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Die Wahrheit · 1904-06-24 · Heft 25 (24.6.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 25 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion n. Administration: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. yaMngige Hetzschrift für jüöische Untereren. Erscheint jeden Ireilag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 8.— Für Cnltusbeamte: Ganzjährig . '. . K. lv — > _ I j Für Ausland:!! Ganzjährig ... 8 Mark.; 6 Rubel oder 16 FeL. Ur. 25. Wien, 24. Inni 1904. Inhalt: Ans der Woche. — Ein moderner Bileam. — Die Bedeutung der babylonischen Ausgrabungen für Israel. — Ziassensanatismus. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. - Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Aöonnements für das am 1. Juni öeginnende 3. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Malles keine Mntervrechung erleide. Ans der Woche. Die Minorität im Gemeinderat zählt zu ihren Mitgliedern mehrere Juristen, darunter auch solche jüdischer Konfession. Um so unbegreiflicher ist es, daß ein haarsträubendes juristisches Attentat, welches der Bürgermeister neulich auf die Staatsgrundgesetze und die gesunde Vernunft gleichzeitig verübte, nicht sofort nach Gebühr gekennzeichnet wurde. Auf eine Interpellation bezüglich des Vertrages der Konunune mit dem Apotheker-Gremium, in welchem die Bedingung stipuliert ist, daß das Gremium „das christliche Personal" beistellt, antwortete der Bürgermeister, daß diese Bestimmung keine Verletzung des Staatsgrundgesetzes involviere, welches nur besagt, daß Juden eine öffentliche Stellung erlangen dürfen und können, nicht aber, daß sie eine solche erhalten müssen. Man muß kein Jurist sein, es genügt der Besitz simplen bürgerlichen Menschenverstandes, um zu erkennen, daß der Bürgermeister durch seine Antwort dem Gesetze und der Vernunft bewußt und beabsichtigt ins Gesicht schlug. Wenn in einem Vertrage ausschließlich die Beistellung „christlicher" Personen bedungen wird, damit ist ja die Möglichkeit, daß auch Juden angestellt werden, ausgeschlossen. Den Christlich-Sozialen genügt es nicht, daß sie die Gesuche der Juden ablehnen, ihnen ist es darum zu tun, mit brutaler Gewalt ostentativ die Mißachtung der. konfessionellen Gleichberechtigung zu dekretieren. D i e L u e g e r'sche Antwort, darf und ka nn nicht so ohneweiters bingell o m m e n w e r d e n; s e i n k ü h n e r V e r s u ch, da s Staatsgrundgesetz zu eskamotieren, muß in wirksamer Weise zurückgewiesen werden.. ' Wir haben vor einigen Wochen an dieser Stelle von der Kampagne berichtet, welches das „Deutsche Volksblatt" gegen die Berufung des berühmten Straßburger Professors Lewel an die Wiener Universität inszenierte. Die freche, impertinente Einmischung seitens der antisemitischen Wort- und Schriftführer hat den Erfolg gehabt, daß Professor Lewel sich von vornherein erklärte, eine Berufung ablehnen zu wollen. Der Unterrichtsminister Herr v. Härtel war so glücklich, dem Prinzen Liechtenstein, der in dieser Angelegenheit bei ihm erschienen war, um die Berufung Lewels zu hintertreiben, diese Mitteilung zu machen. Da Herr v. Härtel, der jetzt Minister ist, einstens auch Professor war, ist es doppelt überraschend, daß er die Einmischung der Antisemiten in eine Frage, in der es sich lediglich um die Universität und die Wissenschaft handelt, nicht mit zweifacher Entrüstung ablehnte. Nach dem Worte Maeanlays ist die Frage um die Religion am Platze, wenn es sich um die Besetzung eines kirchlichen Amtes handelt; es ist aber eine Schmach für Oesterreich, daß bei der Bernsnng eines Universitätsprofessors nicht danach gefragt wird: „Was ist und was kann der Mann?" sondern was sagen die Antisemiten?! £ * I --- Die Wirkung der antisemitischen Epidemie auf die Lehrer bildet eines der traurigsten Kapitel. Vergebens hat man die Zweiseelen-Theorie ausgestellt. Es ist unmöglich, daß derselbe Lehrer, der außerhalb der Schule sich zu einer Partei bekennt, welche die Theorien der Unduldsamkeit und und des Hasses vertritt. in der Schule im Geiste der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit wirke. Zahllose Vorfälle haben überdies bewiesen, daß die verrohende Wirkung des Antisemitismus eine derartige ist, daß christlich-soziale Lehrer ihre haßerfüllten Gesinnungen gegen die Juden selbst dann nicht zu verbergen vermögen, wenn es in ihrem eigensten Interesse läge dies zu tun. Wie kann man dann so naiv sein anzunehmen, daß sie nt der Schule, wo sie sich als Herren fühlen, aus dem Widerstreite zwischen Pflicht und Gesinnung siegreich hervorgehen würden? Eine Gerichtssaal-Szene hat dieser Tage neuerlich bewiesen, daß ein echter Antisemit selbst vor dem Richter antisemitische Aeußerungen nicht unterdrücken kann, obwohl er sich bei einiger vernünftiger Ueberlegnng sagen mußte, daß vor diesem Forum die offene Bekundung des rohen Antisemitismus noch immer nicht empfehlenswert erscheint. Der christlich-soziale Lehrer Eduard Lore ns stand vor dem Bezirksgericht Liesing zum zweitenmal als Angeklagter. In der ersten seinerzeit gegen ihn durchgeführten Verhandlung wegen eines Raufexzesses hatte sich der christlich-soziale Jugendbildner derart benommen, daß ihm der Richter mit einer Disziplinarstrafe drohte. Der brave Mann ließ sich im Gerichtssaale sogar so weit hinreißen, daß

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