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Die Wahrheit · 1904-06-24 · Heft 25 (24.6.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 25 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25. Die Wahrheit Leite 5. Und mit welchem Nachdrucke empfiehlt Jakob den Juden ihren nationalen Selbstmord herbeizuführen! .Verschwindet! ruft er ihnen zu. Verschwindet mit eueren orientalischen Physiognomien, mit dem von eurer Umgebung abstechenden Wesen! Nehmet die Sitten, Gebräuche und die Religion eurer Wirtvölker an, suchet euch mit ihnen zu vermischen! Der ganzen Lehre weiser Sinn lautet: Streifet alles Jüdische von euch äußerlich und innerlich ab und ihr seid erlöst. Einen besseren Rat hat auch Bileam den Juden nicht geben können. Aber Bileam war kein Jude und der Lemberger Doktor Elias Jakob ist es — leider. Das Judentum wird sich das Recht zu „sein", niemals nehmen lassen. Die langen Leiden haben seinen Willen nur gestählt und ihm die Liebe zum Leben nicht geraubt. Das Judentum hofft auf eine bessere Zukunft, weil es an einen Gott und an eine Menschheit glaubt. Trotz der unsäglichen Leiden, die es seit seinem Bestehen zu erdulden hat, verzweifelt es nicht an dem Fortschritte der Menschheit, sehnt es jene allerdings noch in der Ferne liegende Zeit herbei, in der sich alle Menschen als Brüder, als Kinder eines Gottes fühlen und schätzen werden. Der .Laß gegen die Inden ist nur ein moralisches Armutszeugnis für die sie umgebenden Völker, welche noch immer sich von niedrigen Trieben leiten lassen. Und der niedrigste Trieb, sagt Lazarus, ist der Rassen- oder Stammeshaß, der niedrigste, weil er der tierische ist, der unter den Tierarten entbrennt, aus keinem andern Grnnde als wegen ihrer Verschiedenheit. Warum sollte der Rassenhaß nicht einmal verschwinden? Wir Juden hoffen darauf, ja noch mehr, wir glauben daran und lassen uns diesen Glauben auch nicht von Dr. Elias Jakob nehmen. Wir bleiben Juden! Die Dedentnng der babylonischen Ausgrabungen für Israel. (Schluß.) Diese religionsgeschichtliche Theorie von der Verbreitung des Monotheismus als einer babylonischen Spekulation und von der allmählichen Entwicklung der israelitischen Religion aus der babylonischen Kultur heraus hat indes wenig Wahrscheinliches und Befriedigendes an sich. Denn einmal hat der Glaube an den einen Gott Jahwe in Israel nicyt als eine spekulative Idee priesterlicher Kreise begonnen, sonderst als eine durchaus praktische Angelegenheit des religiösen Gemüts, wobei Jahwe zunächst nicht zur Welt, sondern zu Israel in Beziehung gesetzt ivar. 'Die eigentliche monotheistische Theorie, das Bewußtsein von der Weltbedeutung des früheren Volksgottes Jahwe, und damit die dogmatische Beweisführung und Polemik sind in Israel soviel wir sehen erst mit Deuterojesaia recht lebendig geworden. Sodann aber ist es unmöglich, die Religion Israels bloß als eine Fortentwicklung der babylonischen Urform zu verstehen. Gerade die genauere Kenntnis der babylonischen Kultur und Religion, die wir durch die Ausgrabungen erhielten, hat die totale Verschiedenheit der israelitischen undder babylonischen Religion klar gestellt. Wenn auch einzelne Aehnlichkeiten in Form und Inhalt da sind, der Geist beider Religionen ist ein grundsätzlich anderer und bewegt sich gerade in entgegengesetzter Richtung, der eine in der Richtung des Vergänglichen, der andere in der Richtung des Ewigen. Erinnern wir uns noch einmal, mit welcher Ueberlegenheit der israelitische Glaube die babylonischen Urgeschichten aus dem Dunkel in seine reine Atmosphäre zwang, oder vergleichen wir die Bußpsalmen der Babylonier, das literarische Kleinod ihrer Religion, und die Bußpsalmen der Hebräer, so erkennen wir diese grundsätzliche Verschiedenheit. Und was wir in Babylonien an echter Frömmigkeit finden, sind Ausnahmen, vereinzelte Höhepunkte, Lichtblicke einzelner erleuchteter Geister, die ihr Geheimwissen für sich behielten, in eigenem Interesse oder weil die Masse unreif dafür war. Daneben breiten sich in der babylonischen Religion die blinde Vielgötterei und der Bilderdienst, die Zauberei und der unsittliche Naturdienst ungehemmt und als bte wesentlichen Stücke des eigentlichen offiziellen Kultus aus. In Israel dagegen sehen wir fast von Anfang an, d. h. von Mose bezw. Abraham an, den wirksamen Kampf zwischen den Vertretern der höheren Welt und den Vertretern des Diesseits, zwischen den Predigern der kultlosen Sittlichkeit und der opserverlangenden Priesterschaft, zwischen den Propheten und den Politikern, und diese Vertreter Gottes ziehen sich mit threm Glauben und Wiffeu nicht in die Mysterienwelt zurück, sondern sie predigen es laut auf der Gaffe; sie unterliegen zwar bei Lebzeiten, aber es gelingt ihnen doch, daß das Volk im Lauf der Jahrhunderte an den Einen Gott als an den Schöpfer und Regenten der Welt glaubt, daß es seine sittlichen Gesetze für selbstverständlich hält, und daß die Predigt mehr gilt als der Kultus, die Synagoge mehr als der Tempel. Und zwar haben die Vertreter der Religion und der Sittlichkeit in Israel diesen ihren Kampf zum Teil gerade im Gegensatz zu den religiösen Uebungen und Anschauungen der benachbarten babylonischen Großmacht geführt und haben ihrem Volk an diesem Gegensatz die eigene Wahrheit klar zu machen gesucht. Außerdem ist es vor allem eine Erscheinung gleich beim Eintritt der israelitischen Religion in die Welt, die diese Religion als etwas Einzigartiges ans den Religionen heraushebt, das ist die Erkenntnis von dem geschichtlichen Wesen des Jahwegottes, dessen größte Taten in der Führung seines Volkes, in dessen äußerer und innerer Organisation geschehen. Damit ist dieser Gott Israels von vornherein über die Götter der Natur hinaufgestellt und die israelitische Weltanschauung weit mehr mit geschichtlichem und sittlichem Gehalt gefüllt als die babylonische, deren Kern die äußere siderische Ordnung und deren Konsequenz die Verehrung des Naturhaften gewesen ist. Und wie die Religion Israels von Haus aus den geschichtlichen Zug an sich hat, so erkennen wir in ihr auch im ganzen weiteren Verlauf, das Hinstreben auf ein bestimmtes Ziel, das planmäßige Bauwerk, bei dem jede aktive Gestalt ihren bestimmten Platz hat, bei dem Insbesondere jeder der prophetischen Geister zufammenwirkend ieinen unentbehrlichen charakteristischen Beitrag gibt. So können wir schließlich von einem geschichtlichen Ergebnis der israelitischen Religion sprechen, sofern sie in das Christentum hinübergesührt hat. während die babylonische Religion in den Zustand der Wüste verfiel. Das Verständnis für den geistigen Gehall dieser von Anfang bis zum Schluß zweckerfüllten Religion führt notwendig dazu, in ihr ein Werk Gottes zu erblicken, in viel tieferem Sinn als es von anderen Religionen gilt. Wir können es in der religiösen Geschichte Israels mit Händen greifen, wie der lebendige Gott dieses Volk vom ersten Beginn an nach den Tiefen seines Geistes für seinen gewissen Plan erzogen hat. Wir finden wohl die Spuren dieser göttlichen Erziehung auch außerhalb Israels bei anderen Völkern. Die religiösen und sittlichen Höhepunkte in dem Gang der anderen großen Völker sind ans Gottes unmittelbarer Kraft, so die Reform des Chuenaten in Aegypten, der die Verehrung des Einen Gottes durchzusetzen strebte und die Tempel der anderen Götter in Schutt legte, das Motto des Zaratustra in der altpersischen Religion: Arbeit des sittlichen Menschen für den Sieg des Lichtgottes, die schwungvolle Anbetung in manchen Götterhymnen der alten Babylonier und die Anfänge des Schuldbewußseins in ihren Bußpfalmen. Aber diese Erscheinungen haben den Charakter des Ausnahmsweisen an sich und stellen sich nicht in die große Linie eines geschichtlichen Plans, wie wir ihn bei Israel erkennen, sie vermögen daher auch nicht, der Religion, zu der sie gehören, in ihrer Gesamtheit den Offenbarungswert zu verleihen. In der Lebeusgeschichte Israels dagegen sehen wir das einheitliche Werk Gottes: göttlich ist der köstliche Inhalt, der von Anfang an in das Gefäß Israels gefaßt war, wobei die Unscheinbarkeit des Gefäßes das Wunderhafte des Inhalts vollends erweist; gottgewirkt ist die fortlaufende Reihe religiöser Heroen, die den geistigen heiligen Gott in ihrer persönlichen Erfahrung erlebten und dieses Erlebnis zum Gemeinbesitz zu machen suchten.

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