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Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 Die Wahrheit Seite 7 dreitausend Folioblätter einnimmt; oder auf die Mannigfaltigkeit der Gegenstände Rücksicht nimmt, die darin behandelt werden; oder die nicht unbedeutende Anzahl der Erklärungen, Auszüge, Repertorien betrachtet, die darüber verfaßt worden sind; sei es ferner, daß man auf den Kampf hinblickt, den seine Anhänger Und Widersacher zur Aufrechthaltung oder zur Umstürzung desselben mit abwechselndem Glücke seit seiner Entstehung bis auf die gegenwärtige Zeit führen zu müssen glaubten; oder endlich den Einfluß überlege, den er auf die Lebensart, Sitten, Religion, Entwicklung und bürgerliche Stellung von fünf Millionen Menschen zwölf Jahrhunderte hindurch ausgeübt hat und noch ansübt: so wird man einräumen müssen, daß er den großen Denkmälern angereiht zu werden verdient, die uns das Altertum von der Wirklichkeit und zuweilen auch von den Verirrungen des menschlichen Geistes hinterlassen hat. So sehr aber dieses Werk geeignet ist, den philosophischen Blick eines ruhigen, vorurteilsfreien Beobachters in Anspruch zu nchmen, ebenso sehr ist es zu bedauern, daß eine gründliche, streng kritische Untersuchung über sein Wesen und Charakter, über seine Entstehungsart und Haupttendenz, über seine gesetzgebende Kraft und Autorität, über sein Hermeneutisches und traditionelles Moment noch zu den Wünschen gehört, die bis auf den heutigen Tag unerfüllt geblieben sind. Fern von der Anmaßung, einem so allgemeinen gefühlten Bedürfnisse mit einemmale Genüge leisten zu wollen, mögen hier blos wenige Worte einen Platz finden, die nichts weiteres bezwecken sollen, als durch Berührung der wesentlichsten Punkte, die zu dieser Untersuchung gehören, die Notwendigkeit der Lösung einer so wichtigen Aufgabe immer mehr darzutun und zur einstigen Verwirklichung derselben möglichst den Weg zu bahnen. Stellt man im allgemeinen die Frage auf, was der Talmud sei? so erfolgt fast einstimmig die Antwort, es sei ein Gesetzbuch, welches alle Vorschriften enthält, wonach wir unser religiöses Leben einzurichten haben. Allein diese Ansicht, die schon im geonäischen Zeitalter gleichsam im Keime lag, sodann voü^ Maimonides entwickelt und feierlich ausgesprochen, endlich von seinen Nachfolgern mit blindem Gehorsam angenommen wurde, steht so sehr mit der Natur und dem Inhalte des Talmud selbst im Widerspruche, daß man sich nur wundern muß, wie man so lange auf einem so verkehrten Wege fortwandeln konnte. Schon der Umstand, daß der Talmud unleugbar ein Kommentar der Mischna ist, hätte leicht auf den Gedanken führen müssen, daß dieser vermeintliche gesetzgebende Charakter erst der Mischna selber zuerkannt werden sollte, bevor er dem Talmud zukommen könnte. Nun aber gelangt man bei sorgfältiger Prüfung der Mischna zu einem ganz verschiedenartigen Resultate. Die Männer, deren Meinungen darin Vorkommen, haben jenes Buch nicht niedergeschrieben, ja nicht einmal den Willen geäußert oder gar vermutet und voraus gesehen, daß ihre mündlichen Vorträge je ihren Nachkommen schriftlich in die Hände gegeben werden sollten. Im Gegenteile haben sie den größten Unwillen gegen jene an den Tag gelegt, die sich unterstünden, irgend einen mündlich vernommenen Satz zu Papier zu bringen; ja sogar ein solches Verfahren als sehr strafbar erklärt. Dies streitet offenbar mit der Hypothese eines vorher im Sinne geführten Planes, ein Gesetzbuch verfassen zu wollen. Dazu kommt noch zu erwägen, daß der Inhalt jenes Werkes selbst Merkmale kund gibt, die einer solchen Annahme zuwiderlaufen. Es werden nämlich darin, wie schon anderswo bemerkt worden, meistenteils streitende Meinungen angeführt, ohne eine Entscheidung folgen zu lassen; viele selbst in der Bibel vorkommende Gesetze übergangen, dagegen aber gerade jene ausführlich bearbeitet, die zur damaligen Zeit nicht mehr zur Uebung waren; manche Sätze in verschiedenen Abschnitten wiederholt, andere am Unrechten Orte untergebracht; alle zu einem Gegenstände gehörigen Satzungen bunt unter einander hingestellt; nirgends" eine planmäßige Einteilung, eine mit Ordnung fortschreitende Verhandlung, ein konsequentes Verfahren beobachtet. Wann, wie, und durch wen diese ganze Masse vereinzelter Lehrmeinungen gesammelt, und zu einem Ganzen gebildet wurde, ist schwer zu bestimmen, wohl aber läßt sich aus derselben mit Zuverlässigkeit entnehmen, daß die von den Sammlern kundgemachte Tendenz nicht im geringsten mit dem Zwecke übereinstimmt, den man später dieser Sammlung zugeschrieben hat. Da sie nun einmal der Text geworden ist, dessen Auslegung und Illustrierung sich der Talmud zum Gegenstände seiner Beschäftigung gemacht hat, so wird man wohl dem Kommentare einen Titel nicht beilegen wollen, der dem Texte selbst nicht zukommt. Wenn man aber auch jenen Zustand der Abhängigkeit, worin der Talmud in Bezug auf die Mischna sich befindet, außeracht setzen und also nicht mehr untersuchen will, was der Talmud leisten konnte, sondern was er wirklich geleistet hat, so wird uns die gewöhnliche Beantwortung der oben aufgestellten Frage noch unhaltbarer erscheinen. Zuerst macht sich auch hier die Bemerkung über Zeit und Art der Verfassung geltend, die hinsichtlich der Mischna ftattfindet. Die Talmudisten haben nämlich weder selbst den Talmud niedergeschrieben noch gewünscht oder für möglich gehalten, daß er einst schriftlich als bleibendes Denkmal ihrer Tätigkeit fortbestehen sollte. Sie disputierten für sich und für ihre Zeitgenossen; hatten meistens blos die Bedürfnisse und Zustände ihres Zeitalters vor Augen; erlaubten sich oft teils manche früher bestandene Gebräuche zu modifizieren oder anders zu denken, teils neue, in der Vorzeit nicht begründete Vorkehrungen zu treffen, je nachdem es die damaligen Umstände erheischten; gaben aber nie ihren Institutionen den Stempel der Fortdauer und der Unveränderlichkeit, sondern eiferten vielmehr gegen jede schriftliche Aufzeichnung ihrer Worte, die von zeitlichen Verhältnisfen hervorgerufen, mit diesen ein gleiches Schicksal haben sollten. Sind nichtsdestoweniger die nachfolgenden Geschlechter zu dem Besitze einer schriftlichen Urkunde jener Satzungen gelangt, fo ist es sicherlich ohne Zumutung und um so mehr ohne Zustimmung der Talmudisten geschehen. Jedoch geht selbst aus dem Verfahren derjenigen, die diese Sammlung veranstaltet haben, einleuchtend hervor, daß sie , dahnrch mehr eine bloße Mitteilung alles in früheren Zeiten Gesagten und Verhandelten, als eine Aufstellung nie zu übertretender Vorschriften beabsichtigt haben. In der Tat trifft man daselbst, neben einigen Erklärungen der Mischna, auch eine verhältnismäßig weit größere Anzahl von Disputationen, Erzählungen, allegorischer und hagadischer Auslegungen der Bibeltexte, naturhistorischer, medizinischer, astronomischer, astrologischer, dämagogischer, theosophischer und mystagogischer Ansichten, die wohl am wenigsten geeignet sind, in einem Gesetzbuche eivgerückt zu werden. Dringt man aber in das Wesen der Streitigkeiten, die doch den wichtigsten Teil des Talmud ausmachen, selbst ein, so gewinnt man wiederum andere höchst berücksichtigungswerte Momente, die nur immer mehr das Gesagte bestätigen. Die Mischna gebraucht wirklich in ihrem Vortrage eine so einfache, klare, ungekünstelte Schreibart, daß sie zu Mißverständnissen und Zweideutigkeiten nicht den mindesten Anlaß gibt, und ist sie auch sehr oft bei divergierenden Meinungen die Entscheidung schuldig geblieben, so konnte doch diese letztere entweder durch Vergleichung mit anderen Stellen und mit den dazu bezüglichen Texten der heiligen Schrift, oder durch Beobachtung des schon gangbaren Volksgebrauches, oder auch zuweilen durch Anflihrung einer früheren Autorität auf eine sehr leichte Art ermittelt werden. Hätten demnach die Talmudisten nichts weiteres im Sinne gehabt, als die Mischna zu kommentieren, so würden sie sich sicherlich mit sehr wenigen Worten und auf einem sehr ebenen und kurzen Wege dieses Geschäftes entledigt haben. Man bedenke nur, wie sehr sie jeder Weitläufigkeit in Worten abhold waren, und wie gar ihr Lakonismus oft so unverständlich geworden, daß man zu den Glossen seine Zuflucht nehmen mußte, und man wird ganz natürlich schließen, daß jene mit ungewöhnlicher Ausdehnung, sowie mit beispiellosem Scharffinne einem jeden Gegenstände angeknüpften Disputationen unmöglich eine bloße Kommentierung der Mischna bezwecken konnten. Dies erhellt noch überdies aus dem Umstande, daß viele dieser Streitigkeiten teils ihrem Wesen nach, teils aus Mangel einer

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