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Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 24. Auftraggeberin nur einen Teil, die sogenannten Neologen, vertreten und daß ihre Schmerzen nicht auch die Schmerzen der Orthodoxen sind. Ja, diese Letzteren sind so eigensinnig, von Allem, was die Ersteren wünschen, das gerade Gegenteil zu wollen, und eine Brücke von Vereinen Partei zu der andern ist bislang noch nicht geschlagen Was ist es aber, was die Deputation eigentlich zu den Ministern geführt hat? Die Vertretung im Magnaten Hause! Den Herren genügen Karl Schwab, Sigmund Kornfeld, Franz Chorin und Sigmund Brödy nicht. Das sind nur Zufalls-Magnaten, während sie einen M n ß-Magnaten haben wollen, einen solchen, der entweder vermöge seiner Stellung, oder durch Betrauung zu dieser Würde gelangt. Eine Würde, denn um etwas Anderes handelt es sich nicht, da dieser Muß-Magnat gewiß kein Wässerchen trüben und auch das Kraut nicht fett machen wird. Oder verstehen wir die Herren schlecht? Handelt es sich' im Grunde um etwas Anderes? Etwa um die Kreirung. der, Stelle eines Landes-Oberrabbinats? Nun, dafür wird sich die ungarische Judenschast schönstens bedanken. Die neologische und die orthodoxe in gleicher Weise. Ein jüdischer Papst, oder „Fürst- Primas" wäre nicht blos das überflüssigste sondern sogar das unangenehmste Ding der Welt. Die freie Beweglichkeit, die derzeit bei der jüdischen Konfession in Ungarn herrscht, ist nicht der schlechteste Teil der Güter, die sie besitzt; Jeder kann jetzt nach seiner Faeon selig werden, ohne aus dem Verbände der Konfession treten zu müssen, 'in dem Momente aber, wo eine straffe, konfessionelle Organisation ins Leben tritt, ist's um diese Freiheit geschehen, und man kann dessen sicher sein, daß sich sehr bald eine dritte Schattierung, vielleicht sogar eine dritte Konfession, die Konfession der Konfessionslosen herausbilden würde. Daß dies die Kraft der ungarischen Juden nicht erhöhen würde, ist selbstverständlich, und deshalb unterlasse Man altz l^perimente, die eher Zwietracht, als Einigkeit Hervorrufen können, und verschone uns auch mit einem jüdischen — Mußmagnaten. Ist der Tatmud judeugefahrtich? *) Sehr geehrter Herr! Für die Zusendung des neuesten Werkes Ihres Freundes M. Friedländer „Griechische Philosophie im alten Testament" Berlin, 1904 sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank. Die Beantwortung Ihrer Frage, ob der Talmud wirklich judengefährlich ist, wie er in der Vorrede dieses Buches dargestellt wird, bereitet mir kein besonderes Vergnügen, schon deshalb, weil ich dem Verfasser den Vorwurf machen muß, daß er seinem Thema nicht das nötige Verständnis entgegengebracht hat und es überhaupt sehr schwer ist, auf argumentlose Phrasen sachlich zu antworten. Die Sache selbst aber, nämlich die durch den Vorwurf der angeblichen Gefährlichkeit dem Talmud zugesagte Verunglimpfung, wäre mir ganz gleichgiltig, da wir seit jeher gewohnt sind, von denjenigen Herren, Juden und Christen, die das Meer des Talmud nicht kennen, solche Worte zu hören. Daß des Verfassers Vorrede nicht auf Kenntnis des Talmuds beruht, zeigt schon folgender Satz: „Der Talmud ist das Produkt einer finsteren Zeit, in der die Reaktion im Judentum, unterstützt von inneren und äußeren Drangsalen, die Jsolierungsarbeit mit sieberhafter Hast begann, die bis in die neueste Zeit, dank dem ewigen Drucke, dem die Juden fortlaufend mit nur geringen Unterbrechungen, ausgesetzt waren, fortminiert." *) Nachstehender Brief, der von einem jüdischen Gelehrten an eine hervorragende christliche Persönlichkeit gerichtet ist und, wie wir glauben, unsere Leser interessieren dürfte, wurde uns vom Empfänger zur Verfügung gestellt. Wir können uns wohl mit dem Inhalt des Briefes nicht vollkommen einverstanden erklären, aber da er" eine eminent praktische Frage be handelt, sehen wir uns dennoch veranlaßt, denselben zu veröffentlichen. Die Red. Als wenn der ganze Talmud in einer kurzen Reaktionszeit verfaßt worden wäre! Ist denn dem Verfasser nicht bekannt, daß die Entstehung des Talmuds das Resultat einer tausendjährigen Entwicklung, von 600 v. Chr. bis 500 n. Chr. ist? Daß die westlichen Juden, weil sie den Talmud nicht kennen, ethisch höher stehen, als die östlichen Juden, weil sie den Talmud kennen, ist auch nur eine Phrase und kann auch - hier die Statistik das Gegenteil beweisen. Uebrigens wäre noch zu untersuchen, ob 'diejenigen Juden, die noch nach den Zeremonialgesetzen des : Talmud leben, nicht ethisch höher stehen, als die sögenanten aufgeklärten Juden, deren Aufklärung nur darin besteht, ihren Gelüsten zügellos nachgehen zu können. Ueberhanpt hat der Verfasser in seinen Vorreden die Gewohnheit, auf Kosten des Einen den Anderen zu erhöhen. In diesem Falle ist diese Gewohnheit der Bibel auf Kosten des Talmud zugute gekommen. Der Talmud ist, wie Sie, sehr geehrter Herr, weiter sehen werden, ein Produkt der Ermöglichung des Fortschrittes der biblischen Ethik und der Gesetze, was auch die Entstehung des Christentums erleichtert hat. Denn das Christentum ist nicht uns der Bibel, sondern aus der Synagoge hervyrgegangen und Harnack bemerkt schon, daß Paulus in der Synagoge gepredigt hat und dort verstanden wurde. Und sind Philo's Schriften nicht ein Stück Talmud, d. h. ein Midrasch in griechischer Sprache, weil die hebräische Sprache damals in Vergessenheit geraten ist. Daß der Talmud nicht ein Buch ist, das für uns ohne Kritik verbindlich sein soll, ist jedem vernünftigen Juden selbstverständlich. Aber ist die Bibel ein solches Buch? Können wir heute nach' den biblischen Gesetzen leben? Dies erinnert mich an eine Bemerkung meines Vaters und Lehrers. Als ich mit ihm einmal an einem Sabbath in einer Hauptstraße promenierte, wobei wir einige Geschäfte der karaitischen Kolonie geschlossen fanden, während die jüdischen Geschäfte daneben offen standen, sagte er zu mir: „Siehst Du, die Juden haben einen Talmud unv können, auch die Bibelworte frei deuten und entwickelü sich daher nach dem Fortschritte der Zeit, während die Karaiten an die Bibelworte gebunden und so keiner Entwicklung fähig sind", und er erzählte mir lächelnd von seinem karaitischen Freunde, daß derselbe Freitag abends, sogar während der Winterszeit, ohne Licht zubringen müsse. „Und das ist," fügte er hinzu, „das Symbol der Finsternis der Bibel ohne Talmud." Wie weit wir Inden in der Deutung der Bibel gehen können, hat uns Maimonides gezeigt, als er bei der philosophischen Frage, ob Gott die Welt oder umgekehrt schuf, sagte: „Wenn die Entstehung der Welt vor Gott wissenschaftlich möglich wäre, dann würden mir die Bibelverse nicht im Wege stehen, wir hätten für sie schon eine passende Deutung gefunden" u. s. w. Mit einem Worte: Die Zeremonialgesetze, sowohl die biblischen wie die talmudischen, sind vielleicht den heutigen Verhältnißen nicht angepaßt; aber in ethischer und idealer Hinsicht steht gerade der Talmud viel höher als die Bibel und sie wäre bei uns ohne die tausendjährige Aufklärung der talmudischen Gelehrten überhaupt nicht zu dieser Bedeutung gekommen. Der Verfasser versichert, daß er nur die Wahrheit will, woran zu zweifeln wir keinen Grund haben. Aber mit dem Willen ist noch nichts getan. Man muß auch die Sache, die man einem Andern als Wahrheit aufdrängen will, wirklich beherrschen und kennen. Ich glaube, sehr geehrter Herr, ein Urteil darüber wäre für Sie viel leichter, wenn ich Ihnen einen Auszug aus einer Arbeit über den Talmud, die ich vor etwa 10—12 Jahren veröffentlicht habe, hier wiedergebe. Sie werden dann selbst urteilen können. Nach einer längeren Abhandlung über die Entstehung und den Inhalt des Talmud heißt es dort : Ein wahrhaft großartige, für die Geschichte der Menschheit im allgemeinen einflußreiche, für die Entwicklung des Judentums aber insbesondere höchst merkwürdige und die Schicksale der Juden tief ergreifende Erscheinung ist der Talmud. Sei es, daß man seinen materiellen Umfang in Erwägung zieht, der bei der äußerst gedrängten Kürze der Sätze dennoch ungefähr

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