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Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Lette 5. Nr. 24. christgläubigen Standpunkt in sehr eleganter Schreibweise zu vertreten. Nichtsdestoweniger schließt er, der feingebttdete, strenggläubige Christ, der von dem Evangelium sagt: „eine Schwierigkeit mehr, würde es mich ebensowenig verwerfen lassen, als eine Schwierigkeit weniger, ein Grund sein würde, es anzunehmen. Der Glaube wird niemandem aufgedrungen. Aber ich erkläre es, ich kann eine Religion ohne Geheimnis und ohne Wunder nicht fassen..." mit folgenden Worten: „Und dennoch, wie schon zu Anfang. gesagt, liebe ich das Buch des Herrn Salvador. Ich liebe es trotz der tiefen Meinungsverschiedenheiten, trotzdem ich es unvollständig, zuweilen dunkel, oft in einem abstrakten und ängstlichen Style geschrieben finde. Ich liebe es, weil man darin einen freien, erhabenen, geraden und bis aufs kleinste gewissenhaften Geist findet, einen loyalen Israeliten, und ich weiß nicht, welcher religiöse Hauch, welche Inspiration der Seele diese Erörterung unterstützt. Ich liebe es, weil Herr Salvador kein Christ ist. der seine Mutter schlägt und zerreißt, sondern ein Jude, mitRecht stolz auf seinen Adel, den ältesten und glorreichsten der Welt, der seine Würde und die seiner Nation verteidigt, und die Verheißungen der Propheten nur in Anspruch nimmt, nm sie mit allen Menschen zu teilen und das ganze Geschlecht Adams daran teilhaftig zu machen. Ich liebe es auch, wegen des Gegenstandes; Fragen dieser Art sind über die erbärmlichen Fragen so sehr erhaben, woraus wir unsere tägliche Nahrung machen; sie erwecken so viele ernste Ideen, so viele rührende Hoffnungen, so viele Sympathie bei dem edelsten Teile der Seele. Weit entfernt zu glauben, daß das Buch des Herrn Salvador ein gefährliches Buch sei, möchte ich um des Christentums selber willen lieber, daß wir Bücher dieser Art wieder Geschmack abgewännen, ich mache mir nicht aus einem Glauben ohne Einsicht und ohne Ernst. Ein Punkt endlich ist, in welchem ich ganz mit Herrn Salvador übereinstimme, und ich bin glücklich, damit enden zu können, nämlich, daß das kleine jüdische Volk, wie man es im letzten Jahrhundert nennt, durch das Wunder seiner Be st immun g, durch den Einfluß, den es auf die Welt ausgeübt hat, durch den, der ihm noch Vorbehalten zu sein scheint, das größte Volk, das edel st e unter den Familien der Menschheit, der wahrhaft auserwählte S tam m G o ttes ist." Wer möchte beim Lesen dieses Schlusses nicht ausrufen: Tempora mntantur! Gerade der Punkt, in welchem de Sacy mit Salvador übereinstimmt, ist es ja, was jetzt am meisten von gelehrten und ungelehrten Literaten bekämpft und bestritten wird. Um die Auserwähltheit des israelitischen Stammes, den Einfluß des Judentums auf die menschliche Kultur nicht gelten zu lassen, wird die semitische Rasse als inferior und sittlich bemakelt und verderbt hingestellt, wird .der jüdische Stamm geschmäht und beschmutzt, wird die Lehre Israels, das alte Testament, bei jeder Gelegenheit seiner himmlischen Herkunft, seines hohen Schmuckes beraubt und in den Kot gezeert, ohne Rücksicht darauf, daß man dadurch sich selbst die Grundlage entzieht. Nicht die Erforschung der Wahrheit und die Erweiterung der wissenschaftlichen Erkenntnis ist dabei so sehr das Ziel, als vielmehr Israel seinen bisherigen Nimbus zu nehmen. Man merkt diese Absicht und das ist es, was verstimmt. Stark. Jahresversammlung der Israel. Distrilrtsprasrdenten in Ungarn. Dienstag, den 7. d. M. hielten die israelitischen Distriktspräsidenten im Sitznngsfaclle der Pester israelitischen Religionsgemeinde ihre ordentliche Jahresversammlung ab, nach welcher sie beim Kultusminister Dr. Berzeviczy und beim Ministerpräsidenten Grafen Tißa ihre Aufwartung machten. Im Berichte der israelitischen Laudeskanzlei, der heuer von besonderem Interesse ist und mit. welchem wir uns noch eingehender zu beschäftigen gedenken, heißt es unter anderem: Die Landeskanzlei hält es für das beste, dem Beispiele der protestantischen Kirchen zu folgen, welche die Durchführung des Gesetzartikels 20 vom Jahre 1848 urgicren. Die Landeskanzlei lege Gewicht darauf, baß das Gleichheitsprinzip allen rezipierten Konfessionen gegenüber in seiner vollen Gänze und m allen seinen Beziehungen durchgeführt werde. Um die Interessen der israelitischen Konfession gehörig wahren zu können, müssen die erforderlichen orientierenden Daten beschafft werden. Die Landeskanzler schließt sich auch jenem Verlangen der protestantischen Kirchen an. daß in den staatlichen Schulen der Staat für den Religionsunterricht Sorge trage, für den Religionsunterricht in den nichrstaatlichen Schulen aber möge den Konfessionen eine entsprechende Staatssubvention verliehen werden. Der Bericht bespricht sodann die Notwendigkeit der Einberufung eines Kongresses behufs Herbeisühruug einer Landesorganisation der Israeliten. Der Bericht fordert für die Juden die Autonomie, entsprechend derjenigen der anderen rezipierten Konfessionen, ferner die offizielle Vertretung der Israeliten im Magnatenhause. Zum Schluffe heißv es in dem Bericht, das Vorgcbrachte sei weniger eine Rechenschaftslegung, als ein Programm für die Zukunft. Dem Beschlüsse der Generalversammlung zufolge machten die Distriktspräsidenten beim Kultus- und Unterrichtsminister Albert Berzeviczy und beim Ministerpräsidenten Tißa ihre Aufwartung. Der erstere sagte ihnen über die Nichterfüllung des Autonomiebegehrens, sie müßten es zum großen Telle sich selbst zuschreiben, weil unterhalb der Kretse der Konfession divergierende Bestrebungen bestehen, welche das Zustandebringen einer einheitlichen Organisation äußerst erschweren. Der Ministerpräsident Graf Stephan Tißa sagte ihnen unter anderem: Wer unbefangen und in richtiger Erwägung aller das Schicksal Einzelner und der Nationen zu entscheiden berufener Kraftfaktoren die Aussichten unserer Nation prüft, kann sich davon überzeugen, daß unsere Nation nur dann bestehen, sich entwickeln und prosperieren kann, wenn es gelingt, in der großen Arbeit des Fortschrittes in nationaler Hinsicht sämtliche Arbeitskräfte und alle Faktoren zu vereinen Dies ist sozusagen das Rückgrat meines volitifcheu Glaubensbekenutniffes: dies trachte ich auch in der Regelung des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Konfessionen und dem Staate zu verwirklichen. Wenn auch hie und da Fragen auftauchen, bei deren Lösung vielleicht der konfessionelle und der staatliche Gesichtspunkt^nicht vollkommen kongruent sind, so muß mau gerade in Ungarn den Staat und die Konfessionen als natürliche Bundesgenossen betrachten, die ihre großen Aufgaben blos Hand in Hand, mir einer von gegenseitigem Vertrauen erfüllten Tätigkeit zu lösen vermögen. Seien Sie davon überzeugt, daß mich dieses Gefühl und diese Denkungsart auch dann leiten wird, wenn es meine Aufgabe sein wird, mich mit den Angelegenheiten der israelitischen Konfession zu befassen. Heute kenne ich — offen gestanden — diese Angelegenheiten nicht genau genug, um hier konkrete Erklärungen abgeben zu können: darüber kann ich Sie aber versichern, daß ich einerseits diejenige Verfügung des Gesetzes, welche Ihre Religion als rezipierte Konfession anerkennt, ernstlich zu verwirklichen beabsichtige und daß ich Sie andererseits auf jenem Gebiete Ihrer Tätigkeit, wo Sie sich mit der nationalen Sache und dem Liberalismus sozusagen von Generation zu Generation in erhöhtem Maße zu identifizieren wünschen, mit Wohlwollen begleiten und — wo hiezu Gelegenheit vorhanden ist — Sie gerne unterstützen werde. Der jüdische Magnat. Wie die im Berichte der jüdischen Landeskanzlei aufgestellte Forderung nach offizieller Vertretung der ungarischen Judenschaft im ungarischen Magnatenhause von manchen politischen Kreisen beurteilt wird, ersehen wir aus nachstehendem im „Budapester Abendblatt" veröffentlichten Artikel: Kein Mensch hat eine Ahnung davon, wie viel und mannigfach die Schmerzen sind, von welchen die arme Menschheit geplagt werden. Oft erlangt man von solchen erst dann Kenntnis, wenn irgend eine Versammlung abgehalten wird, und ein besonders gescheidter Kopf den Versammelten die Offenbarung macht, wo der Schuh sie eigentlich drücke. Eine solche Offenbarung hat sich auch gestern in der Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten vollzogen. Ein großer Teil der Zeitungsleser hat gewiß nicht einmal eine Ahnung, was so ein Distriktspräsident eigentlich ist; aber das macht nichts, man braucht sich dessen nicht zu schämen, diese Unwissenheit stempelt Niemanden zu einem Ignoranten und man verliert auch nichts, wenn man all sein Lebenlang es nicht erfährt. Wir lassen uns daher in keine umständliche Erklärung ein und konstatieren einfach, daß die Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten stattgemnden und eine Deputation derselben gestern beim Ministerpräsidenten und Kultusminister vorgesprochen hat, bei welcher Gelegenheit es offenkundig wurde, was der ungarischen Judenschaft zur vollen Glückseligkeit fehle. Der ungarischen Judenschan? Ach nein? Kultusminister Berzeviczy war so malitiös, die Deputation darauf aufmerksam zu machen, daß sie samt ihrer

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