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Die Wahrheit · 1904-06-24 · Heft 25 (24.6.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 25 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit dir. 25. Durch diese Männer ist Israel nach Gottes Ratschluß zum Volk der Religion geworden; wirklich wertvoll an Israel ist nur seine Religion und verglichen mit den übrigen Religionen als Gesamterscheinungen ist die israelitische in ihrer Gesamtheit Offenbarungsreligion. Durch eine fortdauernde, im Kampf mit dem gemeinen Menschengeist sich durchsetzende Erziehung hat Gott dieses Werk in Israel vollbracht; diese Erziehung Gottes ist nicht in eine Urkraft oder Uroffenbarnng beschlossen, wir denken uns Gott nicht als einen sterbenden Vater, der bei seinem Hingang den unmündigen Kindern seine Erziehungsgrundsätze hinterläßt, sondern als einen lebendigen Vater, der die Erziehung seiner Söhne beständig besorgt. Die Erziehung Gottes ist auch nicht mit dem identisch, was im Alten Testament steht; wir dürfen im Gegenteil gerade dem jüngstgeführten Streit um die babylonischen Funde dankbar sein, wenn er das Verständnis dafür verbreitert hat, daß im Buch der israelitischen Religion allerlei Menschliches und Mangelhaftes sich findet, mancher Ausspruch des jüdischen Rassengeistes, manche kindliche Gottesdarstellung, manche Verirrung ins Kleinliche und Aeußerliche, Erscheinungen, die den alten Jnspirationsglauben in die Schranken seiner Berechtigung zurückweisen möchten. Israel hat späterhin seinen besonderen Beruf selber erkannt und hat sich deswegen den Erstgeborenen Gottes genannt, und obwohl auch außerhalb Israels echte Religion lebte, ist dieser Anspruch doch richtig und ist Israel doch das Volk der Religion gewesen, wie auch außerhalb Griechenlands echte Kunst war und wir doch die Griechen das Volk der Kunst nennen dürfen. Es scheint, daß die antiken Völker die Bausteine zum Fundament des geistigen Baues der Menschheit Zusammentragen mußten, wobei jedes Volk seine besondere Aufgabe hatte, und es scheint, daß sie noch mehr als die Völker von heute auf diese Aufgabe beschränkt waren, um Großes in ihr zu leisten: wie die Griechen die klassische Kunst herbeibrachten, die Römer das Rechts- und Staatswesen, die Babylonier den Sinn für die gesetzmäßige Bewegung der irdischen und der himmlischen Welt, so die Israeliten die Religion.- Was also Babylonien der Welt geleistet hat, das ist eben nicht die Religion, sondern das Verständnis für die zahlenmäßige Ordnung des Weltbildes; was Israel der Welt geleistet hat, liegt nicht im Gebiet der Kultur, sondern der Religion. Und wir erfahren durch einen Vergleich zwischen Babylonien und Israel, daß ein Völkchen kulturell von dem größeren Nachbarn abhängen mag und doch hinsichtlich der Religion und Sittlichkeit einen durchaus eigenen und weit bedeutenderen Weg geführt werden kann. Fassen wir zusammen, was wir von den babylonischen Ausgrabungen lernen: Die Keilinschriften machen uns die Geschichte Israels lebendig und hell; sie zeigen, wie das Bauernvölkchen der Israeliten auf dem babylonischen Kulturboden aufwuchs, wie es in die Weltpolitik der Großmächte hineingezogen wurde, wie es sich tapfer wehrte und wie es tapfer unterlag. Die Keilinschriften lehren uns ferner, daß das Volk Israel auch in kultischer und religiöser Hinsicht manches von. dem großen und älteren Bruder übernahm; wir sind dankbar dafür, daß wir einige Vorlagen biblischer Berichte kennen lernten; wir werden dadurch aufgefordert, das Menschliche und das Göttliche an der biblischen Geschichte zu unterscheiden, die menschliche überkommene Form und den göttlichen prophetischen Geist, der die babylonische Form original und meisterlich behandelte. Wir können gerade aus den Keilinschriften beweisen, daß die prophetische Religion Israels etwas Einzigartiges war und daß dieses Einzigartige aus Babel nicht erklärbar ist; vielmehr ruht es auf der Selbsterschließung und auf der eigenhändigen Erziehung Gottes. Für die Bibel dienen also die Keilinschriften mehr indirekt als direkt, mehr in Peripherischem als in Zentralem. Weitaus das Wichtigste, was wir von den Ausgrabungen lernen, liegt auf dem Gebiet der Profangeschichte und der Profankulturgeschichte. Hier haben die Keilinschriften bis jetzt schon Großes geleistet. Sie wecken einen Toten auf, der Jahrtausende lang im Schlaf lag. Dieser Tote ist die alte babylonische Kulturmacht; wir sehen mit Staunen, wie schon zwischen 4000 und 3000 v. Ehr. eine gewaltige Kulturwelt lebte und wirkte, weithin sich ausbreitete und in manchen Erbstücken bis jetzt noch fortdauert. Diese Kulturwelt ist für uns interessant auch ganz abgesehen von der Bibel und von der Beziehung zu Israel; wir haben so viel Freude an der Geschichte, daß mir sie um ihrer selbst willen, nicht bloß um der Religion willen betrachten. Es gelüstet den menschlichen Geist, alle Fernen des Weltalls zu erkennen, von einem Pol zum andern, es gelüstet ihn . gleichermaßen, alle Fernen längst vergangener Zeiten zu ergründen und bis zu den Anfängen des Menschengeschlechtes grabend und tastend vorzudringen. Und weil die Kunde von den babylonischen Ausgrabungen in den letzten Monaten weithin in der zivilisierten Welt gehört wurde, dürfen wir vielleicht hoffen, daß dadurch bei denkenden Männern und Frauen der Sinn für das Werden der Dinge um einen Grad freier und weiter geworden ist. ttalsenfanatismns. Folgenden bemerkenswerten Aufsatz lesen wir in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Renaissance": Georg Semper veröffentlichte jüngst in der Frankfurter Zeitung einen bemerkenswerten Essay über die Oberflächlichkeit, die heutzutage mit dem Begriffe Rasse verbunden wird. Er ist nachgerade eine Art Zauberboden geworden, aus dem taschenspielermäßig alles Menschliche von dem physischen Naturgrund bis zu den größten Tiefen des Geistes herausgeschöpft wird. Gerade wegen seiner Dunkelheit und der Geringfügigkeit des exakt erkannten Materials eignet er sich so gut zu mystischen Spekulationen. Den Gipfelpunkt der Stupidität erreicht der Rassenglaube, wenn er Christus zum Arier macht, worauf jetzt jeder echter Germane schwört. Daß Matthäus und Lukas das Geschlechtsregister Jesu sorgfältig aufführten, daß Maria selbst im Talmud als „Tochter Elis", wie bei Lukas 323 bezeichnet wird, daß Christus in stehender -Redeweise als Sohn Davids angeredet wird und die Abstammung von Juda als das allernotwendigste Kennzeichen des Messias galt — das alles wiegt keinen Pfifferling; denn es steht ja in der Bibel! Daß auch nicht ein Schatten empirischen Anhaltes für die gewagte These aufzutreiben ist, macht auch nichts. Christus muß Arier sein; denn seine Denkart und sein Charakter ist arisch — so dogmatisiert Chamberlain, und da der geistige Habitus durch die körperliche Abstammung bestimmt wird — wieder ein Dogma — so muß Christus Arier sein. Einem anerkannten Gelehrten gegenüber, der sich wegwerfend über solche Argumentation geäußert, erwidert der englische Phraseur: „Am Schluffe des 19. Jahrhundertes durfte ein Gelehrter noch nicht wissen, daß die Form des Kopfes und die Struktur des Gehirns auf die Form und Struktur der Gedanken von ganz entscheidendem Einflüsse sind, ... er durfte nicht wissen, daß gerade die Gestalt des Schädels zu jenen Charakteren gehört, welche mit unausrottbarer Hartnäckigkeit vererbt werden, so daß durch kraniologische Messungen Rassen unterschieden und aus gemischten noch nach Jahrhunderten die atavastisch auftretenden ursprünglichen Bestandteile dem Forscher offenbart werden; er durfte glauben, daß die sogenannte Seele außerhalb des Körpers ihren Sitz habe und ihn wie eine Puppe an der Nase herumführe." Mögen wir also die Sache ansehen, wie wir wollen, für Herrn Chamberlains „idealistische" Denkweise ist nicht allein die Persönlichkeit, sondern die Schädelform Jesus ein Moment von kardinaler Bedeutung. Dazu bemerkt Semper: „An dieser Stelle gerade enthüllt sich die ganze Nichtigkeit des souveränen Dilettantismus, der die Ideen wie die Menschen vergewalttgt und um so hohler erscheint, je pompöser er sich geberdet. Denn diese moderne Methode, die auf den unsichersten und fragwürdigsten Fundamenten der Anthropologie und Biologie, der Psychologie und Sprachforschung ein Kartenhaus aufrichtet, will in einem Atem den Menschen als Gattungswesen verstehen und hiedurch sein Aller-

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