaft seine kantöralen Funktionen. — Einige Tage später fanden nch IM Konfirmandinnen im großen Leopoldstädter Tempel ein, um der feierlichen Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl, der die drei großen Frauen unserer Geschichte Sara, Debora und Hanna den Mädchen im Geiste in herrlicher, tiefdurchdachter Rede vorsührte, zu lauschen. Die Worte machten tiefen Eindruck. Bis zum letzten Plätzchen war der Tempel gefüllt. Herr Oberkantor Guttmann sang begleitet vom trefflichen Chore vorzüglich. Hier erhielt auch jede Konfirmandin vom Kultusvorstande Herrn Dr. Schmiedls neueste Schrift: „Die Konfirmationsfeier der weiblichen Jugend in ihrer hochwichtigen religiösen Bedeutung", deren Lektüre, ob des tief ernsten religiösen Geistes darin, allen Familien besonders empfohlen werden kann, und in beiden Tempeln erhielt außerdem jedes Mädchen vom Vorstande ein Mannheimer-Gebetbuch im Prachtbande zum Andenken an die wirklich erhebende Feier, der auch ein sehr großes und feines Publikum in allen Tempeln beiwohnte. Wien. Der Gründer und Obmann des Vereines „Tefilas Hanorim", Herr Heinrich Joachim-Gollerstepper, H. Stefaniestraße 3, vollendet am 28. d. M. fein 80. Lebensjahr, aus welchem Anlasse dem verdienten Manne gewiß mannigfache Sympathiekundgebungen zugedacht sind. Mit Rücksicht auf seinen leidenden Zustand wäre es jedoch angezeigt, von persönlichen Besuchen abzusehen und ihm die Beweise der Verehrung und Wertschätzung schriftlich zukommen zu lassen. Herr Gollerstepper studierte in den Sturmtagen 1848 an der Wiener Polytechnik und widmete sich später dem Kaufmannsstande. Einer seiner Söhne ist Prokurist eines Wiener Großhandlungshauses und ein bekannter Kalligraph, der jüngere ist der auch in Schriftstellerkreisen bekannte Sekretär des Gisela-Vereines. Wien. In seiner letzten Sabbathpredigt im Stadttempel forderte Herr Oberrabiner Dr. Güdemann die Gemeindemitglieder auf, sehr zahlreich dem neu zu gründenden jüdischen Palästina-Kolonisations-Vereine beizutreten und legte allen die Förderung der Bestrebungen dieses Vereines besonders ans Herz. Die Worte machten tiefen Eindruck. Wien. Der Kantor der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Herr Leop. Serebrenik, wurde mittels Plenarbeschlusses zum ersten Kantor für den Gemeindetempel, XVIII., Schopenhauerstraße 39, ernannt. Wien. Wie uns aus Z.-Egerszeg berichtet wird, hat Herr Kantor Sigm. Bender aus Czernowitz, der am jüngsten Sabbath hier im XX. Bezirk einen Probevortrag abhielt, auch dort mit seinem Vortrag und mit seiner schönen Stimme vielen Beifall gefunden. Herr Kantor Bender fungiert seit 16 Jahren in seiner gegenwärtigen Stellung zur vollsten Zufriedenheit seiner Gemeinde. Wien. (Todesfall.) Im Garnisonsspital Nr. 1 ist am 17. d. M. morgens nach langem schwerem Leiden der Oberlieutenant im 6. Landwehr-Uhlanen-Regiment Max Schlesin g e r im 34.Lebensjahre gestorben. Der junge Mann, ein Sohn des in den Achtzigerjahren verstorbenen Generalrates Schlesinger von der Anglobank und ein Bruder des Hofnnd Gerichtsadvokaten Dr. Alfred Schlesinger, war in der Wiener Gesellschaft, in Kunst- und Sportkreisen sehr bekannt und beliebt. Die Beerdigung fand am 19. b. M., 9 Uhr vormittags, vom k. und k. Garnisousspital Nr. 1 aus statt. Mit militärischen Ehren, in Anwesenheit zahlreicher Berufskollegen und des Offizierskorps wnrde der Verblichene zu Grabe getragen. Wien. Fräulein Mimi Berliner hat sich mit dem Kaufmanne Herrn Sigfried Lindenfeld verlobt. Wien. (S ch luß - I ug e n d g o t te s d i e nfi In Margareten.) In Abänderung der Einteilung für den Schluß-Jugendgottesdienst wird zur Kenntnis gebracht, daß der feierliche Schlußgöttesdienst im Tempel, V., Margarethenstraße 73, anstatt am 9: Juli, am 25. Juni 1904 stattfinden wird. : Triest. Gegen den bekannten und angesehenen. Großkaufmann Giuseppe Morpurgo wurde heute Mittags;int israelitischen Wohltätigkeitsverein in der Bia Torre, dessen Vizepräsident er ist, ein Attentat vollführt. Herr Morpurgo war eben mit einigen, gleichfalls dem Verein angehörenden Herren im Gespräch begriffen, als zwei Levantiner in den. Saal geführt wurden. Einer dieser beiden Männer legitimierte sich als der 40jährige Markus Hana aus Korfu, der erst im Jänner d. I. nach Triest gekommen ist, und erbat eine Unterstützung. Es wurde ihm daraufhin bedeutet, zu . warten. Als sich Herr Morpurgo in ein anderes Zimmer begab, um die Anliegen von anderen Bedürftigen zu prüfen, trat der Levantiner Hana unbemerkt ein und versetzte Herrn Morpurgo meuchlings mit einem dreikantigen Dolche einen Stich in die rechte S.eite, worauf er und sein Komplize die Flucht ergriffen. Beide wurden jedoch verfolgt und auf der Straße festgenommen. Herr Morpurgo, der zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundet wurde, sprach die Ueberzeugung aus, daß er das Opfer eines gedungenen Mörders geworden sei, weil er in einem im Stadium . der Voruntersuchung befindlichen Verleumdungsprozesse gegen das Blatt „Jl Sole" als Zeuge aufgetreten ist. Der Wrmderraööi. Von M. Markstein. In einem Dorfe unweit des Marktfleckens N. in Ostgälizien lebte ein jüdische Familie, deren Oberhaupt, Moses der Rotbärtige genannt, seit mehreren Jahren ein Brauhaus in Pacht hätte. Und Gott segnete ihn, daß er zu den wohlhabenden Männern der Gemeinde gezählt wurde und wirklich auch zum. Besitze eines großen Vermögens gelangte. Neidische Menschen aber, wie es überall solche in der Welt gibt, mißgönnten ihck sein Glück und erwarteten ungeduldig die Zeit, in der die Pacht des' Brauhauses ablies. Ohne darauf zu ächten, daß unser tätiger^ gottesfürchtiger Moses eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte, begaben sich mehrere seiner Feinde zum Grundherrn und Eigentümer seiner Pacht, einem polnischen Edelmanne, setzten ihm auseinander, Mie schändlich er von seinem Moses hintergangen werde,, wie er sein Zutrauen mißbrauche, wie seine Heuchelei mir dem Eigennütze zur Basis diene, und boten ihm zu seinem großen Erstaunen den doppelten Pachtschilling für das Bräuhaüs an. Der Schlachziz, entrüstet und im gerechten Zorne, ließ bald daraus den Moses zu sich kommen, überhäufte ihn mit Vorwürfen wegeü seines unedlen Charakters und kündigte ihm die Pachtung auf, falls er sich nicht gutwillig herbeilasse, in' die neuen Bedingungen einzugehen, die ihm soeben gestellt wurden7 Jedoch eingedenk der mehrfachen Dienste, die sich ihre seligen Väter gegenseitig erwiesen, und des Vorrechtes, das er vor seinen Konkurrenten habe, ermäßigte er ihm gegen das Angebot der Letzteren den Pachtschilling um zweihundert Kronen. Moses, in tiefster, ehrfurchtsvoller Verbeugung vor seinem Herrn, bat um eine kleine Frist zur Ueberlegung, entfernte sich mißmutig mit gesenktem Haupte und ging wankenden Schrittes in die Wohnung seiner Lieben, wo ihn seine treue Gattin mit Sehnsucht erwartete, um Auskunft zu erhalten über seinen diesmaligen Gang in den Edelhof. Nachdem Möses kaum die Schwelle seiner trauten Hütte betreten hatte, verrichtete er, seiner Gewohnheit gemäß, unter Aechzen und Stöhnen sein Abendgebet. Nach Beendigung desselben schüttete er vor seiner neugierigen Ehehälfte sein Herz, aus und erzählte ihr von der Unterredung mit dem Pan Schlachziz. Aber die Seele Berurias, so hieß das wackere Weib, durchzuckte gleich ein Hoffnungsstrahl und mit würdig gehobener Stimme sprach sie: „Moses, mein teuerer Gatte, hier ist guter Rat teuer, und Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs zuvor, dann unser heiliger, göttlicher, aus der ganzen Welt gepriesener Rabbi in B. kann nur raten und helfen. Er, der alle unsere Geschäfte, unser Handeln und Wandeln durch seinen Segensspruch gedeihen läßt, wird auch diesmal Helsen. Morgen gleich mußt Du zu ihm fahren; nimm Dir eine reichliche Summe Geldes mit, spende sie dem Heiligen und alles wird sodann nach Wunsch gehen!" „Du hast ganz recht, mein kluges, wackeres Weib!" sagte Moses tief ausatmend. Wie gesagt, so getan. Mit frühestem Morgengrauen verließ Moses seine Lagerstätte, auf welcher er vergebens in den Armen des Schlafes Ruhe gesucht hatte, betete lange, lange zu Gott um das Gelingen seines Vorhabens,- sattelte hierauf seinen Esel, belud ihn reichlich noch mit manchen Spenden und begab sich auf den Weg zum Rabbi. Am Ziele seiner Pilgerschaft angelangt, brach er sich Bahn durch die dicht gedrängten Reihen der frommen, hier schon lange