Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063237--03114-3069845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 24 christlich-sozialen Partei zu ignorieren vermöchte. Das Wichtigste und Bedeutsamste an diesem einen von den Behörden nach Gebühr gebrandmarkten Wahlschwiudel aber ist der Umstand, daß mit demselben eigentlich das ganze System der christlich-sozialen Walstschwindelei entlarvt und — verurteilt erscheint So wie es bei den Personaleiukommcnsteuerwahlen im IX. Bezirke zuging, genau nach demselben Rezept haben die Christlich-Sozialen bei allen Wahlen in Wien gearbeitet; dieselben Machenschaften, dieselben Inkorrektheiten, dieselben Mißbräuche und Gewalttätigkeiten waren es, die der skrupellosen Partei beinahe überall zum Siege verhalfen. Die Kandidaten der christlich-sozialen Partei haben immer den Mund vollgenommen, um den indischen" Schwindel zu verdammen; in Wahrheit aber haben die großen Worte nur dazu gedient, um hinter ihnen die Korruption und einen Schwindel zu verdecken, wie er noch von keiner Partei großqezogen wurde. Die christlich-sozialen Wahlen entsprachen ihrem innersten Wesen gewiß genau der moralischen Methode, welche Dr. Lueger einst seinen Anhängern empfahl, damit diese sich durch ihre Abstimmung nicht eine materielle Schädigung zuzögen. „Zeiget einen Stimmzettel mit dem Namen des liberalen Kandidaten vor. aber einen zweiten mit dem Namen des antisemitischen Kandidaten werft in die Urne' — diesen Rat erteilte Dr. Lueger. In diesem Geiste entwickelte sich die Wählermoral der Wiener Christlich-Sozialen immer weiter und weiter, bis es zuletzt dahin kam, daß Stimmzettel abgegeben wurden, auf welchen angeblich ein Wähler Namens Itzig Schmeckeles — die antisemitischen Kandidaten wählte! * * Der König von Rumänien hat sich anläßlich eines Zweikampfes in Bukarest, der mit der tätlichen Verwundung des einen Duellanten endete, in sehr scharfer Weise gegen den Duellunfug ausgesprochen. Es ist sehr erfreulich, daß der König von Rumänien so eklatant gegen ein rohes Ueberbleibsel aus dem Mittelalter Stellung nahm, daß er eine gesellschaftliche Unsitte verdammte, die gegen Gesetz und Recht, gegen Religion und Humanität gleich verstößt. Man wäre jetzt gar nicht überrascht zu hören, daß Se. Majestät die entsetzlichen Judenverfolgungen in seinem Staate, die doch wohl auch nicht mit den Lehren der Nächstenliebe, mit den Pflichten der Gerechtigkeit, mit den Anforderungen von Recht und Humanität in Einklang zu bringen sind, in der entschiedensten Weise brandmarken würde. Se. königliche Gemahlin, die unter dem Namen Carmen Sylva so schön Menschenliebe und Duldung. Liebe und Idealismus besingt, hätte dann einen herrlichen Anlaß, ihren Galten und König in einer begeisterten Dichtung zu preisen. lempors mutantur. Das talmudische Rechtsgesetz bestimmt die Zeit, innerhalb welcher ein Zeuge über etwas von ihm Gehörtes oder Gesehenes eine glaubwürdige Aussage vor Gericht machen kann, auf sechzig Jahre (Ketuboth 120 d). In unserer raschlebigen Zeit, wo ein Ereignis das andere drängt, wo von den sensationnellsten Geschehnissen nur einige Tage, höchstens einige Wochen gesprochen wird, und auch das Wichtigste nur einige Monate im allgemeinen Gedächtnisse bleibt, hätte wohl der Talmud diese Frist auf einen viel kürzeren Zeitraum beschränkt. Kann man doch tagtäglich sehen, daß viele über das, was sie gehört und gesehen haben wollen, schon nach wenigen Tagen nicht mehr genaue, dem Sachverhalt entsprechende Angaben zu machen imstande sind. Ein besonders schlechtes Gedächtnis besitzen die Antisemiten. Die Zahl der täglich aus ihrer Mitte wegen der verschiedensten Delikte vor Gericht gestellten Leute ist Legion, und doch können sie sich nie erinnern, daß je ein Dieb, ein Defraudant, ein Betrüger u. s. w. unter ihnen gewesen wäre. - Ihre lügenhaften Behauptungen wiederholen sie nach kurzen Zeiträumen immer wieder, obgleich deren Lügenhaftigkeit zehnmal unwiderleglich bewiesen worden ist. Sie rechnen aber auf das kurze Gedächtnis der großen Masse und darin täuschen sie sich leider nicht. Auf literarischem und wissenschaftlichem Gebiete geht es nicht viel besser zu, stehen die Dinge nicht viel anders. Wie vielmal z. B. ist schon die falsche Behauptung, daß der jüdische Gott, der Gott der Bibel, ein Gott des Zornes und der Rache ist, daß das Christentum und nicht das Judentum zuallererst das Gebot der Nächstenliebe aufgestellt hat, als solche in unwiderleglicher Weise dargetan und anerkannt worden; und dennoch wird sie selbst von Einsichtigeren und Wahrheitsliebenderen noch immer wiederholt und geglaubt, weil die Behauptung sich gleichsam von Geschlecht aus Geschlecht vererbt, während ihre Widerlegung in der kürzesten Zeit in Vergessenheit kommt. Darum ist es notwendig, daß auch von jüdischer Seite selbst das scheinbar Selbstverständliche öfter wiederholt und ins Gedächtnis zurückgerufen werde. Diese Erwägung hat mich bestimmt, eine Rezension wenigstens teilweise zu reproduzieren, die ein berühmter, französischer, christlicher Gelehrter vormehr als sechzig Jahren über ein von einem gelehrten französischen Juden verfaßtes Werk geschrieben und im „«Journal des Debats“ veröffentlicht hat und die seinerzeit von der „Zeitung des Judentums" in deutscher Uebersetzung wiedergegeben worden ist. Der gelehrte Verfasser der „Mosaischen Institutionen" und der „Römerherrschaft in Judäa", Salvador, hat im Jahre 1838 auch eine Aufsehen erregende Schrift unter dem Titel: „Jesus Christ et sa Doctrine. histoire de la naissance de l’Eglise etc.u veröffentlicht. Kein Geringerer als S. de Sacy, Mitglied der französischen Akademie, hat eine ausführliche Kritik über diese Schrift eines Juden über den Stifter der Kirche und deren Entstehung in der damals angesehensten und verbreitetsten Zeitung Frankreichs geschrieben. Auch hierin zeigt es sich: Tempora mutantur! Heutzutage, wo der Rassenhaß seine schönsten Blüten treibt und gerade die aus der Höhe der Wissenschaft stehenden jüdischen Gelehrten am meisten angeseindet und verleumdet werden, würde sich wohl kaum ein Jude sinden, der sich an ein für ihn so heikles Thema heranwagen und noch weniger ein Christ, der dem jüdischen Verfasser einer solchen Schrift, wie die Salvadors, solche Gerechtigkeit widerfahren lassen würde. Es muß nämlich bemerkt werden, was sich übrigens aus der Kritik selbst ergibt, daß de Sacy ein ebenso gläubiger Christ war, wie sein berühmter Vater Sylvester de Sacy, der Begründer des arabischen Sprachstudiums in Europa. S. de Socy beginnt seine Kritik folgendermaßen: „Ich liebe das Buch des Herrn Salvador, und dennoch bin ich entfernt, weit entfernt, den größten Teil der Meinungen zu teilen, welche darin verteidigt und auseinandergesetzt werden. Das Buch des Herrn Salvador ist schon bekannt; Jedermann weiß, daß in diesem neuen Werke das Ziel, welches sich der Verfasser der Geschichte der Satzungen Moses gesteckt hat, ist: den Christentum seiuen Charakter göttlicher Offenbarung und des höchsten Gesetzes der Geister zu nehmen. Doch Herr Salvador hat vielmehr das Christentum in einigen wesentlichen Teilen das Gesetz und die Religion der Juden verdorben, oder, um mich eines Ausdruckes zu bedienen, welcher dem Gedanken des Verfassers besser entsprechen wird, die religiöse und politische Philosophie des Volkes Mosis, die hebräische Zivilisation.. .. Was die Moral anbelangt, so behauptet Herr Salvador, ohne dem Meister der Christenheit den Ruhm, daß seine Lehre eine überzeugende Anmut und eine oft unvergleichliche Erhabenheit besitzt, streitig machen zu wollen, daß das Christentum sie schon ganz unvorbereitet, ganz vollendet vorgefunden habe, einige Ideen -von aszetischer Strenge vielleicht ausgenommen, deren Uebertreibung sich natürlicherweise mit der orientalischen Glaubenslehre von dem Uebergewichte des Bösen in dieser Welt verbinden mußte." De Sacy skizziert dann im wesentlichen den ganzen Inhalt der Schrift Salvadors und unterläßt es nicht, zu vielen Stellen seine Glossen und Einwendungen zu machen und seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.