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Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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'irr. 24. Leite 9. Die Wahrheit Er trat ein — und blieb erstarrt an der Türe stehen i bei dem Anblicke, der sich ihm dacbot. Statt der vornehmen eleganten Räume, die sie früher bewohnten, fand er eine ärmliche Stube notdürftig möbliert, in welcher der einstige reiche Fabrikant mit Frau und Tochter düster hinbrütend lebte. Jetzt sah er sie, die so gefeierte, stolze Schönheit. Alles Schmuckes beraubt, in einfacher'Gewandung, verflogen war aller Glanz, geschwunden das Siegesbewußtsein ihrer bewältigenden Erscheinung. In ihren Gesichtszügen prägte sich Resignation aus, die jedoch ihre Schönheit eher erhöhte als beeinträchtigte. Die Herzinnigkeit, mit welcher sie Vater und Mutter durch hingebende Liebe mit ihrer Lage zu versöhnen suchte, diese rührende Zärtlichkeit des Kindes zu den Eltern, wie sie so bänfig in jüdischen Familien zu finden ist, machte einen weit fesselnderen Eindruck als ihr früher so hochmütiges Wesen. Sie schien eine ganz andere geworden zu sein, das Unglück hatte sie veredelt. Als Oswald eintrat, zuckte sie wohl im ersten Momente zusammen, faßte sich aber schnell, keine Miene zeigte Verlegenheit, sondern nur stumme Ergebung in ihr Los. Und wunderbares psychologisches Rätsel, auch bei ihm war eine rasche Umwandlung eingetreten. Der so lange ersehnte Moment der Befriedigung seiner Rache war da, jetzt konnte er die schöne stolze Jüdin, die seinen Eigendünkel verletzt hatte, gedemütigt vor sich sehen. Statt dessen kam der bessere Teil seines-Temperamentes, das Mitgefühl, die Versöhnlichkeit zum Durchbruche. Die einst in solch glänzenden Verhältttissen lebende Familie, in dieser ärmlichen Lage, gebeugt von Kummer und Sorge zu finden, erfüllte ihn statt mit Triumphgefühl, mit Erbarmen, und das Bewußtsein, dieselbe durch sein Mitwirken beschleunigt zu haben, bedrückte sein Gewissen. Und erst ihr Anblick, ihre Mienensprache der Trauer statt der früheren Ueberhebnng erschütterte ihn, die Rührung übermannte ihn und sein Haß schmolz dahin, wie Schnee vor dem Sonnenstrahle. Viel tausendmal schöner als früher fand er sie nun, und die znrückgedrängte alte. Liebe brach mächtiger als je hervor. Schnell, unter einem plausiblen Vorwände entfernte er sich, ohne das widerwärtige Geschäft, zu dem er herkam, zu vollziehen. Doch die rührende Gestalt des Mädchens verließ ihn nicht mehr, ttnd wieder beherrschte ihn nur der Gedanke an sie und statt Rachegefühl beseelte ihn das Streben, Mittel zu suchen, um gut zu machen, was er an dieser Familie verbrochen hatte. Vorerst sagte er sich von der Antisemitenklique los. Sein feiner organisiertes Wesen widerte am Ende doch diese Pöbelhaft rohe, lügnerisch verleumderische Rotte an, und er mußte sich sagen, mit des Dichter Worten: Es tut mir in innerster Seele weh, Daß ich mich in dieser Gesellschaft seh. Dabei blieb er nicht stehen, sondern brachte im stillen einen großen Teil der Forderungen an sich, was seine Vermögensumstände ihm auch gestatteten. Mit diesen Gaben ausgerüstet, ging er nun hin, präsentierte Herrn Just die Schuldtitel und sprach: „Ich habe mich an Ihnen schwer versündigt, habe in blinder Leidenschaft wegen verletzter Eitelkeit Ihren Ruin herbeizuführen gesucht und bin nun zur Einsicht gelangt von der Verwerflichkeit meiner Handlungsweise. Ich bereue sie und sühne sie, soweit es in meinen Kräften steht." Zu Herminen wendete er sich dann. „Mein Fräulein! Als ich in Ihren glanzvollen Zeiten um Ihre Gunst mich bewarb, verwarfen Sie mich und verletzten meine Eigenliebe. Da erfaßte mich der Zorn und riß mich hin zu dem unedlen Rachewerke. Reuevoll komme ich zu Ihnen und bitte Sie, seien Sie großmütig, mir Vergebung zu gewähren. Mein ganzes Leben sei jetzt geweiht, durch treue Hingebung meine böse Handlungsweise vergessen zu machen, und lassen Sie mir die süße Hoffnung, mit der Zeit Ihre Zuneigung doch noch zu gewinnen." Mit edlem Anstande erhob sich Hermine und sprach: „Vor allem, Herr Berger, lege auch ich ein freimütiges Geständnis meiner Fehler ab. Ich war vom Hochmutsteufel besessen. Die Huldigungen und Vergötterungen, die mir zuteil wurden, waren mir zu Kopfe gestiegen, und ich gefiel mir darin, alle meine Verehrer an meinen Triumphwagen gespannt zu sehen. Ich bin nun davon geheilt und habe gelernt, bescheiden zu sein. Dann bekenne ich offen, daß Sie mir nicht ganz gleichgiltig waren, daß Ihre Vorzüge und Geistesgaben nicht ohne Eindruck auf mich blieben, doch eine unüberbrückbare Kluft trennte uns. Ich konnte mir bei aller meiner Flatterhaftigkeit und Eitelkeit nicht verhehlen, daß, wenn Sie als Christ ein Judenmädchen heiraten würden, bei Ihnen das Gefühl vorherrschen würde, daß Sie herabsteigen, und wenn Ihre Liebe noch so feurig wäre, Sie mit der Zeit, wenn der erste Rausch verflogen. Sie mich diese vermeintliche Snperiorität würden fühlen lassen. Die folgenden Ereignisse haben die Richtigkeit dieser Anschauung bestätigt, denn in Ihrem Zorne gegen mich Einzelne, haben Sie nicht nur meine Familie, sondern meinen ganzen Stamm, meine Glaubensgenossen verfolgt. Freuen Sie sich nur weiters an Ihrem Rachemerke, weiden Sie sich an dem Anblicke unseres Unglückes. Die Reue, die Sie jetzt zeigen, die Opfer, die Sie bringen wollen, können nie und nimmer die Kränkungen gut machen, die Sie uns verursacht haben; und wenn Sie Ihr ganzes Vermögen mir zu Füßen legen, ich verschmähe Sie. Hütten Sie nur an mir Ihren Haß und Groll betätigt, ich hätte Ihnen verziehen, denn was Sie von Juden Schimpfliches gesprochen und gedacht haben mögen, eine Rachsucht, wie Sie sie an den Tag gelegt haben, kennen wir nicht. Doch, daß Sie die ganze jüdische Nation anfeindeten, zu Haß und Verfolgung tausender Menschen, die Ihnen nichts getan haben, predigten uud aneiferten, das kann ich Ihnen nicht verzeihen, und ich fühle mich gedrungen, Ihnen mit einiger Variation die Worte Ferdinands in Kabale und Liebe znznrufen : Umgürte Dich mit dem ganzen Stolze Deines Ariertums, Ich, eine jüdische Jnngsrau, verachte Dich!" Ganz zerknirscht und im Innersten tief erschüttert ging Oswald von dauuen. Diese Lektion hatte ihn bis ins Lebensmark getroffen und er mußte sich sagen: „Das Mädchen hat vollkommen recht, ich habe erbärmlich gehandelt." Das Andenken an sie schwand nicht bei ihm. Ob er von nun an durch diese Lehre von seinen Zornesgefühlen geheilt wird, ist sehr zweifelhaft. Ein solches Temperament ändert sich nicht so leicht und der geringste Anlaß kann es wieder auflodern machen. In dem Geschicke der Familie Just trat später eine günstige Wendung ein. Der Warenwert war gestiegen und nach überwundener Krisis kam eine lebhaftere Geschäftskonjunktur, früher verloren geglaubte Forderungen gingen ein und so konnte Herr Just seine Gläubiger befriedigen und auch die Schuldtitel des Herrn Oswald Berger einlösen. Für Hermine traf sich bald eine vorteilhafte Verbindung mit einem achtbaren Finanzbeamten und sie vergißt jetzt in glücklichen Verhältnissen den Mann und seine Rache. Verzeichnis der Herkoröenen Bom 5. bis 11. Juni 1904. Adolf Auerbach, Reisendenssohn, 20 Monare: Leopold Fischer, Kellermeister, 75 I.; Otto Kammer, Fleischhauerssohn, 3 I.; Johanna Geiringer, geb. Blau, Geschäftsmannsgattin. 67 I.: Salomon Reismann, Eisenhändler, 68 I.; Katharina Heller, geb. Niklik, ohne Beruf, 68 I.: Cäcilie Haar, Hebamme, 64 I.; Therese Lampl, Agentenstochter, IS3/* Leopold Spcher, Eisenbahnbeamter, 42 I.: Hanns Hermann Zinner, Kausmannskind, 1 I.; Sabitay Baruch, Händlerssohn. 10 I Henriette Bornstein, Handarbeiterinskind, 11 I.; Jsak Gams, Brauhausarbeiterssohn, 9 I.; Samuel Bauer, Schneidermeister, 59 I.; Adele Tolczyner, geb. Ambos, ohne Beruf, 63 I.; Leib Pler, gern. Trödler, 76 I.; Katharina Berger, Private, 62 I.; Adolf Schwarz, Spengler, 74 I.: Bela Bloch, Handelsangestellter, 22 I.; Sofie Zchuschny, geb. Hilsner, Branntweinschänkersgattin, 38 I.; Fanny Svitzer, geb Basch, Agenrensgattin, 34 I.; Maria Eisler, Hebamme, 44 I.; Gustav Pollak, Arbeiter, 40 I.; Naftali Rappaport, Schuhmachergehilfe, 30 I.; Marie Fraenkel, Kaufmannstochter, 10 I.; Jgna; Fciedländer, Agent, 75 I.-, Rosalia Heikler, geb Geiringer, Private, 87 I.; Sofie Langer, Kaufinannsgattui, 44 I.; Abraham Schönbrun, Privatier, 74 I.: Anna Winter, geb. Singer, Fleischhauerswitwe, 74 I.; Wilhelm Steinbach, Kommis, 29 I.; Moriz Sckidrowitz, Agent, 62 I.: Binem Kirchenberg, Kaufmann, 61 I; Amalia Eisler, Svenglergehilfenstochter, 14 I.; Gustav Hoffmann. Fleischergehilfe, 40 I; Emilie Aufrichtig geb. Bodak, Buchhalterswitwe, 56 I.; Dr. jur. Carl Löwenstein, Privatier, 35 I.; Wilhemine Löwenstein, geb. Ehrensteiu, Bcamtenswitwe, 54 I.

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