Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 24 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 24 Entscheidung gar keinen Einfluß auf das praktische Leben haben; wieder emige sich auf keine Mischna beziehen; andere sich blos mit abstrakten Gegenständen beschäftigen; endlich andere nur einem erst im talmudischen Zeitalter zur Wirklichkeit gelangten Umstande ihr Dasein zu verdanken haben. Diese Betrachtungen dürfenaber nicht etwa zu dem Gedanken Anlaß geben, man habe dadurch über den ganzen Talmud den Stab brechen wollen, da sie hingegen nur dem forschenden Geiste zur Anregung dienen sollen, aus welche Punkte er bei dieser Untersuchung hauptsächlich seine Aufmerksamkeit zu lenken habe. Besonders möge der Verdacht fern bleiben, als wolle man dadurch dem Talmud jede traditionelle Grundlage durchaus absprechen. Zwar bleibt einmal der Grundsatz fest, daß überall, wo eine Verschiedenheit der Meinungen sich kund gibt, an keine Ueberlieserung mehr gedacht werden könne, da Tradition- und Streitigkeit zwei Begriffe sind, die sich einander aufheben und wechselseitig negieren. Auch da, wo von Gegenständen, Gebräuchen und sonstigen Modifikationen die Rede ist, die sämtlich erst in einer nachmosaischen Zeit entstanden sind, wird es wohl Niemandem einfaüen, etwas Ueberliefertes antreffen zu wollen. Gleichwohl erübrigt, selbst nach Abzug dieser zwei Gattungen, noch eine gewisse Anzahl von Sätzen, denen man einen träditionellen Ursprung zuschreiben kann, und die sodann den Kern des sogenannten mündlichen Gesetzes ausmachen werden. Allein auch hier die Goldkörner von den damit vermengten Sandkörnern abzusondern, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Abgesehen davon, daß ihr Wesen nicht die erforderlichen Merkmale darbietet, wodurch ihre göttliche Abstammung über jeden Zweifel und Bedenklichkeit sich Nachweisen ließe, haben auch die Talmudisten selbst beim Vortragen derselben es immer an der gehörigen Belehrung und Andeutung ihres höheren Ursprungs fehlen lassen. Wenigstens hat der Sammler beide Arten so untereinander gemischt, daß sie nicht leicht zu unterscheiden sind. Auch kommt es im Talmud nicht selten vor, daß jemand einen Satz von seinem Lehrer vernommen, der von früheren Lehrern von Sinai her ererbt wurde. Und doch läuft. am Ende die Lehre dieses Satzes der vorgebrachten Meinung ^zuwider. Unerwiesen bleibt daher die eben so allgemein verbreitete, als oft wiederholte Ansicht, die Aufbewahrung und Kundgebung aller überlieferten Lehren sei der einzige Zweck der Talmudisten gewesen. Aber nicht minder unbegründet ergibt sich auch die andere Ansicht, daß jene mündlichen Diskussionen den unbedingten Gehorsam aller künftigen Geschlechter in Anspruch genommen hätten. Eine solche Autorität konnte, nach den Grundsätzen des Mosaismus, sich keine Behörde anmaßen und eine solche Autorität haben auch wirklich die Talmudisten sich nicht aneignen wollen. Dies findet auch darin seine Bestätigung, daß die meisten talmudischen Satzungen, deren gesetzgebende Kraft man in der Folge bis auf die entfernteste Zukunft ausgedehnt hat, in ihrem Entstehen weder von den genannten Gelehrten damaliger Zeit ausgegangen, noch mit völliger Zustimmung Aller ausgesprochen worden sind, sondern als Aeußerungen eines einzigen Individuums isoliert dastehen, und blos weil nirgends geschrieben stehr, daß jemgnd sich jenen Aeußerungen widersetzt hätte, man sich zur Behauptung berechtigt hielt, es hätten sämtliche talmudische Lehrer (ob sie gleich nicht alle Zeitgenossen waren und auch die Zeitgenossen in verschiedenen Orten lebten) jenen vereinzelten Ansichten beigepflichtet. Daher wäre die übliche Redensart: Unsere Weisen haben so und so gelehrt, durch die andere: Einer unserer Weisen hat so und so gelehrt, fast immer zu berichtigen. Daß aber die Meinung eines einzigen Individuums für ein ganzes Volk auf unbestimmte Zeiten nicht bindend sein könne, wird wohl niemand in Abrede stellen. Ist man nun einmal kraft dieser Betrachtung zu der Ueberzeugung gelangt, daß dieses Werk nicht das sei, wofür es gemeiniglich gehalten wird, so wäre zugleich hierdurch zur Erkelmtnis seiner wahren Tendenz die Bahn gebrochen. Von allem abstrahirend, was darüber in späterer Zeit gedacht worden ist und seinen Inhalt einzig und allein zu Rate ziehend, wird es nicht schwer sein, die Grundlage zu entdecken, worauf das ganze Gebäude ruhet.- Ein Punkt ist in der Tat hervorzuheben, um I den sich der ganze Talmud gleichsam dreht und der als die gewaltige Triebfeder erachtet zu werden verdient. Es sind die unzähligen Stellen, welche beurkunden die große, alles überwiegende, aus keinem Beweggründe zu vernachlässigende Verpflichtung, die einem Jeden ohne Ausnahme obliegt, über die göttliche Thora Tag und Nacht unablässig zu forschen und regelmäßig sich damit zu beschäftigen. Die Wichtigkeit und das hohe Verdienst einer solchen Forschung wird über alle lobenswerten Handlungen, selbst über die. Ausübung des Gesetzes gepriesen;'die Vernachlässigung einer so heiligen. Pflicht kann auf keine Weise gerechtfertigt werden. Nach. dem Tode wird vom allwissenden Richter am allerersten über die pünktliche Erfüllung dieser Pflicht strenge Rechenschaft gefordert. Ohne sie könnte die Welt nicht bestehen; sie allein bringt '.wahre Erquickung und Glückseligkeit in diesem und im jenseitigen Leben. Durch sie allein wird einst dem Volke Israel ein,/besseres Los zuteil werden. Nun aber glaubte man dieser Pflicht auf keine andere Weise Genüge leisten zu können, als indem man über die ganze heilige Schrift und über alle damals vorliegenden religiösen Urkunden gerade eine so fleißige und so eingehende Untersuchung anstellte, wie wir sie im Talmud ausgeführt finden. Daher gewann das Forschen.und Disputieren eine so große Bedeutsamkeit, daß es nicht mehr Mittel zu höheren Zwecken, sondern selbst Zweck wurde, wie denn auch einmal.(Sabatt 104a) Raschi selbst mit jenen höchst merkwürdigen Worten jtypan, ■iwfcrin -]~n *p .ntpp'tp '-w *rcDn *]ano „ Es ist die Art des Talmudisten, das bereits Erklärte zu verdrehen, um disputieren zu können" offen zugtzstanden hat. Es war demnach beiden mit einander streitenden Parteien nicht so sehr daran gelegen, ob der Streit Nach den Vorschriften des gemeinen Menschenverstandes geführt wurde, ob der Sieg sich der einen oder der anderen Seite zuwendete, und ob der Ausgang auch einen praktischen Nutzen mit sich führte: es genügte vielmehr, eine nie zu versiegende Quelle, ausfindig gemacht zu haben, woraus man in Ewigkeit Mittel schöpfen konnte, jene heilige Pflicht zu erfüllen. Dem frommen.Wunsche also, dieses erhabene Ziel zu erreichen, sind alle- Leistungen der Talmudisten zuzuschreiben, und auch diejenigen, die es für gut fanden, alle Vorträge der Erstem zu Papier zu bringen, waren von der ferneren Absicht geleitet, den kommenden Geschlechtern zur Vollziehung eben dieses verdienstlichen Werkes den Weg zu erleichtern. Diese eine Idee, die die herrschende ist, muß also immer zur Richtschnur genommen werden, so oft man. sich anschickt, über jene Urkunden ein Urteil zu fällen. Wie Sie, sehr gehrter Herr, also sehen, ist der Talmud ein Entwicklungsprodukt verschiedener Zeiten und verschiedener Menschen und für den Geschichtsforscher im allgemeinen von eminentem Werte. Und was uns am meisten interessiert, ist, daß er nicht als Gesetzbuch auftritt und daß er auch uns die Bibelworte frei deuten lehrt und uns so von den biblischen Ketten frei macht. Ueber das Werk selbst, in. welchem wir vielfach Zitaten aus anderen Werken begegnen, kann ich leider auch nichts Gutes sagen, vor allem,. daß es wenig Vertrautheit mit den Bibelkommentaren und der Bibelkritik der neueren Zeit verrät, und so kommt es, daß der Verfasser oft Amerika entdeckt zu haben glaubt, während es sich zumeist um Gebiete handelt, die von anderen..Forschern schon längst entdeckt wurden. Auch der Titel „Griechische Philosophie im alten Testament" ist nicht richtig; denn im ganzen Werke ist von griechischer Philosophie nichts zu finden und es könnte ebensogut: Aeghptische oder Deutsche Philosophie heißen. Sehr geehrter Herr! Es war mir nicht gerade angenehm, dies Ihnen zu'schreiben, aber wie der Verfasser sage auch ich : Die Wahrheit soll über alles stehen. cLieve und Kuß. ' Ein Sittenbild von Adolf Steinschneider. . (Schluß.) . Auf dem Wege dahin pochte ihm das Herz und Unruhe bemächtigte sich seiner. Unwillkürlich kam es ihm denn doch zum I Bewußtsein, wie niedrig seine Handlungsweise sei.