Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 25 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 25 er anläßlich der Aeußerungen des gegnerischen jüdischen Vertreters wiederholt „Saujud" vor sich hinbrummte. Der Anwalt klagte auf Ehrenbeleidigung.. Natürlich leugnete jetzt Herr Lorens, denn den Mut zur Grobheit hat ein echter Antisemit nur solange, als er der Straflosigkeit gewiß ist. Nachdem auch der Schriftführer bestätigte, daß Lorens einigemal die hübsche Apostrophe „Saujud sich geleistet habe, wurde dieser zu fünf Tagen Arrest verurteilt. Wie mag dieser Lehrer sich gegenüber jüdischen Kindern benehmen, die schütz- und wehrlos ihm. ausgeliefert sind? Welche Gefühle muß ein solcher Lehrer in den Herzen der christlichen Kinder gegenüber ihren jüdischen Mitschülern wachrufen? * * * In der. antisemitischen Presse und in den antisemitischen Versammlungen wird immer wieder das Schlagwort laut, daß der jüdische Lehrer nicht geeignet ist, an Schulen zu wirken, die von christlichen Kindern besucht werden. Ein jüdischer Lehrer muß als Mensch wie als Jude die heilige Verpflichtung fühlen, alle seiner Obhut anvertrauten Kinder, ohne Unterschied der Konfession, im Geiste der Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit zu belehren. Kann man dasselbe von einem antisemitischen Lehrer erwarten? Sollte daher nicht die Ueberzeugung platzgreifen, daß der antisemitisch gesinnte Lehrer in keiner Schule wirken könne und dürfe, die auch von jüdischen Kindern besucht wird? Allerdings müßte dann auch die Erkenntnis durchdringen, daß der antisemitische Lehrer auch eine Gefahr für die christlichen Schüler bedeutet, deren Herz und Gemüt durch die allein unseligmachenden Prinzipien vergiftet werden müßten. 4- * * Daß der Antisemitismus nicht nur die Begriffe der Humanität, sondern auch die primitivsten Rechtsbegriffe vollständig zerstört, dafür bietet auch der nachstehende Fall, den wir der „Arbeiterzeitung" entnehmen, einen eklatanten Beweis. Das erwähnte Blatt erzählt: Der Feigenkaffeefabrikant A. Wiletal in Mank bei St. Pölten annonzierte im „Neuen Wiener Tagblatt", daß er einen Komptoiristen suche. Der in Budweis beschäftigte Komptoirist Oskar Hermann schickte dem Herrn Wiletal ein Offert und gab an, daß sich Wiletal bei Herrn Fürth, Reisenden der Budweiser Kanditeufabrik Herz, über ihn erkundigen könne. Das geschah, und Wiletal schrieb dem Komptoiristen einen Brief, daß er ihn aufnehme. Hermann, der bis dahin in Budweis einen Posten hatte, reiste nun nach Mank und traf am 14. Mai um halb 2 Uhr nachmittags in der Fabrik des Wiletal ein. Als ihn Wiletal sah und wahrnahm, daß er einen Juden ausgenommen habe, rief er: „Ein Jud hat es noch nicht erlebt, bei mir angestellt zu fein. Einen Juden laß ich nicht über meine Schwelle. Ich bin Ehrenbürger von Mank. Hier darf kein Jud übernachten!" Nun, so sollte man glauben, hat Herr Wiletal dem Komptoiristen die Reisespesen und den Gehalt für die Kündigungsfrist gezahlt. Aber weit gefehlt! Kosten läßt sich der reiche Ehrenbürger seinen Antisemitismus nichts, für den soll der arme Komptoirist büßen. Hermann begehrte nun, was er zu fordern hatte. Da lachte ihn Herr Wiletal aus; dann erklärte er, daß er ihm, wenn er den Nachmittag dableibe und arbeite, zehn Kronen geben werde. Hermann wollte diesen Bettel nicht annehmen; da schrie ihn Wiletal an: „Hier bleiben! Sonst geh ich zum Bürgermeister!". Der junge Mensch hatte begreiflicher Weise vor den zwei Dorfgewaltigen Angst. Er blieb und schrieb bis zehn Uhr nachts Mahnbriefe. Jetzt wollte er aber Weggehen. Wiletal kommandierte ihn, noch länger zu schreiben. Der Komptoirist mußre bis 11 Uhr arbeiten, und jetzt gab ihm Wiletal die zehn Kronen und jagte ihn fort. Uebernachtet hat Hermann auf einem Heuboden, in den ihn ein gutherziger Manker einließ. Ein netter Ehrenbürger! Die Arbeit des zum besten gehaltenen Juden verschmähte der brave Antisemit nicht! Mn moderner Sileam. Bei den Juden war die Medizin seit jeher eine besonders beliebte Wissenschaft. Berühmte jüdische Aerzte verzeichnet die Geschichte vom grauen Mittelalter bis zur schwarzen Gegenwart in Hülle und Fülle, unserem Zeitalter jedoch war es beschieden, eine neue Spezialität von Heilkünstlern herauzubilden, welche durch allerlei Mittel die Leiden des jüdischen Volkes zu beseitigen streben. Zuerst kamen die Zionisten, welche-durch Propagierung der nationalen Idee das zerfallene Judentum zusammen zu leimen versuchen, und jetzt tauchen gar Heilküustler auf, welche die Erlösung des Judentums in der Erlösung vom Judentum erblicken. Von dieser Sorte gibt es auch schon zwei Schattierungen, repräsentiert durch A. Coralnik und Elias Jakob. A. Coralnik prophezeit dem Judeutume noch eine glänzende, tatenreiche Zukunft, welche allerdings die Ueberwindung des traditionellen Judentums zur Voraussetzung hat, er ist aber weit davon entfernt, den Untergang des jüdischen Stammes zu ersehnen. Dies tut hingegen Elias Jakob m seinem Aufsatze „Das Wesen des Judentums" (in Maximilians Hardeus „Zukunft" Nr. 38, Juni 1904). Er stimmt mit Coralnik darin überein, daß er in der Negation des Judentums die conditio sine qua non für die Erlösung des Judentums erblickt. Aber die Erlösung soll eine radikale sein. Und sie kann es nur dann sein, wenn das Judentum als Konfession und als Nation negiert wird. Jakobs Devise ist also : vollständige, lückenlose Assimilation. Die Quelle des jüdischen Leidensweges in der Geschichte ist das Judentum in seiner konfessionellen und ' nationalen Erscheinung, kutzum die Existenz des Judentums. Der Antisemitismus ist nicht eine Eigentümlichkeit unserer Zeit, er ist so alt wie das Judentum selbst und wird erst mit dem Judentum verschwinden. Das ganze Judentum stellt sich bei Jakob als ein mißglücktes Unternehmen dar. Die ganze jüdische Geschichte ist eine ununterbrochene Kette von Verfolgungen. Griechen und Römer, die islamischen und christlichen Völker des Mittelalters und der Neuzeit, sie alle wetteifern mit einander, die kühne Verheißung: „Und ich will dich zu einem großen Volke machen und dich segnen, und durch dich werden gesegnet werden alle Völker der Erde," mit der der Stammvater des jüdischen Volkes in die Welt gezogen, zu Schanden zu machen. Die Quelle des Leidens liegt aber nach meiner Meinung nicht im Judentum selbst, sondern in seiner Umgebung. Es ist gar nicht einzusehen, warum man den Untergang eines Volkes herbeiwünschen soll, weil es von den anderen Völkern gehaßt wird. Verachtungswürdig geradezu ist derjenige Jude, der sich nicht scheut, den Tod des jüdischen Volkes herbei zu wünschen — aus Humanität. Wenn es nicht schon Dr. Stratz getan hätte, so würde wahrscheinlich Elias Jakob die Juden gleich ihm dahin definiert haben, daß sie ein gehaßtes und verachtetes Volk semitischer Rasse und mosaischen Glaubens sind, das sich durch lange Nasen und zahlreiche körperliche Gebrechen, wie: runde Rücken, krumme Beine, platte Füße u. a. auszeichnet. Alle Rasseneigentümlichkeiten können verschwinden. Es gehört nur ein guter Wille und ein bischen Geduld dazu. Dr. Stratz und Dr. Jakob sind auch so konsequent, den Juden die Vermischung zu empfehlen, um den störenden Rassentypus, der eine Nebenquelle des Antisemitismus ist, mit Gewalt zu verdrängen. Die Erlösung der Juden liegt in ihrer eigenen Hand; sie müssen verschwinden und sie können es auch, wenn sie sich dazu entschließen. Und dieser Entschluß würde, sogar den modernen Juden nicht allzuschwer fallen, denn die Religion ist ein überwundener Standpunkt. Die Juden sollen also einen nationalen Massenmord begehen, weil sie von den Völkern, unter denen sie wohnen, nicht geliebt werden. Ich möchte das Volk sehen, welches sich zu einer so frevlerischen, naturwidrigen Tat hergeben würde! Verachtungswürdig ist der Mensch, der eine solche Untat von einem Volke erwartet, verdammenswert ist der Jude, der sich nicht scheut, mit einem so herostratischen Plane vor die Oeffentlichkeit zu treten.