Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 25 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Die Wahrheit Leite 9. wartenden Pilger und verschaffte sich teils durch rührende Morte, teils durch schweren Händedruck, Zutritt zum Tempel des Zadik, legte auf seinen Altar seine reiche Spende, erzählte hierauf den Zweck seines Herkommens und befragte das Orakel um den Ansgang seiner Angelegenheit. ' Da richtete der Wnnderrabi sein wonnestrahlendes Antlitz gen Himmel hob seine Hände und lieg sie segnend auf das sorgenvolle Haupt Moses nieder mit den Trost und Zuversicht bringenden Worten: „Moses, mein treuer Sohn, kehre in Frieden heim, Deine Pacht bleibt bei Dir, wie sie mar!" Wer war jetzt glücklicher als Moses? Nengestärkt und voller Zuversicht trat er hierauf die Heimreise an, um seiner gewöhnlichen Beschäftigung nachzugehen, da die göttlichen Worte des Rabbi seinen Mut so sehr gehoben hatten. Nach wenigen Tagen aber kam wieder ein Bote des Edelmannes und forderte den Moses auf. sogleich beim gestrengen Herrn zu erscheinen. Festen Schrittes ging er dahin und erklärte dort, es sei sein Entschluß., das Bräuhans weiter in Pacht zu halten, aber um den früheren rechtmäßigen Preis. Der in Wut versetzte Schlachziz erwiderte hierauf kurz und barsch: „Moses, Du Heuchler und hartnäckiger-Sohn Israels, binnen acht Tagen komme den neuen, von Deinen eigenen Glaubensgenossen gestellten Bedingungen nach, sonst wird Deine Reue zu spät sein!" Aber der kleinlaute Moses gab keine Antwort mehr und verließ den Edelhof. Nach wenigen Stunden finden wir den auf Gott und die Heiligkeit seines Auserkorenen Vertrauenden wieder zu Füßen des Rabbi, um von ihm neuerdings Hilfe zu erbitten. „Moses, Moses, mein treues Schaf," sprach der Rabbi, „der Edelmann muß Dir die Pacht belassen, wie sie bis nun war, denn ich will es so haben. Und zum Zeichen, daß es so ist und nicht anders, verpachte ich Dir das Bräuhaus auf so lange Du es nur haben willst, ich behebe von Dir ein Angeld," welches sogleich unter Wünschen und Danksprüchen eingehändigt ward. Moses kehrte jetzt frohen Mutes und heiteren L-innes nach Hause zurück, triumphierend über seinen bis nun unbeugsamen Gebieter. Dieser nichts ahnend, daß über das von seinem seligen Vater ererbte Besitztum ein fremder, ihm ganz unbekannter Andersgläubiger schon verfügt habe, sah die letzte Frist verstrichen und am Vorabende, an dem Moses das Brauhaus zu übergeben hatte, befahl er ihm, gleich zu erscheinen. Als Moses dort anlangte, sprach er nicht mehr demütig, sondern vielmehr erkühnt zum Edelmanne: „Was willst Du von mir noch haben, ich habe bereits unsere Sache geordnet und bleibe in der Pacht wie bisher." „Unverschämter Trotzkopf, morgen um die zehnte Stunde," sprach der zornige Pole mit donnernder Stimme, „sollst Du mein Bräuhaus räumen, sonst lasse ich Dich durch meine Leute mit den Deinigen über die Grenzen meines Gebietes schaffen." „Nein, das soll nimmer geschehen, das darfst und kannst Du nicht mehr; gestern habe ich von unserem weitgepriesenen, allgewaltigen Rabbi in B. das Bräuhaus gepachtet, und der droht Dir, Deiner Frau und Deinen Kindern Verdammnis, wenn Du sein mir im Namen Gottes gegebenes Wort brichst." „Was willst Du mit Deinem Rabbi, was geht er mich an, hat er über mein Eigentum zu verfügen?" sprach der Schlachziz halb lachend, halb entmutigt und wußte selbst nicht, was mit ihm geschah und was in ihm vorging. Sv sehr hatten diese Worte auf ihn gewirkt, und fast gedemütigt reichte er diesmal dem Moses, was fast nie seine Gewohnheit war, einen Stuhl zum Sitzen, ersuchte ihn eine Weile zu warten und begab sich in das Gemach seiner Gattin. Diese eine junge, holde, anmutsvolle Frau, ruhte in einem weich gepolsterten Lehnstuhle, und ihr blasses Gesicht zeigte Spuren schleichenden Siechtums und eingebüßter Jugendfrische. Ihr erzählte der Edelmann seine Verhandlung mit dem Juden Moses, das eigenmächtige Verfahren seines Wunderrabbis und die freche Drohung desselben. „Wie, mein teuerer Gemahl," sprach sie mit zitternder Stimme und kränklichem Tone, ..hast Du denn nichts von den Wundermärchen dieses Rabbi gehört, die neulich unser Hoffaktor und Propinationspächter erzählten; lasse ab von Deinem Vorhaben, gib dem Moses nach, was er verlangt, laß' seinen Willen geschehen, diese wenigen -Hunderte von Kronen beglücken uns nicht, wir sind ohnehin an Geld und Gut gesegnet, und Moses ist und bleibt unser Jude und dieser Rabbi sein Wundertäter." Unter dem Eindruck dieser Worte verließ der Edelmann seine kranke, vielgeliebte Gemahlin und kehrte zu Moses zurück, der mit Ungeduld sein Urteil erwartete. Aber welche Veränderung! Der sonst so strenge, nur gebieterische Pole setzte sich neben den Juden, und im freundlichen, herablassenden Tone sprach er: „Es geschehe der Wille Deines Wunderrabbi, die Pacht bleibt bei Dir. solange Du sie nur haben willst, und trinke mit mir ein Gläschen beim Abschlüsse dieses Geschäftes; nur erzähle mir manches von seiner Wunderkraft!" Darauf begann unser Moses begeistert mit ernster, gehobener Stimme, den roten Bart streichelnd und die Haarlöckchen glättend, solche Wunderwerke mit den lebhaftesten Bildern zu malen, die wahrlich nur der Allmacht Gottes gleich kamen: wie er Blinde sehend, Stumme redend, Taube hörend. Lahme gehend macht, alle Kranken heilt, den Unfruchtbaren den Mutterleib aufschließt. Besessene von bösen Geistern befreit, Märchen, denen nur ein im tiefsten Aberglauben versunkener und geblendeter Mensch Glauben schenken kann. Und doch fanden diese bei dem gebildeten polnischen Schlachziz Gehör und volles Vertrauen, was er dadurch bezeugte, daß er wenige Tage nachher den gleißnerischen Moses zu sich bat, ihm einen vollen Wagen mit wertvollen Geschenken gab, die er in aller Ergebenheit dem Wundertäter von Rabbi übermachen möchte, damit er auch Heil und Hilfe seiner kranken Frau bewirke._ Keschäftsnolizen. „Atlas". Lebens-, Militärdienst- und Renten-Bersicherungs-Aktien- Gesellschaft in Wien, I., Goldschmidgasse 10. In der am 16. d. abgehaltenen vierten ordentlichen Generalversammlung wurde der Jahresbericht pro 1903 vorgelegt. Aus demselben geht hervor, daß 5336 Anträge über eine Versicherungssumme von X 13,963.370, sowie K 28.470 Jnvaliditäts- und X 14000 Leibrente eingereicht wurden, 4725 Polizzen über X 11,257.707 Versicherungssumme, sowie X 28.470 Jnvaliditäts- und X 14.000 Leibrente zur Ausstellung gelaugten. Der Versicherungsbestand am 31. Dezember 1903 hat sich von 8125 Polizzen über X 21,633.800 Versicherungssumme und X 8614 Rente aus 9999 Polizzen über X 24,042.597 Versicherungssumme, sowie X 25.170 Jnvaliditäts- und X 14.000 Leibrente erhöht. An Prämien wurden insgesamt X 954.77712 vereinnahmt, das ist um X 127.513-72 mehr als im Vorjahre. Die Prämienreserve ist gegen das Vorjahr um X 529.377 68 auf X 1,664.107-84 gestiegen. Die Organisationskosten wurden zur Gänze aus der laufenden Rechnung getilgt, und zwar ohne Inanspruchnahme des Organisationsfonds. Nach Genehmigung des Rechenschaftsberichtes wurde gemäß dem Anträge der Revisoren dem Verwaltungsrate und der Direktion das Absolutorium erteilt und beschlossen, aus dem Ueberschuffe per X 20.118 dem Dividenden-Reservefond X 12.000 zuzuweisen und den Rest auf neue Rechnung vorzutragen. Die turnusgemäß ausscheidenden Berwaltungsratsmitglieder Herr Dr. Fritz Haas und Herr Direktor Ludwig Finessewert werden wieder- und die Herren Justizrat Dr. Friedrich Rosenthal und Konsul Alfons Bruckmann neugewählt. Victoria zu Berlin, allgemeine Versicherung^ - Aktieu- Gesellschast. Vor uns liegt der Rechenschaftsbericht pro 1908, welcher ein seltenes Bild emsiger Arbeit und umsichtigster Leitung entrollt. Diese Weltanstalt har im abgelaufenen Jahre ein Erträgnis von nahezu 21 Millionen Mark erzielt, eine Leistung, die bisher von keiner Anstalt auch nur annähernd erreicht wurde. Die Ziffern selbst sprechen Kommentare und ist ein weiteres Wort überflüssig. Die am 31. Mai d. I. abgehaltene Generalversammlung der Aktionäre genehmigte die Verteilung des in dem Geschäftsjahr 1903 erzielten Ueberschusses entsprechend dem Vorschlag des Aufsichtsrates und der Direktion. Er belief sich auf Mk. 20,790.357-85 gegenüber Mk. 18,210.46183 im Vorjahre Bon dem Ueberschuß erhalten die Aktionäre der Victoria eine bare Dividende von Mk. 270 pro Aktie und die mit Gewinnanteil Versicherten zusammen Mk. 19,154.862-91. Gleich im Anfang des Jahres überschritt die Victoria denLebensversicherungsbestand von einer Milliarde Mark, zuerst und bisher allein von allen Gesellschaften des europäischen Kontinents. Am 26. September 1903 blickte die Gesellschaft auf eine 50jährige Tätigkeit zurück. Dem Rechenschaftsbericht ist daher ein kurzer Ueberblick über die gesamte Entwicklung der Gesellschaft vorausgeschickt. Am Jubiläumstage betrug die Zahl der Bureaubeamten auf der Direktion 1100, die der Angestellten überhaupt 5000, die Agenten ungerechnet.